«Je länger keine Fasnacht ist, desto grösser ist das Risiko»: Wie Corona das Guggensterben in der Ostschweiz beeinflusst

Fünfte Jahreszeit
«Je länger keine Fasnacht ist, desto grösser ist das Risiko»: Wie Corona das Guggensterben in der Ostschweiz beeinflusst

Bild: Donato Caspari

Guggenmusiken in der Ostschweiz haben seit Jahren Probleme, neue Mitglieder zu finden. Dann kam Corona. Ist die Pandemie der Todesstoss für viele Formationen? Wir haben bei Ostschweizer Vereinen nachgefragt.

Eva Wenaweser Jetzt kommentieren
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Das zweite Jahr in Folge werden auch in der Ostschweiz zahlreiche Maskenbälle, Strassenfasnachten und Umzüge abgesagt. Das bedeutet für die Guggenmusiken, dass es keine – oder zumindest nur sehr wenige – Auftritte gibt. Wenn sie spielen würden, würde man sie zwar von weitem hören, aber eine Darbietung ohne Publikum ist nicht das Gleiche. Niemand, der die Lieder mitsingt, mittanzt und hinterher lautstark applaudiert. Man mag die Fasnächtler durchaus für ein Nischenphänomen halten – manche würden sie gar als «komisches Völkchen» bezeichnen –, und doch verbindet sie eine glühende Leidenschaft, die nun ein weiteres Jahr nur auf Sparflamme köchelt.

Seit Jahren ist bei den Ostschweizer Guggenmusiken ein Mitgliederschwund zu beobachten. Inwieweit hat die Coronakrise diesen Trend sogar noch verschärft? Macht die Pandemie den Guggen nun endgültig den Garaus? Wir haben bei diversen Guggenmusiken nachgefragt.

Guggenmusik Izi Bizi Tini Wini Herisau: «Ich habe das Gefühl, dass manche Mitglieder ohne normale Fasnacht nicht austreten werden»

Janine Baldamus, Präsidentin der Izi Bizi Tini Wini aus Herisau.

Janine Baldamus, Präsidentin der Izi Bizi Tini Wini aus Herisau.

Bild: PD

Zwischen Weihnachten und Neujahr vergangenen Jahres haben die Izi Bizi Tini Wini aus Herisau eine Umfrage gemacht, um die Mitglieder zu Wort kommen zu lassen. Die Sorge des Vorstandes, dass die unsichere Situation für Unmut und fehlende Motivation im Verein sorgen könnte, hat sich nicht bestätigt, wie Präsidentin Janine Baldamus sagt. Es sei schön gewesen, die durchweg positiven Rückmeldungen der Mitglieder zu lesen. Der Tenor im Verein laute:

«Wir wollen an die Fasnacht – auch wenn es nur drei Auftritte sind.»

Die Präsidentin könnte sich gut vorstellen, dass einige die guggenmusikfreie Zeit zwar genossen, nun aber gemerkt haben, wie wichtig ihnen der Verein ist. «Ich habe das Gefühl, dass manche Mitglieder unter diesen Umständen, also ohne normale Fasnacht, nicht austreten werden.» Denn trotz der Notwendigkeit eines Zertifikats seien die Probenbesuche sehr gut. Die wenigen aus dem Verein, die aufgrund der Massnahmen weder Teil der Proben noch der anstehenden Fasnachtssaison sein können, reagieren laut Baldamus sehr verständnisvoll: «Sie verstehen die Gründe dafür und freuen sich für uns, dass zumindest der Grossteil weitermachen und vielleicht an die Fasnacht darf.» Es sei schön zu sehen, wie die Mitglieder zum Verein halten.

Die Guggenmusik Izi Bizi Tini Wini aus Herisau.

Die Guggenmusik Izi Bizi Tini Wini aus Herisau.

Bild: PD

Doch trotz Freude an den Proben und der Hoffnung auf eine Fasnacht light sei die Stimmung bei den gut 30 Mitgliedern der Izi Bizi Tini Wini eher verhalten. «Passiert wirklich noch etwas, sodass wir gar nicht an die Fasnacht können?» Diese Frage stellen sie sich laut Baldamus laufend. 2G-plus und das Tragen von Masken zwischen den Auftritten wäre für die Mitglieder kein Problem, aber die Ungewissheit zehre an den Nerven und sei ein Grund für die bloss «verhaltene Freude».

Guggenmusik Arbor Felix Hüüler Arbon: «Problematisch wird es, wenn wir eine weitere Fasnacht ganz ohne Auftritte erleben müssen»

René Bacher, Tourmanager und Mitglied der Arbor Felix Hüüler aus Arbon.

René Bacher, Tourmanager und Mitglied der Arbor Felix Hüüler aus Arbon.

