REGIONALBAHNEN
Appenzeller Bahnen fusionieren mit der Frauenfeld-Wil-Bahn: Die letzte Hochzeit der Schmalspurbahnen in der Ostschweiz

Am 11. und 17. Juni entscheiden die Aktionäre der Appenzeller Bahnen und der Frauenfeld-Wil-Bahn über die Fusion der beiden Bahnunternehmen. Für beide beginnt damit nach einer über 130-jährigen Geschichte eine neue Ära.

Christoph Zweili
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Ein Stadler-Triebzug «Walzer» der Appenzeller Bahnen zwischen Appenzell und Gontenbad.

Ein Stadler-Triebzug «Walzer» der Appenzeller Bahnen zwischen Appenzell und Gontenbad.

Bild: PD

Es sieht so aus, als wäre die Hochzeit der regional stark verankerten Meterspurbahnen, der Appenzeller Bahnen und der Frauenfeld-Wil-Bahn, nur eine Formsache. Mit der Zustimmung der über 2000 Aktionäre zum Fusionsvertrag entsteht rückwirkend ab 2021 die viertgrösste Meterspurbahn der Deutschschweiz, nachdem die Verwaltungsräte der beiden Bahnen Anfang 2020 beschlossen hatten, die Integration der Frauenfeld-Wil-Bahn in die Appenzeller Bahnen vertieft zu prüfen; die Generalversammlungen finden am 11. (Appenzeller Bahnen) und 17. Juni (Frauenfeld-Wil-Bahn) statt.

Seit bald 20 Jahren arbeiten sie zusammen – die Appenzeller Bahnen, die als Pendlerbahn mit einem grossen Anteil an Freizeitverkehr ein Netz von Meterspurbahnen in den Kantonen Appenzell Innerrhoden, Appenzell Ausserrhoden sowie St.Gallen betreiben, und die einstige Strassenbahn, die als reine Pendlerstrecke das Murgtal im Kanton Thurgau mit den Städten Frauenfeld und Wil verbindet.

Einer der fünf Stadler-Gelenktriebzüge der FWB unterwegs zwischen Frauenfeld und Wil.

Einer der fünf Stadler-Gelenktriebzüge der FWB unterwegs zwischen Frauenfeld und Wil.

Bild: PD

Streckennetz von 100 Kilometern zwischen Alpstein und Bodensee

Die beiden Regionalbahnen sind in Herisau und Frauenfeld daheim und bewirtschaften mit einer Flotte von 21 Stadler-Zügen und anderen Fahrzeugen ein Streckennetz von knapp 100 Kilometern zwischen Alpstein und Bodensee. Seit 2003 führen die Appenzeller Bahnen in einem Mandatsauftrag die Geschäfte für die Frauenfeld-Wil-Bahn. 240 Personen arbeiten für die beiden Unternehmen.

Thomas Baumgartner, Direktor Appenzeller Bahnen.

Thomas Baumgartner, Direktor Appenzeller Bahnen.

Bild: Ralph Ribi

Jetzt wollen sich die Partner mit dem Segen des Bundesamtes für Verkehr nach einer über 130-jährigen Unternehmensgeschichte zusammenschliessen. Die Haupteigner – Bund, Kantone Appenzell Innerrhoden, Appenzell Ausserrhoden, St.Gallen, Stadt St.Gallen und diverse Gemeinden (Appenzeller Bahnen) sowie Bund, Kantone St.Gallen, Thurgau und die Städte Wil und Frauenfeld (Frauenfeld-Wil-Bahn) – haben bereits grünes Licht gegeben.

«Nur rund zehn Prozent der Aktien sind in privater Hand», sagt Thomas Baumgartner, Direktor der Appenzeller Bahnen seit Juni 2012.

«Auch wenn die Frauenfeld-Wil-Bahn als Gesellschaft mit der Integration aller Aktiven und Passiven in die Appenzeller Bahnen eingeht, gibt es keine Kritik: Die Fusion wird vorbehaltlos unterstützt.»

Die Treiber der Fusion seien nicht die Sparvorgaben der öffentlichen Hand, vielmehr hätten unternehmerische Gründe zu diesem Schritt geführt.

«Die Initiative kam von den beiden Bahnen. Davon versprechen wir uns administrative Vereinfachungen und gewisse Einsparungen, auch wenn diese nicht im Vordergrund stehen.»

Dazu kommen laut Baumgartner zusätzliche Freiheiten, um die Angebote zu entwickeln, etwa den gegenüber dem Kanton Thurgau zugesicherten Ausbau zum 15-Minuten-Takt auf der Strecke Frauenfeld–Wil oder das Tarifsystem.

