FRÜHFRANZSÖSISCH: Wieder läutet das Totenglöcklein

Das Kantonsparlament bleibt dabei: Das Frühfranzösisch soll im Thurgau bald der Vergangenheit angehören. Ob es tatsächlich so weit kommt, ist dennoch offen. Das letzte Wort wird wohl das Volk haben.

Christian Kamm
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Für ihn ist der Fall klar: ein Befürworter des Frühfranzösischunterrichts vor dem Frauenfelder Rathaussaal. (Bild: Walter Bieri/Keystone)

Für ihn ist der Fall klar: ein Befürworter des Frühfranzösischunterrichts vor dem Frauenfelder Rathaussaal. (Bild: Walter Bieri/Keystone)

Christian Kamm

christian.kamm@thurgauerzeitung.ch

Erziehungsdirektorin Monika Knill streute sich als letztes Mittel ordentlich Asche aufs Haupt. Ja, räumte sie selbstkritisch ein, wenn man bereits eine grosszügigere Dispensationsmöglichkeit vom Frühfranzösischunterricht eingeführt hätte, «dann würde diese Diskussion heute vielleicht gar nicht stattfinden». Umso entschiedener warb sie dann dafür, dass das Frühfranzösisch im Thurgau eine neue Chance verdient habe. «Denn Hinfallen ist keine Schande, nur nicht mehr aufzustehen.»

Genützt haben alle Appelle von Seiten der Befürworter des Frühfranzösischs nichts. Mit 68 gegen 53 Stimmen trat der Rat zuerst auf eine Gesetzesänderung ein, die das Fach Französisch in der Primarschule streichen will. Anschliessend wurden sowohl ein Rückweisungsantrag (87 Nein, 30 Ja) des Grünen-Kantonsrats Toni Kappeler wie auch ein Streichungsantrag (64 Nein, 53 Ja) von SP-Kantonsrat Walter Hugentobler abgelehnt. Damit bleibt das Parlament in Sachen Frühfranzösisch auf Abschaffungskurs. Und es ist wenig wahrscheinlich, dass sich die Mehrheiten bis zur zweiten Lesung noch ändern. Hingegen steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Volk das letzte Wort haben wird. Mindestens 30 Kantonsräte müssten in diesem Fall das Behördenreferendum unterstützen.

Vor der Entscheidung war im Rahmen einer rund zweistündigen Debatte alles mobilisiert worden, was Parlamentarismus zu bieten hat. Und einmal sogar noch etwas mehr. Als GLP-Kantonsrat Hanspeter Heeb während seines Redebeitrags eine französische Ballade zu singen begann, wurde es dann auch Grossratspräsident Gallus Müller zu bunt.

Grossmehrheitlich auf Seiten der Gegner reihte sich, wie schon 2014, die SVP-Fraktion ein. Das Frühfranzösisch in der Primarschule sei keine Erfolgsgeschichte, kritisierte Erich Schaffer. «Der erhoffte Mehrwert ist ausgeblieben.» Das Ganze sei ein Auslaufmodell. Joe Brägger von den Grünen zitierte eine alte Indianerweisheit: «Wenn du merkst, dass du ein totes Pferd reitest, dann steig ab.» Zwar sei das Frühfranzösisch noch nicht tot, «aber es lahmt bedenklich». Mit der Verlagerung auf die Oberstufe gewinne man Ressourcen für einen vertieften Deutschunterricht in der Primarschule. Auch die EDU und die Mehrheit der CVP/EVP hieben in diese Kerbe: «Die Deutschkenntnisse am Ende der sechsten Klasse sind ungenügend», sagte Maja Bodenmann. Beim Französisch seien allein die Kenntnisse am Ende der Schulzeit ausschlaggebend.

«Wir sind nicht die einzigen Schweizer»

Auf der Gegenseite erinnerte Kristiane Vietze namens der Mehrheit der FDP, «dass wir Thurgauer nicht die einzigen Schweizer sind». Es gelte, das mühsam erarbeitete Sprachenkonzept und den Föderalismus nicht aufs Spiel zu setzen. Fürs Frühfranzösisch stark machte sich ebenso die SP.

Wie andere Redner verwies Felix Züst auf die von Regierungsrätin Knill angekündigten Massnahmen beim Französischunterricht. «Ich traue es der Departementschefin und der Verwaltung zu, die vorliegenden Verbesserungen umzusetzen.» BDP-Kantonsrat Roland A. Huber brachte den steigenden Druck auf der Oberstufe nach einer Verlagerung des Französischunterrichts ins Spiel: «Haben die Jugendlichen in der siebten Klasse nicht schon genug Stress?» Und Reto Ammann von der GLP kritisierte: «So verschieben wir das Problem nur auf die Oberstufe.»