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Für Elise

Viel davon gehört, viel darüber gelesen, aber noch nie da gewesen. Eine Deutsche besucht zum ersten Mal die Olma. Weil ihr Blick unverstellt sein soll, zieht sie allein los. Doch sie findet rasch eine Begleitung.
Katharina Brenner
Die aufblasbare Kuh lässt sich an der Leine über das Messegelände führen. (Bilder: Benjamin Manser)

Die aufblasbare Kuh lässt sich an der Leine über das Messegelände führen. (Bilder: Benjamin Manser)

Der Muni liegt im Stroh, ganz ruhig. «Leo» steht auf dem Schild über seinem massigen Körper und dass er mehr als eine Tonne wiegt. Ein Kind streicht ihm langsam über die Stirn. Nur eine niedrige Holzwand trennt die Besucher der Olma-Halle 7 vom Tier. Jeder einzelne von ihnen bleibt bei Leo stehen, zumindest kurz. Und wird still. Der Mensch scheint vor dem Muni Ehrfurcht zu empfinden.

Ich hatte ja mit vielem gerechnet an der Olma, aber nicht mit Ehrfurcht und Stille. Es ist mein erster Besuch an der Messe. Gehört hatte ich schon viel von der Olma. Mit dem Fazit: Ostschweizer lieben oder hassen sie, ein Dazwischen gibt es nicht. Der Auftrag der Redaktion lautete: Mit den Augen einer Deutschen an die Olma. Ich bin Deutsche. Eine, die schon einmal eine Kuh gesehen hat. Aufgewachsen in einem Dorf bei Ravensburg mit dem Namen Grünkraut. Viel mehr als grüne Wälder und Wiesen mit Kühen gibt es da auch nicht.

Während die Besucher also in der Halle 7 voll Ehrfurcht den Muni betrachten, bilde ich mir ein, dass in Elises Augen neben Ehrfurcht noch etwas anderes aufblitzt. Elise ist die aufblasbare Kuh an meiner Seite. Sie kommt aus der Halle 2. Wer dort am Stand von Swiss Milk etwas kauft, erhält einen Jeton für eine Luftballonkuh. Meine heisst Elise, weil das ein schöner Name ist und weil er mir gleich in den Sinn gekommen ist, als mich das Plastiktier zum ersten Mal angelächelt hat. Eins wird schnell klar: An die Olma geht keiner allein. Familien, Paare, Freunde und Arbeitskollegen schlendern gemeinsam über das Gelände. Ich bin allein hier, weil mein Blick unverstellt sein soll. Seit ich Elise bei mir weiss, ist es mir wohler. Wir gehen gemeinsam durch die Halle 2, ich probiere Pferdesalami und Gruyère. Die Stände sind liebevoll gestaltet, die Farben Rot und Weiss dominieren. Keine Lautsprechermusik, kein Bling-Bling. Bei den Bibeli vergesse ich die Zeit. Gut, dass diese flauschigen Dinger hinter einer Glasscheibe stecken. Eines würde perfekt in meine Manteltasche passen.

Mit Landwirtschaft hat das nur im Entferntesten zu tun

Weiter geht's in die Halle 3, zu den, ja, wie beschreibt man das nun? Zu den Dingen, die man braucht oder halt auch nicht. Jedenfalls zu Dingen, die nur im Entferntesten mit Landwirtschaft zu tun haben. «Rasieren Sie Ihre Beine?», fragt eine Frau. Noch bevor ich antworten kann, sagt sie: «Bestimmt. Schauen Sie», und nimmt meine Hand und fährt mit etwas, das aussieht wie eine Schlafmaske, über mein Handgelenk. «Sehen Sie», sagt sie. Ich sehe, dass die Stelle nun haarfrei ist. Angeblich für die kommenden zwei Wochen. Schnell weiter – wer weiss, was sonst noch verschwindet. Elise und ich passieren Massagestühle, Whirlpools und noch mehr Whirlpools. Elise wirkt abwesend. Ob sie wohl an Leo denkt? Auch meine Gedanken driften ab. Der Höhepunkt steht ohnehin noch aus, zumindest nach allem, was ich bisher gehört habe. Auf in die Degustationshallen!

Degustation – das klingt nach ergrauten Männern in Tweed, die in Ohrensesseln Rotwein schwenken. Halle – das ist im schlimmsten Fall ein anderes Wort für Bierzelt. In der Halle 5 tragen einige Männer um die 60 tatsächlich Tweed. Sie sitzen um kleine Tische, ein Glas Wein in der Hand. Andere Männer tragen Anzüge, viele Frauen Blusen und Hornbrillen. In der Halle 4 ist die Luft stickig. Es riecht nach Bier, Käse und Schweiss. Es ist heiss. Unter den Säumen enger Shirts prangen auf studiogestählten Oberarmen Tattoos mit Tribal-Motiven. Die Männer prosten Frauen zu, deren Make-up-Ansatz am Hals zu erkennen ist. Alle sind super drauf, lachen, flirten, schenken nach. «Auf die Olma!» – noch ein Schluck.

Besoffen sind wir alle bloss Menschen

«Coole Kuh», sagt ein Mann und zeigt auf Elise. «Do hesch aber a schene Kuh», sagt ein anderer und streicht ihr mit der Hand über den Kopf. Elise ist auf Augenhöhe. Es ist zu eng, sie muss getragen werden. Ein weiterer Mann packt Elise am Kopf. Der wird ganz flach, der restliche Körper dick. «Geile Kuh», sagt der Mann und grinst besoffen. Dann wird er von seinem Kollegen weitergezogen. Dieser Ort ist nichts für eine Kuh, wenn sie nicht auf einem Teller liegt. Und dieser Ort ist nichts für Nüchterne. Entweder Elise und ich trinken jetzt, oder wir gehen. Zu gehen geht aber nicht einfach so. Weil die Masse sich bewegt, aber nicht von der Stelle. Ein schwerer Körper drückt von hinten, er drückt mich gegen den Körper vor mir. Wo ist der Ausgang? Ich spüre einen Ellbogen in meinem Bauch, kein «Äxgüsi», stattdessen ein abfälliger Blick. Besoffen sind wir weder Schweizer noch Deutsche, da gibt es keine Klischees, da sind wir alle bloss Menschen. «Eo», grölt es von rechts, «Scheisse» von links. Die alte Angst vor Massen kommt hoch. Die vertraute Strategie: einen Punkt fixieren. Das weisse Shirt. Langsam atmen. Erst ein-, dann wieder ausatmen. Auf einmal ist der Ausgang zu erkennen. Endlich. Draussen. Geschafft. Elise hat Luft verloren.

Jetzt fehlt nur noch eins: eine Bratwurst. Die gibt es in der Nähe des Eingangs und die schmeckt tatsächlich auch ohne Senf sehr gut. Beim Verhältnis zur Olma gibt es zwischen Liebe und Hass wohl doch ein Dazwischen. Der Bus fährt gegenüber den Degustationshallen ab. Über der Haltestelle hängt von einem Balkon ein Transparent mit der Aufschrift: «Bist du nach dem Kotzen blind, war zu stark der Gegenwind.» Als sich der Bus nähert, schaut der Chauffeur zu Elise hinab. Er nickt verständnisvoll.

Vor ihrem Besuch in den Degustationshallen ist Elise eine pralle Kuh. Inmitten der vielen Menschen in Halle 4 und 5 verliert sie Luft. (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

Vor ihrem Besuch in den Degustationshallen ist Elise eine pralle Kuh. Inmitten der vielen Menschen in Halle 4 und 5 verliert sie Luft. (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

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