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Blocher macht die SVP in Nesslau heiss für den Wahlkampf: «Gäbe es doch nur Toggenburger!»

Die St.Galler SVP fasst mit einem Wahlfest in Nesslau und dem Zuspruch Christoph Blochers Mut für den Herbst.
Marcel Elsener
Blocher, Brunner, Kuhglocken, Alpenbitter und Politpanini: Die SVP-Welt in Nesslau. (Bild: Urs Bucher)

Blocher, Brunner, Kuhglocken, Alpenbitter und Politpanini: Die SVP-Welt in Nesslau. (Bild: Urs Bucher)

Sicher waren sie nicht, ob es klappen würde, so gross ist die Verunsicherung in der SVP. «Wir haben schlecht geschlafen, weil wir ein leeres Zelt befürchteten», bekennt Parteisekretärin Esther Friedli, die mit ihrem Lebenspartner und Wahlkampfleiter Toni Brunner das Wahlfest der St.Galler SVP im Obertoggenburg verantwortet. Doch jetzt wirkt die Aussage kokett: Das Festzelt der Obertoggenburger Feldschützen in Nesslau, hinter der Grünabfallsammlung und der Tierklinik, ist rappelvoll. 800 Parteimitglieder und Sympathisanten sind erschienen, viele davon aus dem Toggenburg; es braucht zusätzliche Sitzbänke, einige müssen stehen.

Die Mischung aus Gratiswurst, bodenständiger Musik aus der Umgebung und dem früheren Erfolgsgespann Blocher & Brunner zieht gegen alle Unkenrufe, die Partei sei am Serbeln. Conférencier Brunner macht Stimmung: «Alles voll, die SVP lebt!», ruft er in die Hütte, stimmlich oft am Anschlag. «Wir pfeifen nicht, wie die Medien meinen, aus dem letzten Loch. Wir werden die Niederlage dann annehmen, wenn es so ist – aber zuerst werden wir noch um den Sieg kämpfen.»

Toggenburg als Kraftort der Normalen und Anpacker

Wo, wenn nicht in der Heimat des Land- und Gastwirts Toni, will die kriselnde Partei Kraft schöpfen. Mit gutem Grund: Im Kanton St.Gallen erreichte die SVP 2015 einen Stimmenanteil von 36 Prozent, im Toggenburg waren es sogar 41 Prozent. Ein Kraftort, eine Hochburg, garament das Réduit, das ins Land ausstrahlen soll. Das Hochtal unter den Churfirsten als Paradebeispiel jenes Kernlands, das die SVP nun mobilisieren muss.

Christoph Blocher wird bejubelt. (Bilder: Urs Bucher/TAGBLATT)Christoph Blocher wird bejubelt. (Bilder: Urs Bucher/TAGBLATT)
Blocher & Brunner strahlen wie eh und je.Blocher & Brunner strahlen wie eh und je.
«Ich wäre froh, wenn es nur Toggenburger gäbe», schwärmt Blocher.«Ich wäre froh, wenn es nur Toggenburger gäbe», schwärmt Blocher.
800 Parteimitglieder und Sympathisanten sind erschienen.800 Parteimitglieder und Sympathisanten sind erschienen.
Ein Foto im Festzelt.Ein Foto im Festzelt.
Auch Musik fehlt beim Wahlfest nicht.Auch Musik fehlt beim Wahlfest nicht.
Der Zürcher Nationalrat und Banker Thomas Matter stellt den neuen Episodenfilm zum Wahlkampf vor. Der Zürcher Nationalrat und Banker Thomas Matter stellt den neuen Episodenfilm zum Wahlkampf vor.
«Parlamentini»: Christoph Blocher, der Fraktionschef der St.Galler SVP Michael Götte (vorne rechts) und Bildungsdirektor Stefan Kölliker kleben Bildchen.«Parlamentini»: Christoph Blocher, der Fraktionschef der St.Galler SVP Michael Götte (vorne rechts) und Bildungsdirektor Stefan Kölliker kleben Bildchen.
Das «Parlamentini» ist den Panini-Fussballbildchen nachempfunden.Das «Parlamentini» ist den Panini-Fussballbildchen nachempfunden.
Parteisekretärin Esther Friedli hatte ein leeres Festzelt befürchtet.Parteisekretärin Esther Friedli hatte ein leeres Festzelt befürchtet.
Auftritt Christoph Blocher.Auftritt Christoph Blocher.
Es braucht zusätzliche Sitzbänke, einige müssen stehen.Es braucht zusätzliche Sitzbänke, einige müssen stehen.
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Wahlfest der SVP in Nesslau

Am besten immer noch mit Christoph Blocher. Er gehe nicht überall hin, aber ins Toggenburg komme er gern, sagt der 78-jährige Übervater aus Herrliberg. «Die reine Luft, die Aussicht, die Landschaft, es ist einfach schön», und hier wohnten noch normale, anpackende Leute. «Ich wäre froh, wenn es nur Toggenburger gäbe», schwärmt Blocher.

«Wenn ich die Wahlresultate in den Städten Genf und Zürich anschaue, würde ich die gern austauschen mit Toggenburgern.»

Die Städter und die Studierten, die den Landleuten alles vorschreiben, aber von denen alles bezahlt erhalten – diese Erzählung serviert Blocher in mehreren Varianten, unter johlendem Applaus. «Ihr sollt 20 Rappen mehr fürs Benzin bezahlen, aber die Zürcher haben das Tram vor der Tür und können den ganzen Tag in ihren Finken herumfahren?»

