«Gallus bedeutet Gockel – das passt»

Das Gallus-Jubiläumsjahr ist auch das Jahr jener, die so heissen. Zwölf von ihnen stellen wir im Laufe des Jahres vor. Heute: Gallus Brägger aus St. Gallen, der auch mit 91 Jahren noch voller Elan durchs Leben geht.

Sarah Schmalz
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Gallus Brägger in seinem Garten, den er mit Leidenschaft pflegt. (Bild: Hanspeter Schiess)

Gallus Brägger in seinem Garten, den er mit Leidenschaft pflegt. (Bild: Hanspeter Schiess)

ST. GALLEN. Noch eine einzige Frucht trägt Gallus Bräggers Tomatenstrauch. Die Sonnenblumen lassen bereits die Köpfe hängen, die Hortensien sind schon verblüht. Im frühherbstlichen Garten sind dafür die Kabisköpfe schon zu beachtlicher Grösse herangewachsen. Säen, umgraben, Unkraut jäten – Brägger erledigt alle Arbeiten selber. Und sein Gartengemüse findet Verwendung: Der 91-Jährige kocht täglich, zusammen mit einer 88jährigen Freundin. Mittags in seiner Küche, abends in ihrer – seit zwanzig Jahren schon. Ihren Anfang nahm diese Freundschaft an einem ungewöhnlichen Ort.

Gallus, der Urgrosspapi

«Das Grab ihres verstorbenen Mannes liegt direkt neben dem meiner Frau», sagt Brägger. «Eines Tages sind wir miteinander ins Gespräch gekommen.» Seither gehen die beiden Alleinstehenden gemeinsam durchs Rentnerleben. Unternehmen regelmässig Ausflüge zusammen. Verbringen ihre Ferien gemeinsam. «Wo waren wir nochmal zuletzt?», überlegt Brägger. Dann fällt es ihm wieder ein: «Eine Woche Sommerferien im Tessin. Und vor kurzem erst haben wir eine Zugreise zum Schloss Salenstein unternommen.» Brägger geniesst das Leben, doch der Verlust seiner 1989 an Krebs verstorbenen Frau lastet immer noch schwer auf ihm. «Das Rösli hat ihre Aufgabe mit Bravour gemeistert», sagt er. Und: «Wir waren sehr glücklich zusammen.» Rösli war Gallus Bräggers zweite Frau. Als sich die beiden 1976 kennenlernten, war Brägger alleinerziehender Vater von fünf Kindern. Rösli brachte drei Kinder mit in die Ehe ein. «Sie hat es verstanden, die beiden Familien zusammenzuführen.»

Die Patchworkfamilie pflegt bis heute regelmässigen Kontakt. Brägger ist 15facher Grossvater und – dank Röslis Grosskindern – auch vierfacher Urgrossvater. «Für die Kleinen bin ich der Urgrosspapi Gallus», freut er sich. Vor ein paar Jahren flog Brägger nach Kalifornien. Dort, unweit von San Francisco, wohnt eine von Röslis Töchtern mit ihrer Familie. «Trotz der Distanz möchte ich auch diesen Kontakt pflegen», sagt Brägger.

Früh anpacken gelernt

Der Familienzusammenhalt ist für Brägger ein grosser Trost. Und ein Wert, welcher dem Bauernsohn in seiner eigenen Kindheit vermittelt wurde. Als ältestes von sieben Kindern musste Brägger früh mit anpacken – auf dem Hof im Zentrum von Lenggenwil und im Familien-Restaurant «Krone». Dennoch bezeichnet er seine Jugend als glücklich. Von seinem Vater spricht er mit Bewunderung: Ihm sei es gelungen, die Kinder für die Arbeit auf dem Hof zu begeistern. «Ich wäre gerne Bauer geworden.»

Der Familie fehlte das Geld, um allen Söhnen die Übernahme eines eigenen Bauernhofes zu ermöglichen. Der Vater riet Gallus Brägger deshalb zu einer Banklehre. Trotz der schwierigen Wirtschaftslage fand Brägger eine Lehrstelle bei der Wiler Filiale der St. Galler Kantonalbank. Als der Vater plötzlich an einer Embolie verstarb, war der 23-Jährige in der Verantwortung. Mit der Mutter führte er fortan den Hof – bis alle seine Geschwister die Volljährigkeit erreichten und ein Bruder den Betrieb übernehmen konnte.

Den Eichhörnchen zusehen

Parallel dazu arbeitete Brägger als Buchhalter-Kassier bei der Bauernhilfskasse, welche jungen Landwirten mittels Investitionskrediten Starthilfe bot. Zu einem Anfangslohn von 300 Franken. Während elf Jahren war er bei der Organisation tätig, stieg zum landwirtschaftlichen Schätzer auf. «Konnte ich jemand Tüchtigen zu einer Existenz verhelfen, habe ich mich mit Herzblut für eine Kreditvergabe eingesetzt», sagt Brägger. Dafür schlage ihm noch heute viel Dankbarkeit entgegen. «Von den Kindern oder Grosskindern derer, die wir damals unterstützt haben.» 1953 wechselte Brägger zur Kantonalbank – bis zu seiner Pensionierung arbeitete er dort als Liegenschafts-Schätzer.

Gönnte er sich auch mal Ruhe? Brägger denkt nach. Sagt dann: «Meine Freizeit gehörte immer der Familie. Brauchte ich Zeit für mich, setzte ich mich frühmorgens in den Garten, beobachtete die Eichhörnchen im nahen Park und dachte nach.» Er sei ein Morgenmensch, gehe dafür zeitig ins Bett. Da habe ihn wohl das Hofleben geprägt. Dann lacht Brägger und sagt: «Gallus bedeutet Gockel, nicht wahr? – Das passt zu mir.»