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Ostschweizer Kurhaus für Familienmütter: Frühe Pioniertat für die Frauen

In Gais wurde vor 100 Jahren ein Erholungsheim für Frauen aus armen Schichten eingerichtet. Seine Begründerin Stephanie Bernet war eine frühe Protagonistin der Frauenbewegung.
Rolf App
Das Gemeinschaftliche steht sehr im Zentrum – und die Erholung: Frauen vor dem Ruehüsli, eine Aufnahme aus den Frühzeiten. (Bilder: Ruehüsli-Archiv)

Das Gemeinschaftliche steht sehr im Zentrum – und die Erholung: Frauen vor dem Ruehüsli, eine Aufnahme aus den Frühzeiten. (Bilder: Ruehüsli-Archiv)

Wenn sich die Sonne nicht zeigt, ist es noch ein wenig kühl am Morgen. Der Weg von Gais in Richtung Hirschberg führt rasch durch blühende Wiesen. Wir kommen am Weiler Zwislen vorbei und sehen, fast schon am Ende des Dorfteils, auf einer Anhöhe das Seminar- und Ferienhotel Idyll. Neugierig gehen wir um die mit einem Zwischenbau verbundenen Bauernhäuser herum, und wandern noch ein wenig weiter, in den Wald hinein. Während wir rasten, passiert hinter uns eine Gruppe von Männern. Er müsse noch seine Präsentation vorbereiten, sagt einer.

Vielleicht gehören sie also zu jenen Gruppen, die hier in den sanften Appenzeller Hügeln ihre Seminare abhalten. Doch was zu einem Seminar- und Ferienhotel an ausgesprochen reizvoller Lage geworden ist, das hat eine ganz besondere Geschichte, die hundert Jahre zurück reicht – in die frühen Zeiten jener Frauenbewegung, die auf den kommenden 14. Juni zum Frauenstreik aufgerufen hat.

«Stephanie Bernet bekam immer, was sie brauchte»

Stephanie Bernet.

Stephanie Bernet.

Diese Geschichte hat auch einen Namen: Es ist jener von Stephanie Bernet, einer rastlos tätigen Frau, die sich nach eigenem Bekunden in den Ferien jeweils nach dem Augenblick gesehnt habe, «wo ich wieder den Bureauschlüssel in die Hand nehmen konnte». «D’Stephanie», wie 1932 der Nachruf auf sie betitelt ist, gehört zu jenen Stadt-St. Gallerinnen, die in der Stickereiblüte dem gemeinnützigen Gedanken entschieden Auftrieb verliehen.

Sie sei, schreibt Heidi Witzig in Band 5 der 2003 erschienenen «Sankt-Galler Geschichte», eine Einzelgängerin gewesen, die «als ledige ‹Familientante› bei den Kindern aus Verwandtschaft und Bekanntschaft äusserst beliebt» gewesen sei. Mit diesen Kindern machte sie Theateraufführungen – und nutzte die Mittel des Theaters später zur Geldbeschaffung. 1909 übernahm die damals 52-Jährige nämlich das Sekretariat des neu gegründeten Vereins für Kinder- und Frauenschutz. «Stephanie Bernet galt als Original, unangepasst und unpraktisch, aber voller Energie, mit der sie unaufhörlich andere anfeuerte», beschreibt Witzig sie.

«Als ein weibliches Pendant zu Heinrich Pestalozzi – so die öffentliche Wahrnehmung – ging sie, beseelt von innerem Feuer, auf Betteltouren zu ihren zahlreichen betuchten Bekannten und bekam immer, was sie brauchte.» Ein Projekt, das Stephanie Bernet durch die Umwandlung ihres Vermögens in eine Stiftung sicherte, war ein Erholungsheim für jene sozial benachteiligten Frauen, die sich Ferien normalerweise gar nicht leisten konnten. 1919 hatte sie genug Geld beisammen, um im Möser in Gais die Liegenschaft «Ruehüsli» zu erwerben.

«Ich durfte mich an Leib + Seele erholen»

Hierher kamen über die Jahrzehnte immer wieder Frauen, um sich zu erholen – und hinterliessen im «Fremdenbuch» rührende Dankesbekundungen. Wie am 13. August 1927 Elsi Spörri. «Hier im Ruehüsli durfte ich mich an Leib + Seele erholen», schrieb sie. «Möchten noch viele den gleichen Segen so recht verspüren & wie ich mit neuem Mut den Kampf im Alltags-Leben wieder aufnehmen.»

Die Schwestern Lydia und Heidi Menet sind in den Vierzigerjahren auf dem Bauernhof neben dem «Ruehüsli» aufgewachsen, Lydia hat später dort gearbeitet. Sie erinnern sich gut. «Weil das Ruehüsli einen geteerten Platz hatte, haben wir dort oft gespielt, sehr zur Freude der Frauen», erzählt Lydia Menet. «Unser Vater hat die Milch geliefert. Und weil frische Geissenmilch gesund ist, kamen hin und wieder Frauen zu uns, um sich für zwanzig Rappen ein Glas voll melken zu lassen.»

Mit einem Leiterwagen wurden die Neuankömmlinge von den Frauen am Bahnhof abgeholt, und sie konnten sich nicht nur erholen, sondern wurden auch vom Frühturnen über Ausflüge und gemeinsames Singen bis zum Diavortrag zu allerlei Aktivitäten animiert.

Viele seien von der St. Galler Frauenklinik oder von Ärzten nach Gais geschickt worden, erklärt Lydia Menet, «bis die Krankenkassen verlangt haben, dass ein Arzt und ausgebildetes Pflegepersonal im Heim ist». Da musste sich das Kurhaus am Beginn des neuen Jahrtausends zum Seminar- und Ferienhotel wandeln.

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