Für einen Sirup ohne Beigeschmack - in St.Gallen werden Trinkröhrli aus Papier auf verschiedene Giftstoffe untersucht

Ab kommendem Sommer sind in der EU Plastikröhrli verboten. Bereits jetzt boomen Alternativen aus Papier. Das kantonale Labor St.Gallen hat sich auf Lebensmittelverpackungen aus Papier und Karton spezialisiert und testet auch neue Röhrlimarken.

Nina Rudnicki
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Nadine Bohni vom Amt für Veterinärwesen und Verbraucherschutz legt Stücke von zerschnittenen Papierröhrli in Lösungsmittel ein. (Bilder: Benjamin Manser)

Nadine Bohni vom Amt für Veterinärwesen und Verbraucherschutz legt Stücke von zerschnittenen Papierröhrli in Lösungsmittel ein. (Bilder: Benjamin Manser)

«Grusig» steht auf einigen Fragebogen, welche die Probandinnen und Probanden im kantonalen Labor des Amtes für Verbraucherschutz und Veteri
närwesen in St. Gallen ausgefüllt haben. Zuvor hat jeder von ihnen im Blindtest drei Becher Wasser getestet. Zwei enthielten normales Wasser. Ein Becher war hingegen mit Wasser gefüllt, in dem während zwei Stunden ein Papierröhrli gelegen hatte. Das Resultat fällt eindeutig aus:

Jeder hat den an Druckerfarbe erinnernden Geschmack herausgespürt.

«Dieser Beigeschmack ist vom Lebensmittelgesetz her nicht erlaubt», sagt Nadine Bohni, Gruppenleiterin Gebrauchsgegenstände des kantonalen Labors, am Dienstagvormittag am Medienanlass. Dieser sollte einen Blick in den Laboralltag gewähren und den Fokus auf die Papierröhrli-Kampagne des Kantons legen.

Geschmacksveränderung des Wassers

Das kantonale Labor in 
St. Gallen ist das einzige Labor in der Ostschweiz und eines der wenigen schweizweit, das sich auf Verpackungen im Lebensmittelbereich aus Papier und Karton spezialisiert hat. Aktuell kommt ihm eine wichtige Aufgabe zu: Ab Sommer 2020 sind in der EU Einwegkunststoffartikel verboten. Dazu gehören nebst Geschirr und Besteck, Wattestäbchen, Luftballonstäben sowie Becher und Verpackungen aus Polystyrol auch Trinkröhrli aus Plastik.

Kantonschemiker Pius Kölbener sagt:

«Es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis die neue Regelung 
aus der EU in die Schweiz schwappt. Daher haben wir frühzeitig reagiert und den aktuellen Stand analysiert.»
Röhrliproben im St.Galler Labor.

Röhrliproben im St.Galler Labor.

Für Trinkröhrli aus Papier hätten sie sich entschieden, weil diese derzeit bereits sehr gefragt seien: Zahlreiche Warenhäuser und Onlinehändler führen sie in ihrem Sortiment.

Zwölf verschiedene Marken Papierröhrli hat das Team um Nadine Bohni untersucht. «Bei der Hälfte der Produkte konnten wir eine deutliche Geschmacksveränderung des Wassers feststellen», sagt sie.

Nebst dem Geschmackstest wurden die Röhrli auch auf ihre Papierqualität getestet.

Die Trinkröhrli werden in kleine Stücke geschnitten und in Lösungsmittel eingelegt. Auf diese Weise können die einzelnen Bestandteile aus dem Papier extrahiert und anschliessend untersucht werden. Die Analyse zeigte, dass die zwölf betroffenen Röhrli zu viel Chlorpropanole und Rückstände von Mineralöl enthielten. Chlorpropanol ist Tumor bildend und entsteht zum Teil während des Bleichens des Papiers. Mineralöl kann unter anderem in Druckerfarbe enthalten sein.

Die Analyse zeigte, dass die zwölf betroffenen Röhrli zu viel Chlorpropanole und Rückstände von Mineralöl enthielten. Chlorpropanol ist Tumor bildend und entsteht zum Teil während des Bleichens des Papiers. Mineralöl kann unter anderem in Druckerfarbe enthalten sein.

Zwei Stunden lang heisse Ovi trinken

In einem dritten Schritt haben die Chemikerinnen und Chemiker untersucht, ob die in den Röhrli enthaltenen Giftstoffe in die Getränke übergehen. Nadine Bohni sagt:

«Da Trinkröhrli vor allem bei Kindern beliebt sind, haben wir uns für Flüssigkeiten wie Sirup, Limonade, Frappé und Ovomal­tine entschieden.»

Verwendet werden allerdings nicht die originalen Flüssigkeiten, sondern sogenannte Lebensmittelsimulanzien. Mit dreiprozentiger Essigsäure lässt sich beispielsweise Limonade simulieren, mit 50-prozentigem Ethanol Milch.

Zwölf Röhrlimarken werden im kantonalen Labor St. Gallen untersucht.

Zwölf Röhrlimarken werden im kantonalen Labor St. Gallen untersucht.

Ergebnisse nicht gesundheitsgefährdend 

In diese Flüssigkeit legt Nadine Bohni die verschiedenen Röhrli und heizt das Ganze während zwei Stunden auf 70 Grad auf. «Das entspricht dem Worst-Case-Szenario. Das wäre so, als ob ein Kind zwei Stunden lang mit dem Röhrli in einer heissen Ovi herumspielen und diese dann trinken würde», sagt sie. Nach zwei Stunden steht fest:

Zwei der Röhrli haben chemische Verbindungen in die Flüssigkeit abgegeben, die in Druckfarben vorkommen.

Gesundheitsgefährdend war allerdings keines der getesteten Trinkröhrli. «Es ist die Menge, die das Gift ausmacht», sagt Nadine Bohni. Pius Kölbener ergänzt: «Mit den Herstellern dieser Produkte nehmen wir dennoch Kontakt auf.» Diese müssten per Gesetz die Verunreinigung der Produkte beseitigen. Denn technologisch sei diese vermeidbar. Die Marken der untersuchten Röhrli gibt das kantonale Labor nicht bekannt, da die dem Amtsgeheimnis unterliegt. «Eine Ausnahme würden wir nur machen, wenn die Werte auf eine starke Gesundheitsgefährdung hinweisen würden», sagt er.