Bild: PD

Laut René Bacher, Tourmanager der Arbor Felix Hüüler aus Arbon, führt der Verein aktuell Proben durch. Bisher sind trotz langer Fasnachtspause nicht ausserordentlich viele Mitglieder abgesprungen. Ihm sei aber nicht bekannt, dass manche Gugger nur im Verein bleiben, um noch eine aktive Fasnacht mitzuerleben. Grundsätzlich sei es so:

«Je länger keine Fasnacht ist, desto grösser ist das Risiko, dass der eine oder andere sagt: ‹Jetzt habe ich langsam genug.›»

Im Verein sei man sich einig, dass man so viele Auftritte wie möglich machen möchte – wenn es denn irgendwie geht. Anlässe mit 2G wären gut möglich, solche mit 2G-plus wären mühsam, aber sie sind laut Bacher machbar. Daher habe er nicht das Gefühl, diese Saison viele Mitglieder zu verlieren. «Problematisch wird es wohl eher, wenn wir eine weitere Fasnacht ganz ohne Auftritte erleben müssen.»

Die Guggenmusik Arbor Felix Hüüler aus Arbon.

Die Guggenmusik Arbor Felix Hüüler aus Arbon.

Bild: PD

Die Arbor Felix Hüüler konnten ihre Mitgliederzahl in den letzten Jahren konstant bei rund 25 Aktivmitgliedern halten, sagt der Tourmanager. An Proben und Auftritten seien es durch Dispensen aktuell meist aber nur knapp 20 Mitglieder. Diese seien alle mit grosser Motivation dabei und gäben positive Rückmeldungen auf Anfragen, ob die Planung weitergehen soll, bis das letzte Fünkchen Hoffnung auf eine Durchführung der Fasnacht erloschen ist.

Guggenmusik Räbä-Forzer Thal: «Solange wir Aussicht auf Auftritte haben, sind die Mitglieder motiviert dabei»

Philipp Klingler, Präsident der Räbä-Forzer aus Thal.

Philipp Klingler, Präsident der Räbä-Forzer aus Thal.

Bild: PD

Philipp Klingler, Präsident der Räbä-Forzer aus Thal, weiss aktuell von keinem Mitglied des Vereins, welches mit einem Austritt liebäugelt. Dass die fehlende aktive Fasnacht ein Grund dafür ist, dabeizubleiben, könnte er sich gut vorstellen – auch wenn das ihm gegenüber niemand in dieser Deutlichkeit gesagt habe. Seit die Zertifikatspflicht für Musikvereine gelte, hätten die 29 Aktivmitglieder keine gemeinsame Probe mehr gehabt. «Solange wir aber noch Aussicht auf Auftritte haben, sind die Mitglieder motiviert dabei.» Im Jahr 2020 ist die Motivation laut Klingler sehr schnell gefallen, sobald klar wurde, dass die Fasnachtssaison 20/21 nicht stattfinden kann. Daher glaubt er:

«Man will eigentlich nicht aus dem Verein austreten, nur weil man gerade nicht proben und auftreten kann.»

Bereits vergangenes Jahr sei es für viele Mitglieder ein Dämpfer gewesen, dass das 30-Jahr-Jubiläum nicht habe zelebriert werden können. Und auch dieses Jahr meint Klingler: «Wir sind schon erfreulicher ins neue Jahr gestartet.» Dennoch seien die Motivation und die Hoffnung noch grösser als letztes Jahr – dass noch nicht alles abgesagt sei, stärke die Durchhaltekraft.

Die Guggenmusik Räbä-Forzer aus Thal.

Die Guggenmusik Räbä-Forzer aus Thal.

Bild: PD

Wie gross die Freude über eine gelebte Fasnacht wäre, zeigt ein Beispiel aus dem Sommer: Ein Mitglied der Räbä-Forzer habe geheiratet, und obwohl die Hochzeit kurzfristig wegen Corona noch verschoben werden musste, seien alle aus dem Verein dabei gewesen: «Das war ein Aufsteller für uns, und es hat für dieses Jahr motiviert.» Auch nach dem Auftritt am Jahrmarkt im November hat die Guggenmusik laut Klingler viel positives Feedback für den Auftritt erhalten. Auch das Publikum vermisse die Guggenmusik.

Fazit

Es gibt gewisse Anzeichen, wonach die Coronapandemie dem Guggensterben kurzzeitig Einhalt gebieten könnte. Einige Mitglieder, die allenfalls in vergangenen Jahren über einen Austritt nachgedacht haben, wollen nicht austreten, ohne noch eine letzte Fasnacht richtig zelebriert zu haben. Ob das Guggensterben auch nach dem Ende der Pandemie etwas verlangsamt werden kann, wird sich zeigen. Auf eine baldige fünfte Jahreszeit im normalen Rahmen hoffen wohl sowieso alle Fasnächtlerinnen und Fasnächtler.

Sind Sie aktuell nur noch in einer Guggenmusik, weil Sie nicht ohne gelebte Fasnacht aus dem Verein austreten wollen? Dann dürfen Sie sich gerne bei mir melden unter: eva.wenaweser@chmedia.ch

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