Frühs FC St. Gallen kommt langsam in die Gänge

Vor einem Jahr erlebte der FC St. Gallen eine monströse Finanz- und Vertrauenskrise. Heute ist trotz Abstieg und Budgetkürzungen Ruhe eingekehrt. Präsident Dölf Früh ist zuversichtlich, dass der Club gesundet und künftig ohne (seine) Zuschüsse schwarze Zahlen schreibt.

Marcel Elsener
Drucken
Teilen
Dölf Früh: «Wir müssen an allen Schrauben drehen.» (Bild: Michel Canonica)

Dölf Früh: «Wir müssen an allen Schrauben drehen.» (Bild: Michel Canonica)

Morgen läuft der Stadtmatch zwischen Brühl und St. Gallen als Liga-Ernstkampf. Im Gegensatz zum Freundschaftsspiel am Fortuna-Blitz-Turnier (1:1) vor einem Jahr interessiert wirklich das Spielgeschehen. Damals verfolgten Fussballfreunde weniger die Bewegungen der Spieler als vielmehr jene der Akteure in den drei Gesellschaften um den FC St. Gallen: Ende August war das Rettungspaket «Futura» vorgestellt wurden, nun folgten pausenlos neue Erklärungen, Anschuldigungen, Mutmassungen – wochenlang, bis im November Diskussion und Publikum gleichermassen erschöpft waren; das Ende der Hoffnung auf staatliche Finanzspritzen war der Anfang mit neuen Investoren. Kein Futura, aber wenigstens eine Zukunft, in aller erzwungenen Bescheidenheit.

Viele gingen, viele kamen

Zehn Monate später trügt die buchstäbliche Ruhe nach dem Sturm nicht. Zwar sind noch nicht alle Misstöne verklungen (wie an der GV der Stadion AG Ende Juni zu spüren war) und wird es aufgrund der strittigen Sicherheitskosten zu einer Nachzugsdebatte im St. Galler Stadtparlament kommen (siehe Text rechts). Doch hofft die neue Clubführung, dass in der Politik das Vertrauen und Zugehörigkeitsgefühl ähnlich zurückkehren möge wie bei den Donatoren. «Wir hatten in der letzten Saison so viele Austritte wie noch nie», sagt der FCSG-Verwaltungsrat und Präsident des Dienstags-Club, Martin Schönenberger, «und heute sind wir dank vielen Neumitgliedern und <Rückkehrern> wieder wie gehabt bei 200 Mitgliedern.» Enttäuschungen gehörten zum Fussball wie Jubelmomente. Nach der aufreibenden Zeit sprach er diese Woche an der HV des Gönnervereins über «Fussball und Emotionen», wobei er die Reaktionen der Politik beiseite liess: «Wir politisieren nicht.»

Trotz Baustellen laufe es im Club «ruhig und gut», so Schönenberger: «Wir haben viele Projekte, Power, Ideen.» Diese Einschätzung teilen nicht nur Sponsoren – «unser Verhältnis zum Club war noch nie so entkrampft», meint einer –, sondern vor allem auch die treibende Kraft an der Spitze: Dölf Früh, der sich als Geldgeber (von 2,7 Millionen) und Verwaltungsratspräsident der FC St. Gallen AG und der Event AG langfristig verpflichtete, ist mit dem Betrieb «in Anbetracht der ungünstigen Umstände sehr zufrieden».

«Anderes Tempo gewöhnt»

Früh glaubt, dass der Club frisches Vertrauen schaffen konnte: «Wir haben in unzähligen Einzelgesprächen Überzeugungsarbeit geleistet und den Supportern unsere Wertschätzung und Dankbarkeit gezeigt.» So konnten zum Beispiel «sehr viele Saisonabonnenten» zurückgewonnen werden. Gegenüber der Politik hegt der Präsident keinen Groll: «Der FC St. Gallen war nicht wegen der Politik am Boden. Dass er sich wieder aufrichtet, liegt ganz an uns. Ich kann niemandem böse sein, der im Fahrwasser des Vertrauensverlustes gegen unsere Absichten handelte.» Nun strebe man ein «entspanntes und partnerschaftliches Verhältnis zu den Politikern» an.

