Für Leuthard gehört das «C» dazu

Gestern sprach Doris Leuthard in Teufen über die Kirche, den Klimawandel, ihre Karriere und die CVP.

Yann Lengacher
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Trotz Corona-Virus: Die Teufner Kirchgängerinnen und Kirchgänger erschienen zahlreich.

Trotz Corona-Virus: Die Teufner Kirchgängerinnen und Kirchgänger erschienen zahlreich.

Bild: Michel Canonica (Teufen, 1. März 2020)

«Heute muss der Herrgott die Aufmerksamkeit mit Ihnen teilen», sagt der Teufner Diakon Stefan Staub zu Beginn eines etwas anderen Gottesdienstes in Richtung Doris Leuthard. Im Rahmen des Formats «Gespräch an der Kanzel» hatte Staub die Alt-Bundesrätin für ein Interview in die katholische Kirche Teufen eingeladen. Die Aargauerin nahm die Einladung an – ohne dafür eine Gage zu verlangen, wie Staub auf Nachfrage sagt.

Bild Michel Canonica

Der Grund für Leuthards Besuch war also nicht finanzieller Natur. Im Interview mit dem Diakon erklärt Leuthard ihre Zusage. Sie sei gekommen, weil das Format «Gespräch an der Kanzel» ein zeitgemässes Gottesdienst-Format sei. Leuthard, selbst katholisch aufgewachsen, vermisst in den Kirchen eine Modernisierung: 

«Den Jungen löscht es ab, wenn nichts Zeitgemässes, oder Persönliches in Gottesdiensten dabei ist. Mit der katholischen Kirche hatte ich schon meine Kämpfe, weil ich denke, dass sie sich für moderne Ideen öffnen muss.»

Doris Leuthard begrüsst Diskussion um Parteiname

Mit einer allfälligen Modernisierung oder zumindest einem neuen Namen beschäftigt sich aktuell Leuthards Partei, die CVP. Deswegen will Interviewer Staub von der Alt-Bundesrätin wissen, ob diese einen neuen Parteinamen ohne «C» begrüssen würde. Für sie seien die christlichen Werte zentral entgegnet Leuthard. Und: 

«Man müsste noch viel mehr begründen, wieso man als CVP eine christliche Werthaltung vertritt. Das habe ich in der Partei jahrelang gepredigt, aber auf offene Ohren gestossen bin ich nicht immer.»

Obwohl für sie der Name einer Partei nicht so entscheidend sei wie deren Inhalte, begrüsse sie es, dass Gerhard Pfister die Diskussion um den Parteinamen angestossen habe. Heute würden die Jugendlichen nicht mehr zwingend mit christlichen Werten aufwachsen, weshalb man die Frage nach dem «C» stellen könne. Die Jugend war auch in Kontext des Klimawandels Thema. «Die Jungen sollen nur demonstrieren, sie haben nämlich recht», sagte Ex-Umweltministerin Leuthard, als Staub die Alt-Bundesrätin mit den Zukunftsängsten seiner Tochter konfrontierte.

Bild Michel Canonica

Neben politischen und religiösen Themen kam Leuthards Karriere zur Sprache. Auf die Frage, was ihr in ihrer Laufbahn geglückt sei, sagt Leuthard: «Die Arbeitslosenversicherung habe ich saniert. Es ist die letzte Sozialversicherung, die man erneuert hat.» Die Frage nach den Misserfolgen beantwortete sie weniger entschieden: 

«Es gab sicherlich Situationen, in denen ich falsch gehandelt habe. Aber daraus lernt man immer.»

Auf der persönlichen Ebene ging es unter anderem um die Ängste von Doris Leuthard. «Es gibt einige männliche Staatspräsidenten, die ich ersetzen würde.» Es mache ihr Angst, dass Autokraten Staaten regierten, die sich mehr um ihre Macht, denn um das Wohl ihrer Landsleute kümmern würden. Für Leuthard sei die Würde des Menschen zentral. Mit dieser Antwort erntete Leuthard Szenenapplaus vom Publikum.

Händeschütteln trotz Corona-Virus

Beim Besuch von Doris Leuthard war die Kirche rappelvoll. Mehr als tausend Leute seien es aber nicht, erklärte Staub während des Gottesdienstes. So konnte der Anlass trotz der angespannten Situation um das Corona-Virus stattfinden. Vor dem Verteilen der Hostien desinfizierten sich die Geistlichen die Hände. Die Weihwasserschalen blieben leer. Aber Corona-Virus hin oder her: Nach Ende des Gottesdienstes war Doris Leuthard fleissig mit Händeschütteln beschäftigt.