Freundlich geleitet zum Lob

Bach lieben und beim Text ein Auge zudrücken – diese Hörhaltung hinterfragte Martin Johann Stähli beim Bach-Zyklus in Trogen. Mitreissend lobend dazu die «Musicam» von BWV 137.

Bettina Kugler
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Der Weckruf in der ersten Choralstrophe lässt keine Herzensträgheit zu. Alle Stimmen, Sänger und Streicher, Oboen, Trompeten, Pauke und Orgel eilen frohgemut diesem frühen Höhepunkt der Kantate BWV 137 entgegen; es fällt schwer, hier nur ganz Ohr zu sein – was ja an sich schon zur Seligkeit führen kann, wenn Bach musikalisch predigt. «Psalter und Harfen, wach auf! Lasset die Musicam hören!», singt der Chor und steigert sich zu einem bezwingenden Forte: Wer «Odem» hat oder ein Instrument, möge doch jetzt bitte mitmachen!

Ovationen für Gott – oder Bach?

Weil der Bach-Zyklus unter Rudolf Lutz den geistig-sozialen Mehrwert zum Durchschnittskonzert pflegt, durch Reflexion des Textes, durch wiederholtes Hören und Verinnerlichen der Musik, stimmt also die Gemeinde am Ende des zweiten Kantaten-Durchgangs fast selbstverständlich in den Choral ein. Mag auch die durchgängige Liedmelodie, im Schlusschoral für handverlesene Soprane gesetzt, vom Volk Lob in den höchsten Tönen fordern: Wer mitsingt, erhebt sich in diesem Augenblick und tut das aus freiem Herzen.

Standing Ovations für den «König der Ehren»; einen Gott, der Kriege zulässt, Katastrophen, seine Entthronung durch Philosophie und Wissenschaft. Oder doch mehr für Bach und seine feinsinnigen Interpreten?

Das ist die Grundfrage, die der Religionssoziologe Martin Johann Stähli in seiner Reflexion zu bedenken gibt: Ob Bach als «fünfter Evangelist» seine nicht immer leicht verständliche Botschaft überlebt habe.

Ob man heutzutage Bach liebhaben und schätzen, mit dem Text jedoch seine Mühe bekunden könne – zumal gerade das Kirchenlied «Lobe den Herren, den mächtigen König» von den vermeintlich Mächtigen des öfteren missbraucht wurde.

Intellektuell geläutert

Kommet zuhauf: Dazu braucht es gegenwärtig riesige Lautsprecher und eine «Musicam», die groovt.

Das Volksfromme des Liedes erklingt in Trogen wohl freudig, aber auch intellektuell geläutert, in Musik, Text und Metatext. Frisch von der Seele weg loben: Das tut auch diese Kantate nicht, dafür mit allen Mitteln der Kunst, eng am Wortlaut der einzelnen Strophen.

Bei aller Lebendigkeit der Verkündigung gehen die Vokalisten der Schola Seconda Pratica sparsam mit selbstgenüsslicher Klangfülle um; sie lassen genügend Platz für die sprechenden Kommentare und Fussnoten im Orchestersatz.

Ein Gespür von den luftigen Höhen, getragen von «Adelers Fittichen», geben Renate Steinmann (Violine) und Claude Eichenberger (Alt), hier mit herrlich beflügelten Läufen, dort seelenruhig. Künstlich und fein umspielen Sopran und Bass (Miriam Feuersinger, Markus Volpert) die Gottesgabe Gesundheit; wie hart der Seele Not zusetzen kann, macht das Ensemble in kühner Harmonik eindringlich spürbar.

Zurückhaltend verströmt Tenor Johannes Kaleschke den Regen göttlicher Liebe, während die Trompete jubiliert: Durchaus sinnreich ist das und – sehr uneitel.

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