Zeitzeugnisse
Ein St.Gallen, das es nicht mehr gibt: Stadtarchivar hat spektakuläre historische Bilder von Foto Gross erschlossen – jetzt sind 5000 Fotos online

Verarmte St.Gallerinnen und St.Galler, die 1941 beim Fürsorgeamt auf Brot warten, eine Frau am Webstuhl und die Multergasse, bevor sie 1969 verkehrsfrei wurde: Solche Bilder aus der Stadt St.Gallen hat Stadtarchivar Thomas Ryser digitalisiert. 5000 historische Trouvaillen sind jetzt öffentlich zugänglich.

Mirjam Bächtold
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Das Foto mit dem Hospiz an der Gabelung Teufenerstrasse /Davidstrasse entstand um 1948.

Das Foto mit dem Hospiz an der Gabelung Teufenerstrasse /Davidstrasse entstand um 1948.

Bild: Stadtarchiv/Foto Gross

100 Meter – so lange ist die Reihe von Schachteln mit Fotos aus dem Archiv des Fotofachgeschäftes Gross. Es ist ein riesiger Fundus mit gegen 178'000 Bildern vom beginnenden 20. Jahrhundert bis zum Jahr 2010. 2011 hat das Stadtparlament einen Verpflichtungskredit erteilt, um den städtischen Teil der Bilder zu kaufen und in die Stadtarchive zu übernehmen. Dort wurden sie gereinigt, digitalisiert, archivgerecht verpackt und erschlossen.

Stadtarchivar Thomas Ryser.

Stadtarchivar Thomas Ryser.

Bild: Coralie Wenger

Stadtarchivar Thomas Ryser hat in einem kurzweiligen Vortrag an der Gallusfeier am Samstagabend im Pfalzkeller einen Einblick in dieses zeitgeschichtlich wertvolle Archiv gewährt. Einerseits präsentierte er die Geschichte des Familienunternehmens Gross, andererseits die Fotografien, welche die Geschichte der Stadt und ihrer Bewohnerinnen und Bewohner festhalten.

Erste Fotoausstellung der Welt

Noch bevor Hans Gross sein Fotofachgeschäft gründete, kamen 1839 erste Fotografien aus Paris nach St.Gallen. Der Maler und Kupferstecher Johann Baptist Isenring machte die Daguerreotypie einer interessierten Öffentlichkeit bekannt. Er erwarb selbst eine Kamera und war dann wahrscheinlich der Erste, der 1840 Daguerreotypien kolorierte. «Im August des gleichen Jahres machte er in St.Gallen eine Ausstellung mit seinen Bildern – vermutlich war dies die erste öffentliche Fotoausstellung der Welt», schildert Thomas Ryser in seinem Referat.

Ein Staubsauger, mit dem man Haare föhnen kann

Vor genau 100 Jahren, 1921, eröffnete Hans Gross sein Fotofachgeschäft an der Grossackerstrasse 3. Es war bekannt für Postkarten mit Landschafts- und Stadtbildern, Luftaufnahmen, Portraits und Werbeaufnahmen. Ein tolles Zeitzeugnis in Sachen Werbefotografie sind die Fotos für eine Staubsauger-Anzeige der Firma Bühler. Mit dem Gerät konnte man nicht nur staubsaugen – wie die Hausfrau im 1940er-Jahre-Look präsentiert – sondern auch Federn von einem Kissen ins andere umfüllen, Farbe oder Schädlingsbekämpfungsmittel versprühen oder Haare föhnen.

Den Staubsauger der Firma Bühler konnte man auch verwenden, um Haare zu föhnen.

Den Staubsauger der Firma Bühler konnte man auch verwenden, um Haare zu föhnen.

Bild: Stadtarchiv/Foto Gross

Eine wichtige Rolle spielt das Archiv der Firma Foto Gross auch für die Architekturgeschichte. So dokumentieren die Bilder eindrücklich den baulichen Wandel in der Innenstadt zwischen den 1940er- und 2010er-Jahren. Die visuell grössten Veränderungen standen unter anderem im Zusammenhang mit dem Bau des Neumarkts, der Raiffeisen-Gebäude und des Einstein Congress.

Ein Lobgesang auf Plastik und Menschen, die auf Brot warten

Die Bilder geben auch den Wandel vom Mangel der Nachkriegsjahre zum Überfluss der heutigen Zeit eindrücklich wieder. Eine Aufnahme zeigt Menschen, die 1941 beim Fürsorgeamt auf Brot warten. Spätere Aufnahmen zeigen Schaufenster etwa des Kaufhauses Globus mit Mode nach Vorbild aus den USA und einem Lobgesang auf Plastik.

Zudem bietet das Archiv einen Einblick in die Arbeitswelt. Da ist ein Foto einer Frau beim Kleiderwaschen mit einer einfachen Waschmaschine 1942 und eine Aufnahme einer Frau am Webstuhl 1938.

Frau am Webstuhl 1938.

Frau am Webstuhl 1938.

Bild: Stadtarchiv/Foto Gross

Die Bilder dokumentieren auch das Freizeitverhalten über die letzten 100 Jahre. Eine Aufnahme zeigt eine Menschenmenge vor dem Kino Rex (das leider ebenfalls Geschichte ist), die ansteht, um 1955 erstmals «Heidi und Peter» in Farbe zu sehen.

1955 stürmten St.Gallerinnen und St.Galler ins Kino Rex, um den Film «Heidi und Peter» erstmals in Farbe zu sehen.

1955 stürmten St.Gallerinnen und St.Galler ins Kino Rex, um den Film «Heidi und Peter» erstmals in Farbe zu sehen.

Bild: Stadtarchiv/Foto Gross

Auch die verschiedenen Verkehrsmittel sind im Archiv bestens dokumentiert. Da sieht man etwa das Tram auf der Teufenerstrasse oder die zugeparkte Multergasse, die erst 1969 verkehrsfrei wurde. Was viele St.Gallerinnen und St.Galler vielleicht nicht mehr wissen: Zwischen 1927 und 1931 konnte man beim Flugplatz Breitfeld in ein Flugzeug steigen und nach Zürich oder Basel fliegen.

Thomas Ryser, der 2010 sein Lizenziat mit einer Arbeit über die fotografische Darstellung der ländlichen Bevölkerung während des Zweiten Weltkriegs abschloss und 2019 zum Thema Pressefotografie promovierte, war als Redner prädestiniert. Seit 2010 beschäftigt er sich mit dem Fotoarchiv Gross. Unter den Zuschauern war auch Erich Gross, der das Geschäft 1989 übernahm und in dritter Generation führte. «Ich bin begeistert. Thomas Ryser hat ein enormes Wissen, ich habe heute selbst noch Neues erfahren», sagt er und lacht. «Es ist sehr schön, dass unser Archiv dank der Arbeit der Stadtarchive erhalten bleibt für die Nachwelt.»

Rund 5000 der Fotografien kann man seit dem Wochenende auf der Website des Stadtarchivs anschauen. Eine Anleitung, wie man bei der Recherche vorgeht, ist ebenfalls online.

Impressionen aus den 1930er-Jahren: Thomas Ryser hat das Archiv des Fotogeschäfts Gross erschlossen und digitalisiert.

Impressionen aus den 1930er-Jahren: Thomas Ryser hat das Archiv des Fotogeschäfts Gross erschlossen und digitalisiert.

Bild: Coralie Wenger

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