«Gäbe es nur mehr solche Häuser»

Das St. Galler Solidaritätshaus für Flüchtlinge ist schweizweit einmalig. Die abtretende Trägervereinspräsidentin Ursula Surber lobt das grosse Engagement der Ostschweizer Zivilgesellschaft und wünscht sich ein zweites Haus.

Marcel Elsener
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Ursula Surbers jüngste erfreuliche Erweiterung: Das Solihaus hat jetzt auch ein Stück Garten. (Bild: Hanspeter Schiess)

Ursula Surbers jüngste erfreuliche Erweiterung: Das Solihaus hat jetzt auch ein Stück Garten. (Bild: Hanspeter Schiess)

ST. GALLEN. Überraschende Besucher gibt es im Solidaritätshaus, kurz Solihaus, im St. Galler Stadtteil St. Fiden immer wieder. Aber ein Wirtschaftsethiker der Universität St. Gallen ist nicht alltäglich, und was Florian Wettstein an diesem Vormittag mitbringt erst recht nicht: Wettstein packt einen Kinderwagen aus dem Kofferraum, der eritreische Hauswart Medrek Haile hilft beim Zusammenbau. «Super, ein Doppelstöcker!» Ursula Surber staunt erfreut. «Das ist typisch für unser Haus, für seine Vernetzung, für praktische Hilfe und echte Begegnungen.» Der Kinderwagen wird noch am gleichen Tag an eine Flüchtlingsfamilie weitergegeben – ein solches Gefährt kann sich nicht leisten, wer unter der Armutsgrenze lebt.

Der HSG-Professor hat noch einen zweiten Grund für seinen Besuch: Er liefert druckfrische Broschüren der öffentlichen Vorlesungsreihe, mit einem Schwerpunkt zur Flüchtlingsproblematik und deshalb mit Porträts aus dem Solihaus bebildert; eindrückliche Aufnahmen von jungen Afghanen oder Müttern aus Irak oder aus Eritrea.

Taten gegen die soziale Kälte

Tatsächlich ist die HSG-Verbindung ein Beleg für die weitreichende Vernetzung einer Institution, die eine für die Ostschweiz erstaunlich engagierte Zivilgesellschaft abbildet. 2011 eröffnet, sollte das Solihaus – zusammen mit der benachbarten Integra-Schule und im Rahmen des Solidaritätsnetzes Ostschweiz – einen tatkräftigen Beitrag zur Integration leisten. Und ein Zeichen setzen «gegen die soziale Kälte», die sich in der Gesellschaft breit machte und eine Kluft zwischen Schweizern und Ausländern trieb, wie es hiess.

Seine Ansprüche hat der Trägerverein aus sozial und kirchlich engagierten Personen mehr als erfüllt: Das in einem früheren Kinderhort eingerichtete Haus hat seine Angebote stetig erweitert und beruht auf einem «rundum guten Fundament», wie die Trägervereinspräsidentin Ursula Surber sagt, im Moment, da sie ihr Amt an die Vorstandskollegin Bernadette Bachmann übergibt. Ursula Surber, Wittenbacherin, ehemalige SP-Kantonsrätin und jüngst 70jährig geworden, verkörpert das Solihaus wie niemand sonst. Was sie selber nie so sagen würde, aber ihr Umfeld bestätigt: Sie sei «das Gesicht des Solihauses und hat wahnsinnig viel dafür getan», sagen Leute, die es wissen müssen.

Mathematik und Gartenarbeit

Freilich spricht die Solihaus-Mitgründerin ungern von ihren Verdiensten. Sondern viel lieber von gemeinsamen Anstrengungen und kleinen, aber bedeutsamen Erfolgserlebnissen – etwa wenn drei Flüchtlinge in ihren Lehrabschlüssen Mathe-Noten über 5 erhielten, weil sie im Solihaus Mathematik gebüffelt hatten. Oder wenn jüngst das Haus in die angrenzenden Familiengärten erweitert werden konnte; mit einer eigenen Parzelle und Hütte, die Flüchtlinge unter Anleitung eines Gartenbaumeisters hergerichtet haben.