Marke FWB bleibt noch zehn Jahre erhalten

Unmittelbar spürbare Auswirkungen habe die Fusion keine – «weder auf die Angestellten noch die Reisenden oder die Ticketpreise». Die Marke FWB und das Erscheinungsbild der fünf Züge bleiben laut Fusionsvertrag bis mindestens Ende 2031 erhalten. Auf den Zügen der Frauenfeld-Wil-Bahn wird lediglich diskret der Zusatz «eine Linie der Appenzeller Bahnen» hinzugefügt. Die Logos an den Haltestellen zwischen Wil und Frauenfeld bleiben bis Ende 2026 unverändert.

Für Baumgartner «ist der Zeitpunkt günstig»: Bei beiden Bahnen ist die Fahrzeugflotte modernisiert. Bei der Frauenfeld-Wil-Bahn laufe noch bis 2023 die Anpassung der Haltestellen und Bahnhöfe Münchwilen, Jakobstal und Lüdem an das Behindertengleichstellungsgesetz.

Die Appenzeller Bahnen und die Frauenfeld-Wil-Bahn

Kennzahlen rund um die Fusion der beiden Schmalspurbahnen
Appenzeller Bahnen Frauenfeld-Wil-Bahn
Betriebseröffnung 1875 1887
Definition Pendlerbahn mit grossem Anteil Freizeitverkehr Pendlerbahn
Rollmaterial Stadler-Triebzüge Tango (11)/Walzer (5, geliefert 2018/2019) plus weitere Fahrzeuge 5 Stadler-Gelenktriebzüge
Streckenlänge (in Kilometern) 77 17
Grösste Steigung (in Promille) 253 46
Bahnhöfe/Haltestellen 59 12
Brücken 24 4
Tunnels 5 0
Ausbau Durchmesserlinie von Appenzell über St.Gallen nach Trogen (seit 2018) Anschluss Entwicklungsschwerpunkt Wil-West (2028-2030)
Fahrplan 15-Minuten-Takt 30-Minuten-Takt (Verdichtung geplant)
Spurweite 1 m (Grossteil Netz), 1,2 m (Rheineck-Walzenhausen), 1,4 m (Rorschach-Heiden) 1 m
Anzahl Angestellte 222 (200 Vollzeitstellen) 17 (16)
Anzahl Reisende (2019) 5'210'830 1'320'953
Abgeltung Personenverkehr in Fr.  (2019) 19'435'071 4'364'274
Verkehrsertrag in Fr. (2019) 12'157'275 2'737'680
Eigenkapital (per 31.12.2020) 24'331'855 6'252'612
Fusions-GV FR, 11. Juni 2021 DO, 17. Juni 2021
Haupteigner Bund, Kantone Appenzell Innerrhoden, Appenzell Ausserrhoden, St.Gallen, Stadt St.Gallen, diverse Gemeinden Bund, Kantone St.Gallen, Thurgau, Städte Wil, Frauenfeld
Anzahl Aktionäre Über 2000 70
Aktienkapital (in Franken) 15'600'000 (2019) 4'500'000
Aktien 15'600'000 4'500'000

Bereits die fünfte Fusion in der Geschichte

Es ist nicht die erste Fusion, der sich die Appenzeller Bahnen zu stellen haben. Im Gegenteil: Die Appenzeller zeigten sich bisher mehr als einmal erfinderisch, um den Fortbestand der Schmalspurbahnen zu sichern. Konkret steht die fünfte Fusion bevor, bisher waren acht Vorgängerbahnen beteiligt: Appenzeller Bahn, Säntisbahn (später Appenzell-Weissbad-Wasserauen-Bahn), St.Gallen-Gais-Appenzell-Bahn, Altstätten-Gais-Bahn, Trogenerbahn, Rorschach-Heiden-Bahn, Rheineck-Walzenhausen-Bahn.

Mit der letzten Fusion 2006 fanden jahrelange Bemühungen um eine engere Zusammenarbeit unter den appenzellischen Bahnen ihren Abschluss. Die Zeit war reif geworden: Bei der Beratung des ersten Verkehrsleitbildes im Kantonsrat im Jahr 1994 hatten sich Vertreter von Trogen, Speicher und den Vorderländer Bahngemeinden noch vehement gegen jede Art der Zusammenarbeit mit den Appenzeller Bahnen gewehrt und auf die Selbstständigkeit ihrer Bahnen gepocht. Noch in der Absichtserklärung der vier Partner 2003 durfte von einer Fusion nicht die Rede sein, hielt Hanswalter Schmid, alt AB-Verwaltungsratspräsident, einst fest.

Davon ist keine Rede mehr: Die Fusion hat ihre Ziele erreicht. Die erweiterte Appenzeller Bahnen AG ist heute eine Selbstverständlichkeit.