Freispruch für vermeintliche Betrügerin – Innerrhoder Kantonsgericht bestätigt Urteil der Vorinstanz

Im vermeintlichen Betrugsfall in Oberegg stand eine junge Frau vor Gericht, weil sie einem inzwischen verstorbenen 68-Jährigen 48’000 Franken abgeschwatzt haben soll.  Das Innerrhoder Kantonsgericht hat nun als zweite Instanz das Urteil des Bezirksgerichts Appenzell bestätigt. Die Berufung wurde abgewiesen und die Beschuldigte freigesprochen.

Margrith Widmer
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Der Eingang zum Kantonsgericht in Appenzell. (Bild: Keystone)

Der Eingang zum Kantonsgericht in Appenzell. (Bild: Keystone)

Eine  heute 30-jährige Coiffeuse aus dem Fürstenland hatte, zusammen mit ihrer Schwester und einer Freundin, von dem meist alkoholisierten Mann insgesamt 48’000 Franken erhalten. Sie soll von Schicksalsschlägen, Eheproblemen erzählt haben; weiter soll sie dem Mann Rückzahlung in Naturalien versprochen haben.

Laut Aussagen des Staatsanwalts habe sie «Darlehensverträge» auf Fresszettel geschrieben, die sie später vernichtete. Vor Bezirksgericht sagte sie, sie habe nur gekritzelt und keine Belege angefertigt. Das Geld habe sie für Luxusgüter wie Parfums und Taschen von Louis Vuitton ausgegeben.

Im März 2013 ging der 68-Jährige mit einem Nachbarn zur Polizei und erstatteten Anzeige. Rund ein Jahr später wurden bei den drei Frauen Hausdurchsuchungen durchgeführt. Beim anschliessenden Verhör gaben die Beschuldigte einen Betrug gegenüber der Polizei zu. Dieses Geständnis widerriefen sie aber vor Gericht: Sie seien wegen der Drohung einer längeren Haft unter Schock gestanden.

In dubio pro reo

Der Mann habe ihr das Geld geschenkt, sagte die Beschuldigte im letzten Jahr vor Bezirksgericht. «Ich hätte es gar nie zurückzahlen können.» Die Freundin verweigerte die Aussage. Das tat die Coiffeuse nun auch vor Kantonsgericht. Sie sagte kein Wort.

Der Staatsanwalt hatte vor dem Bezirksgericht für die Frau eine bedingte Freiheitsstrafe von acht Monaten und eine Busse gefordert, sowie bedingte Geldstrafen für die Schwester und die Freundin. Die Verteidiger forderten unisono Freisprüche nach dem Grundsatz «in dubio pro reo» (im Zweifel für den Angeklagten). Es seien Teilnahmerechte verletzt und Verfahrensfehler begangen worden; die Polizei habe Suggestiv-Fragen gestellt, argumentierten die Verteidiger. Kritisiert wurde zudem die mit dreieinhalb Jahre viel zu lange Verfahrensdauer.

Schliesslich wurden die drei Frauen in erster Instanz freigesprochen. Die Zeugenaussagen des vermeintlichen Opfers gingen «weit auseinander», begründete das Gericht das Urteil. Es lägen zudem keine Beweise für Geistesschwäche vor. 

«Absolut verwerflich»

Dass es zu einem weiteren Prozess kam, geht auf die Erben des 68-Jährigen zurück. Sie hatten Berufung gegen das Urteil des Bezirksgerichts eingelegt.

Vor Kantonsgericht stand dann aber nur noch die 30-jährige Coiffeuse. Der Anwalt der Erben widersprach dann auch der Beurteilung des Bezirksgerichts: Eine Konfrontationseinvernahme sei nicht nötig gewesen. Der 68-Jährige sei todkrank gewesen: «Er wusste nicht mehr genau, was er tat.» Er sprach von «Fehlleistungen» der Vorinstanz. Der Mann sei praktisch immer stark betrunken gewesen. Die Frau habe einen kranken Alkoholabhängigen schamlos ausgenützt. Das sei «absolut verwerflich».

Es gehe um einen klassischen Betrugsfall. Der Mann sei in seiner Zurechnungsfähigkeit stark beeinträchtigt gewesen. Die Frau habe den schwer angeschlagenen Mann mit einer ungeheuren Dreistigkeit betrogen. Er forderte einen Schuldspruch und eine angemessene Bestrafung.

Das Kantonsgericht folgte seinen Anträgen nicht. Es bestätigte das Urteil der Vorinstanz vom 23. Oktober 2018 und sprach die Frau frei.

Urteil noch nicht rechtskräftig

Berufung hatten zwei Erben des 68-jährigen Manns eingelegt. Das Urteil des Bezirksgericht Appenzell vom 23. Oktober 2018 wurde bestätigt; die Kosten des Verfahrens von 3000 Franken gehen zu Lasten der Berufungskläger, der beiden Erben. Es wurden keine Entschädigungen zugesprochen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.