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FUNDSTÜCKE: Der Silberschatz vom Bodensee

Sieben alte Münzen kommen beim Umbau eines alten Hauses in Rorschach zum Vorschein. Für Expertinnen aus St. Gallen und Bern ein wertvoller Fund: Die seltenen Stücke zeugen vom Geldumlauf längst vergangener Epochen.
Linda Müntener
Der Nürnberger Rechenpfenning stammt aus dem Jahr 1588. (Bild: PD)

Der Nürnberger Rechenpfenning stammt aus dem Jahr 1588. (Bild: PD)

Linda Müntener

linda.muentener@tagblatt.ch

Wer auch immer sie versteckt hat, hat sich ganz genau überlegt, wo. Lange bleiben sie unentdeckt. Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte. Bis zu einem Tag im vergangenen Jahr.

Rorschach, 26. September 2016, Lindenplatz: Baumaschinen fahren auf. Das alte Haus in der Platzmitte soll saniert werden. Die Fassade ist fleckig, der Putz bröckelt, durch die Fenster zieht’s. Für viele Rorschacher ein Schandfleck. Seit 50 Jahren steht das Gebäude leer. Umso überraschender, was die Bauarbeiter im ersten Stock entdecken. In der Nordwand, auf einem Schrägbalken zwischen Fenster und Türe, liegen sieben Silber- und Kupfermünzen. Der Hauseigentümer meldet den Fund der St. Galler Kantonsarchäologie. Noch am selben Tag fahren die Experten nach Rorschach. Und merken schnell: Hier hat jemand einen Schatz versteckt. «Ein Münzensemble in dieser Zusammenstellung hatte ich zuvor noch nie gesehen», sagt Kantonsarchäologin Regula Steinhauser.

Jede Münze stammt aus einer anderen Epoche

Die Reise der Münzen geht weiter. Regula Steinhauser schickt sie nach Bern ins Inventar der Fundmünzen der Schweiz. Dort untersucht sie Rahel C. Ackermann. Die Wissenschafterin vermisst die Geldstücke, fotografiert sie und recherchiert in der hauseigenen Bibliothek. Die Liste steht nach zwei Stunden: ein St. Galler Oertli (1738), ein Berner Halbbatzen (1794), eine französische Kupfermünze aus dem Zweiten Kaiserreich (1835), eine Kupfer-Nickel-Münze aus Belgien (1861), ein englisches Six-Pence-Stück (1864), ein österreichischer Halbkreuzer (1812) und ein Nürnberger Rechenpfenning (1588/1589). «Die Münzen stammen alle aus verschie­denen Epochen. In dieser Zusammensetzung konnten sie also nicht gleichzeitig im Umlauf gewesen sein», sagt Rahel C. Ackermann. Vermutlich wurden die Stücke in den 1860er-Jahren oder kurz danach bewusst beiseitegelegt, vermutet die Expertin. Denn der St. Galler Oertli und der Berner Halbbatzen hätten in den Jahren 1851 oder 1852 gegen neues Geld der Eidgenossenschaft eingetauscht werden müssen. Mit den ausländischen Münzen konnte man schon anno dazumal in der Schweiz nicht mehr bezahlen.

Detektivarbeit Archäologie

Dass die Herkunft der Münzen so schnell bestimmt werden konnte, ist vor allem deren Zustand zu verdanken. Wer die Batzen auf den Schrägbalken gelegt hat, können die Expertinnen hingegen kaum mehr herausfinden. «Archäologie ist wie Detektivarbeit», sagt die St. Galler Kantonsarchäologin Regula Steinhauser. Man sammelt Beweisstücke, Hintergrundinformationen und kombiniert. Hat hier ein Kind alte Spielmünzen versteckt? Wollte ein Erwachsener den Generationen nach ihm Zeitzeugen hinterlassen? «Es ist wahnsinnig spannend, sich Theorien auszudenken», sagt Regula Steinhauser. Jede Münze erzählt Geschichten des Geld­umlaufs vergangener Epochen. «Der archäologische Wert ist unschätzbar.» Für Regula Steinhauser ist der Münzenfund aus Rorschach aus einem weiteren Grund besonders: Er ist ein Einzelfall. Nur selten erhalte ihre Abteilung Hinweise aus der Bevölkerung – obwohl eigentlich jeder verpflichtet ist, einen Fund zu melden. «Das finde ich schade», sagt Regula Steinhauser. «In so manchem Haus ist wohl irgendwo noch ein Schatz versteckt.»

Finder werden nicht reich

Wer jetzt in der Hoffnung aufs grosse Geld die Kisten im Estrich der Grossmutter durchwühlt, wird jedoch enttäuscht. «Wer solche Münzen findet, wird nicht reich», sagt Rahel C. Ackermann. Im besten Fall bekomme man für die meisten Münzen aus der Hafenstadt heute fünf Franken. Einzig der Nürnberger Rechenpfenning dürfte auf dem Sammlermarkt 10 oder 20 Franken bringen. Obwohl das seltene Stück aus ­Messing rund 300 Jahre vor dem Verstecken geprägt wurde, ist es noch heute gut erhalten. «Mit den Münzen ist es ähnlich wie mit den Briefmarken», sagt Regula Steinhauser. Je besser der ­Zustand eines Sammlerstücks, desto mehr bezahlen Liebhaber.

Die Münzen aus Rorschach werden jedoch nicht verkauft. Nach Artikel 724 des Schweizerischen Zivilgesetzbuches gehen archäologische Funde in den Besitz des jeweiligen Kantons über. Sobald Rahel C. Ackermann alle Stücke in der Datenbank erfasst hat, schickt sie diese also wieder nach St. Gallen, in die zentrale Aufbewahrungsstelle der Kantonsarchäologie. Dort endet die lange Reise der Geldstücke. Vorerst.

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