«Eine Wohltat», freut sich Surber, und nicht etwa notgeboren: «Vor lauter Blumen finden wir die Kräuter und das Gemüse fast nicht mehr.» Das Essen für den Mittagstisch erhält das Haus von der Schweizer Tafel, die überschüssige Lebensmittel verteilt. Das tägliche Angebot und die damit verbundenen Arbeiten – Rüsten, Kochen, Putzen – sind das Herzstück des Solihauses. Mit Lerneffekten für alle Beteiligten, auch solche der humorvollen Art: Der gängige Konflikt um die richtige Zubereitung der traditionellen äthiopischen und eritreischen Speise Injera – gesäuertes Fladenbrot mit unterschiedlichen Füllungen – erinnere sie jeweils an Diskussionen um die echte St.Galler Bratwurst, schmunzelt Ursula Surber.

Zwangsläufig geht es in der St. Fidener Anlaufstelle auch um Formulare und Beratungen, doch das erste Interesse aller ist konkrete Hilfe im Alltag: Die Kurse in Hauswirtschaft, Nähen oder Rechnen sowie die Aufgabenhilfe sind gut besucht. Und bewirken viel: 2015 konnten dank des Hauswirtschaftskurses zehn Flüchtlingsfrauen in eine Festanstellung vermittelt werden. Dabei führen die Kulturunterschiede auch bei scheinbar simplen Sachen oft zu hohen Hürden. «Asylsuchende, egal mit welchem Status, gehören zum Alltag in diesem Land wie wir selbst», betont Ursula Surber, wofür es «riesige Anstrengungen auf beiden Seiten» brauche.

Einsicht auf Seiten der Politik

Die harsche Realität verbietet ihr Schönfärberei, nicht verstehen kann sie – ihr persönlich nie zugetragene – Anfeindungen, wie etwa jene eines Online-Kommentators, der gegen die «kranken Gutmenschenübungen» wetterte. «Die Menschen, die aus zerstörten Ländern kommen, die wegen Krieg oder Armut wenig Möglichkeiten zum Schulbesuch oder zu einer Ausbildung hatten, die nie ein gesichertes Leben führen konnten, die oft jahrelang auf der Flucht waren, aus unterschiedlichen Kulturen kommen und unsere Sprache nicht kennen: Das ist die Realität», stellt Surber fest. «Diese Tatsachen sind für alle Beteiligten eine anhaltende Herausforderung.»

Seit Bestehen des Solihauses haben dessen Vertreter darauf hingewiesen, dass Asylsuchende von Anfang an Deutsch lernen und arbeiten sollten, und zwar unabhängig davon, ob sie bleiben können oder voraussichtlich abgewiesen würden. Deutschkurse und Arbeitsmöglichkeiten für die Flüchtlinge bleiben Ursula Surbers wichtigstes Anliegen. «Die langen Wartezeiten mit ihrer erzwungenen Untätigkeit bringen nichts ausser Kosten und bei den Betroffenen Resignation, sogar Verzweiflung.» Immerhin habe die Arbeit des Solihauses mitgeholfen, bei Behörden und Politikern die Einsicht wachsen zu lassen, dass es andere Wege geben kann als repressive Massnahmen.

Der Leitungswechsel vollzieht sich in gut organisierten Strukturen; im Vorstand gab es einen einzigen, wegzugsbedingten Rücktritt. Die neue Präsidentin Bernadette Bachmann leitet die kantonale Fachstelle für Deutsch-Integration (Aida) und war ebenfalls SP-Kantonsrätin. Das Solihaus sei mit seiner grossen Freiwilligenarbeit «in der Schweiz einmalig», stellt Ursula Surber fest. Sie wünscht, dass es mehr solche Häuser gäbe: «Dies würde einem grossen Bedürfnis entsprechen und Druck von den Betroffenen nehmen.»

Solihaus-Fest morgen Samstag, 11 bis 17 Uhr mit Essen, Konzerten, Vorführungen und offiziellem Teil mit Präsidentinnenwechsel

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