Eine Menschenkette in St.Gallen: Gewerkschaften und Verbände protestieren gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen

Trotz der Pandemie hat sich die Situation des Gesundheitspersonals vielerorts verschlechtert. Das konstatieren Vertreter des Bündnisses Gesundheit, dem Berufsverbände und Gewerkschaften angehören. Sie führen in der ganzen Schweiz Protestaktionen durch.

Adrian Lemmenmeier-Batinić
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«So kann es nicht weitergehen!» – Hoch über der Stadt St.Gallen, im 12. Stock des Rathauses, informieren der Verband der Pflegefachleute (SBK) sowie die Gewerkschaften VPOD, Unia und Syna über geplante Proteste.

«So kann es nicht weitergehen!» – Hoch über der Stadt St.Gallen, im 12. Stock des Rathauses, informieren der Verband der Pflegefachleute (SBK) sowie die Gewerkschaften VPOD, Unia und Syna über geplante Proteste.

Bild: Adrian Lemmenmeier

Applaus sei schön und gut. Doch er reiche bei weitem nicht. Das «Bündnis Gesundheit» fordert bessere Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen, höhere Löhne, verlässliche Arbeitspläne und Ruhezeiten, mehr Rechte am Arbeitsplatz – und dieses Jahr einen zusätzlichen Monatslohn als Coronaprämie. Dem Bündnis gehören verschiedene Berufsverbände und Gewerkschaften an. Unter anderem die Unia, die Syna, der VPOD und der Berufsverband der Pflegefachleute (SBK). Diese Organisationen haben am Freitag im Rathaus der Stadt St.Gallen zur Medienorientierung geladen.

Verbände und Gewerkschaften kritisieren die Arbeitsbedingungen in den Gesundheitsberufen seit langem. Leider habe sich auch nach dem Lockdown im Frühling nichts geändert, sagt Edith Wohlfender, Geschäftsführerin des SBK St.Gallen-Thurgau-Appenzell.

«Vielerorts haben sich die Arbeitsbedingungen gar verschlechtert.»

Die meisten Arbeitgeber würden nichts unternehmen, um Fachleute im Beruf zu halten. Der Druck auf die Mitarbeitenden sei enorm, die Ansprüche hoch. «In vielen Institutionen werden die Dienstpläne sehr kurzfristig geändert, sodass die Leute zwei Stunden vor Schichtbeginn für einen Einsatz aufgeboten werden», sagt Gisela Pristas, Verantwortliche Sozialpartnerschaften beim SBK. So lebten die Leute de facto in einem ständigen Pikettdienst. «Freizeitplanung ist so unmöglich.»

Menschenketten und Versammlungen mit strengem Schutzkonzept

Gewerkschaften und Verbände wollen den Angestellten im Gesundheitswesen mehr Gehör verschaffen. Dazu führen sie eine Aktionswoche durch, die in der Ostschweiz nächste Woche beginnt. Am Mittwoch sollen Pflegende in Frauenfeld eine Menschenkette bilden. Ein Tag später ist eine ähnliche Aktion in St.Gallen geplant, gefolgt von einer Podiumsdiskussion, welche die Unia gemeinsam mit dem Verein Pflegedurchbruch im St.Galler «Schwarzen Engel» veranstaltet. Höhepunkt der nationalen Protestwoche ist eine Versammlung auf dem Bundesplatz am Samstag in einer Woche.

«Für alle Veranstaltungen gelten strenge Schutzkonzepte», sagt Alexandra Akeret, Sekretärin des VPOD Ostschweiz. So bilde man die Menschenketten mit anderthalb Metern Abstand zwischen den Personen, und an allen Veranstaltungen gelte Maskenpflicht. Die Aktionswoche plane man seit Monaten und halte trotz der gestiegenen Fallzahlen daran fest – sofern es die aktuelle Situation und die geltenden Massnahmen der Behörden zuliessen.

Personal im Lockdown zu wenig geschützt

Was sich im Frühling in einigen Spitälern und Pflegeheimen abgespielt habe, dürfe sich in der zweiten Welle nicht wiederholen, sagen die Arbeitnehmervertreterinnen vor den Medien. «Angestellte, die selbst zur Risikogruppe gehörten, mussten während der Pandemie arbeiten», so Gisela Pristas vom SBK. Der Bundesrat habe die geltenden Arbeitsbedingungen ausgehebelt, ohne Schutzbestimmungen fürs Personal zu erlassen.

In einer besonders prekären Situation seien unqualifizierte Arbeitskräfte in der Langzeitpflege, sagt Cornelia Bickert, Regionalsekretärin der Gewerkschaft Syna. Viele von ihnen hätten schlechte Sprachkenntnisse, arbeiteten für 3800 Franken pro Monat und würden regelrecht ausgebeutet. Seit Jahren werde im Gesundheitswesen auf Kosten des Personals gespart. Jetzt brauche es einen Kurswechsel.