Gabelstapler-Blues

Zwei Jobs in zwei Kulturvereinen reichen dem Degersheimer Ruedi Michel nicht. Jetzt organisiert er ein ungewöhnliches Open Air und hat bereits den nächsten Event im Kopf.

Michael Hug
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Flexibles Organisationsgespann: Ruedi Michel und Tochter Simone steigen ins Kleinkulturgeschäft ein. (Bild: Michael Hug)

Flexibles Organisationsgespann: Ruedi Michel und Tochter Simone steigen ins Kleinkulturgeschäft ein. (Bild: Michael Hug)

«Man muss Ideen verwirklichen, wenn man sie hat», sagt Ruedi Michel. Seit er sich selbständig gemacht und ein Kleinunternehmen aufgebaut hat, sprudeln Michels Ideen. Die meisten waren gut und wurden sogleich umgesetzt. So erklärt er sich den Erfolg seines Mühlenbauunternehmens, in dem er im milliardenschweren Bühler-Konzern den Konkurrenten im Geschäft gleich um die Ecke hat.

Michel macht beruflich das, was die Grossen nicht machen – die ungewöhnlichen und massgeschneiderten Aufträge. Reichlich ungewöhnlich ist nun auch sein neuester, absolut unberuflicher Einfall: ein Open Air in der Fabrik.

Kultur und Technik

Kornmühlen und Kultur? «Kein Gegensatz», sagt Michel, «ich interessiere mich für beides.» Fast jeder Mensch konsumiert mehr oder weniger Kultur, auch der technikorientierte Mensch Michel.

Doch der Unternehmer lässt sich nicht nur passiv berieseln, sondern bringt sich aktiv ins Kleinkulturgeschehen ein. Nicht in einem Verein, sondern gleich in zweien.

Beide Vereine konnte er nicht für seine Open-Air-Idee begeistern, so organisiert er es eben selbst – das erste «Funky Blues & Rock Open Air». Ganz alleine ist er dabei nicht, Michel beschäftigt in seiner Firma 16 Mitarbeitende und hat drei erwachsene Kinder – alle sind begeistert von der Idee ihres Chefs und Vaters.

Festen in Arbeitsumgebung

Doch was hebt das Funky Blues & Rock Open Air von den unzähligen Konkurrenz-Freiluftfestivals der Ostschweiz ab? Michel: «Die Spannung zwischen Rational-Funktionellem und Emotional-Unberechenbarem erzeugt ein ganz spezielles, eigenes Ambiente.» Auf Deutsch: Live-Musik in nüchterner Arbeitsumgebung schafft eine besondere Situation für die Sinne.

«Die Musik kommt von der Bühne wie anderswo auch, aber das Auge erfasst Maschinen, Geräte, rohes Metall und Halbfertigprodukte, industrielle Umgebung eben. Das generiert doch geradezu neue Bilder in den Köpfen», sagt Michel.

Plötzlich spielt der Gabelstapler die fetten Riffs, und die Hammerbässe kommen vom Laserschneider. «Das Arbeiten in der Fabrik ist wie Rock 'n' Roll», so Bluesfan Michel, «man kommt bei beidem ins Schwitzen.»

Hausgemachtes Mobiliar

Im Moment schwitzen alle, die mit der Vorbereitung des Fabrik- Open-Airs beschäftigt sind. Denn Michels Ideenfluss versiegte auch nach der Blitzgeburt des Festivals nicht. In der eigenen Werkstatt entsteht gerade ein raffiniert-konstruierter Massengrill, und nicht gemietete Bartheken sollen aufs Fabrikgelände, sondern handgefertigte Eigenfabrikate. Also kein gemietetes, bünzliges Festinventar, sondern «Chairs» aus Chromstahl im Home-made-Design.

Michel sagt stolz: «Der ganze Betrieb steht hinter dem Event, unsere Mitarbeiter sind auch Helfer, und damit wird der Fabrik-Groove persönlicher.»

Die Helfer arbeiten ehrenamtlich, fügt Michel an, wie an anderen Open Airs vergleichbarer Grösse auch. Denn das Fabrik-Open-Air ist kein Firmenanlass, sondern Projekt eines privaten Idealisten und unzähliger freiwilliger Helfer.

Bluesrocklastiges Programm

Mit Invade, Voodootronic und Zach Prather & the Bluesexpress sowie den einheimischen Skrufs hat Ruedi Michel ein bluesrocklastiges Programm zusammengestellt. «Etwas für die Alten und etwas für die Jungen, im Grunde das, was ich selber hören und erleben will.»

Das Funky Blues & Rock Open Air in der Fabrik findet morgen Samstag von 16 Uhr bis Mitternacht auf dem Areal der MTM Mühlenbau AG in Degersheim statt.

Michels Blick ist bereits auf den nächsten Anlass gerichtet – für den Herbst hat er Zydeco Annie & Swamp Cats gebucht.