Die gleichen Moralisten, so Blochers Erzählung, reden Eltern im Oberland ein, dass ihr Kind am Nationalfeiertag keine Rakete zünden dürfe, derweil die Stadt eine halbe Stunde Feuerwerk abbrenne. «Mir muss keiner sagen, dass ich kein Fleisch mehr essen darf – er kann von mir aus das Gras auf der Wiese fressen.» Freihändig reiht der Chefpopulist, halb Pfarrer, halb Kabarettist, Anekdote an Anekdote, immer mit der Pointe, dass die Welt nur in den Nachrichten spinnt. Statt vergifteter Böden und kaputter Weiden sieht er fruchtbare Felder und fleissige Bauern: «Lasst euch nicht die Kappe waschen von Leuten, die nie gearbeitet haben.» Erst recht gilt das für die drohende EU und all jene, die an den Säulen unseres Wohlstands rüttelten: «Ich war das Leben lang Exporteur. Unternehmer, die wegen ihrer Exporte das Land kaputt machen wollen, sind unfähig.» Umso dringlicher der Wahlaufruf: «Wenn die SVP verliert, ist die Tür offen für einen Haufen Unsinn.»

Kandidatenbildchen wie die Panini-Fussballsticker

Eingelaufen mit Treichlern, die ihn schon seit der EWR-Abstimmung 1992 begleiten, lässt sich Blocher als Volkstribun feiern – als hätte jemand die Uhr um Jahrzehnte zurückgedreht. Nur dass die Stimmung nicht mehr gegen Ausländer und Flüchtlinge geht, sondern gegen Grüne, Akademiker, Bundesbeamte und Europabefürworter. Zu diesem heimelig inszenierten Retro-Film nicht ganz passen will der Zürcher Nationalrat und Banker Thomas Matter, der eine ganz andere SVP verkörpert, aber in Nesslau die neuen Wahlkampfinstrumente vorstellt – einen spassigen Episodenfilm als Nachfolger des «Welcome to SVP»-Videos und das Stickeralbum «Parlamentini». Letzteres, frech den Panini-Fussballbildchen nachempfunden, bietet die 300 wichtigsten Kandidaten aller Kantone zum Einkleben, Sammeln und Tauschen. «Hai, ist es schön im Toggenburg», sagt Matter, geistiger Vater von Stickern und Film, allerdings sind auch diese Ideen im «Haus der Freiheit» im Toggenburg ausgeheckt worden.

An den Tischen werden nun freudigst Päckchen aufgerissen: Reimann, Rösti, Zanetti, kein schlechtes Trio unter fünf, aber die Nachbarn trumpfen mit dem legendären (BGB-)Bundesrat Minger auf. «War der denn schon SVP?» Nicht alle Köpfe kommen im Toggenburg gleich an: «Köppel mag ein guter Redner sein, aber gegen Blocher hat er keine Chance», sagt einer und meint das Herz und den Humor, der auch Matter abgehe.

Drei Ergänzungslisten mit Personal bis Costa Rica

Zwischen Toggenburger Musik vom zugewanderten Berner Folkrocker Dänu Wisler mit Band oder dem Ländlertrio Tanzboden («De Eidgenoss») geht es endlich um den St.Galler Wahlkampf. Kantonalpräsident Walter Gartmann mobilisiert «gegen die Ideologisten und Phantasten» und zum Halten der fünf Sitze: «Es liegt an uns.» Dann lässt Brunner alle Kandidaten aufmarschieren: Nebst den fünf Bisherigen und sieben Neulingen auf der Hauptliste sind es 36 Landvertreter, Senioren und Unternehmer der drei so bestellten Ergänzungslisten.

Im Zusatzangebot finden sich querbeet Treu- oder Viehhändler, Holzarbeiter, Landwirte, Polizisten. Und manch ein alt Kantonsrat wie Dieter Spinner, der in schweren Stunden für die Partei stets zur Stelle sei: «Diesmal müssen wir kämpfen, Toni!» Die schrulligste Kandidatur kommt von der SVP International: Josef Erwin Wespe, ausgewanderter Rheintaler, will in Bern einen Sitz für Costa Rica. Der Spott geht meist gegen Grün: Als jedoch zweifach «Schmetterlingszüchter» gegen «echte Agronomen» ausgespielt werden, fragt man sich als neutraler Beobachter: Was nur hat die SVP gegen Schmetterlinge?

Blocher & Brunner strahlen wie eh und je

Als wählerstärkste Partei besetze die SVP gemäss neuem Wahlgesetz mit ihren Listen 1a bis 1d die ersten vier Blätter, sagt Brunner und grinst: «Gern hätte ich noch 20 weitere Listen gemacht, dann käme man beim Blättern gar nicht dorthin, wo man nie hin wollte.» Haha, viel gelacht, viel geklatscht, die Stars Blocher & Brunner strahlen wie eh und je, es gibt noch Walliser Raclette. Und alle sind sich einig: «Ein solches Fest schafft keine andere Partei.»

Auch der einzige «Sozi» im Publikum, SP-Kantonsrat und Zeltkulturveranstalter Martin Sailer aus Unterwasser, ist beeindruckt vom Aufmarsch und der Stimmung. Inhaltlich gefällt ihm freilich wenig. Gegen Mitternacht, Blocher hockt immer noch da und posiert für Selfies, warnt Brunner vor einer Polizeikontrolle: «Die zielen auf unsere Festbesucher.» Wie gut der Toggenburger Boden für die SVP wirklich ist, wird sich am 20. Oktober zeigen.

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