Wie aber geht es dem FC St. Gallen finanziell? «Selbstverständlich, wie angekündigt» müsse man in der Challenge League mit einem Defizit rechnen, sagt Früh, «allein der Verlust von derzeit 1000 Saisonabos, die Abschläge wegen Rabatten und geringerer Anzahl Spiele sagt genug.» Doch hänge die Höhe des «auf jeden Fall verkraftbaren» Defizits «von vielen Faktoren» ab. Früh ist überzeugt, dass sich der Club aus der «Dauerabhängigkeit» von Geldgebern lösen könne – «auch wenn ich manchmal der einzige bin, der an schwarze Zahlen glaubt». «Das Ziel heisst klar langfristige Gesundung, es kann nicht sein, dass ein Nachfolger noch um Geld betteln muss.» In seinem unerschütterlichen Vorwärtsdrang macht ihm das «langsame, von vielen Rahmenbedingungen» geprägte Fussballgeschäft zu schaffen: «Ich bin als Internet-Unternehmer ein anderes Tempo gewöhnt!»

Konzerte und andere Spektakel

Nebst «herrlichen Toren» und der «Aufbruchstimmung» in der ersten Mannschaft und «im ganzen Staff» lassen zwei Dinge Frühs «Unternehmerherz höher schlagen». Zum einen die unter dem Titel «FutureChamps Ostschweiz» eingeleitete Nachwuchsförderung, «erstmals in der Schweiz systematisch über Kantons- und Clubgrenzen hinweg», die als Magnet für Junge in der Region wirke und «mit manchem Lucky Punch langfristig auch finanziell den Knoten lösen» helfe. Jedoch gelte auch hier: «Es braucht Zeit, die Talente purzeln nicht nach eins, zwei Jahren aus dem Rohr.»

Zum andern freut Früh die gesteigerte Nutzung der Arena. Das als «Schnellschuss» organisierte Open-Air-Kino könne dank Vorteilen wie Wettersicherheit bereits 2012 zum Erfolg werden. Ebenso entwickle man «ein Gespür für Qualität» bei Gastspielen: Die Auftritte von Dortmund und Spanien/Chile brachten Erträge von bis zu 200 000 Franken, derweil bei Southampton ein Verlust von 50 000 resultierte. Zudem dürfe das Publikum mit Konzerten von «Top Acts» rechnen, auch wenn das Zeitfenster knapp sei und der Rasen abgedeckt werden müsse.

«Diesen Sommer waren wir bereits haarscharf dran», sagt Früh und erzählt von Plänen für «etwas Verrücktes», das demnächst vorgestellt werde: «Wir müssen an allen Schrauben drehen und Unmögliches möglich machen.»

Aufstieg und Sicherung

Erstmal müsse man aufsteigen, sagt Früh: «Entgegen der riesigen Erwartungshaltung wäre das eine grosse Leistung. Von wegen <Krösus> – wir haben vier, fünf starke Konkurrenten mit vergleichbaren Budgets.» Dass der Zuschauerschnitt nicht mehr wie in der ersten ChL-Arena-Saison 12 500, sondern eher 10 000 beträgt, kommentiert er mit einem Schulterzucken: «Das hängt immer von der spielerischen Attraktivität der Mannschaft ab – man schaue ins halbleere Basler Stadion bei der Schweizer Nati.»

Wie nachhaltig die Sanierung ist, wird sich in ein paar Jahren zeigen. Würden die Investoren denn ein zweites Mal einspringen? Vom Worst-Case-Szenario eines Nichtaufstiegs und weiteren Defiziten mag Früh nicht sprechen. Doch deutet er an, dass man «ja als Gruppierung» eingestiegen sei. Und von wegen schlechtestdenkbare Wendung: Vom Fall Neuchâtel war St. Gallen nicht weit entfernt, allerhand dubiose Interessenten standen schon vor der Tür.

Aktuelle Nachrichten