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Freier Handel, Geselligkeit und Abschottung

Die IHK St. Gallen-Appenzell feiert heute ihr 550jähriges Bestehen. Ihre Geschichte verläuft entlang der Konflikte zwischen Politik und Wirtschaft seit dem 15. Jahrhundert.
Roman Hertler
Geselligkeit hat – wie hier in Bern im 17. Jahrhundert – bei den Kaufleuten Tradition: Solche oder ähnliche Szenen dürften sich auch in der St. Galler Gesellschaft zum Notenstein und später im Kaufmännischen Directorium abgespielt haben. (Bild: Kunstmuseum Bern)

Geselligkeit hat – wie hier in Bern im 17. Jahrhundert – bei den Kaufleuten Tradition: Solche oder ähnliche Szenen dürften sich auch in der St. Galler Gesellschaft zum Notenstein und später im Kaufmännischen Directorium abgespielt haben. (Bild: Kunstmuseum Bern)

Heute feiert sich die Industrie- und Handelskammer St. GallenAppenzell (IHK) mit einem grossen «Fest der Ostschweizer Wirtschaft». In zwei Olma-Hallen werden führende Kräfte der Ostschweizer Wirtschaft und Politik die Gläser heben. So wie es schon in der Gesellschaft zum Notenstein, als deren legitimen Nachfolger sich die IHK sieht, Brauch war – nur damals vermutlich in kleinerem Rahmen.

Wirtschaftsmacht mit Müssiggang

Spätestens seit der Reformation bis zur Aufhebung des Klosters 1805 teilten sich zwei Staatsgebilde die Herrschaft über St. Gallen und das Umland: Auf der einen Seite ein grosses, kulturell bedeutendes katholisches Reichskloster; auf der anderen Seite eine wirtschaftlich sehr erfolgreiche reformierte Reichsstadt. Die Stadt hatte zwar kein politisches Territorium ausserhalb der Stadtmauern, Grundherr war das Kloster. Doch wirtschaftlich kontrollierten städtische Familien grosse Teile des ärmeren Untertanenlandes der Abtei. Positiver formuliert waren die Stadtherren die Arbeitgeber der Landbevölkerung. Die Stadt hatte dem Kloster St. Gallen und vor allem dem Bistum Konstanz den Rang als wirtschaftliche Vormacht im Bodenseeraum abgelaufen.

In diesem Umfeld gründeten die europaweit vernetzten St. Galler Handelsfamilien 1466 die «Gesellschaft zum Notenstein», die aber gegenüber den traditionellen Handwerkerzünften kein Anrecht auf Einsitz in die städtischen Räte hatte. So entsandten die Kaufleute auch viel weniger Politiker in die Stadtregierung als die Handwerker – sogar weniger, als es freie Ratssitze gab, die sie hätten besetzen dürfen. Es spricht vieles dafür, dass sich die Kaufleute wenig um die Ämter der politisch wenig einflussreichen Stadt scherten. Zudem war die politische Tätigkeit zeitaufwendig, was den vielbeschäftigten und häufig abwesenden Exporteuren nicht entgegenkam. Gleichwohl bildeten sie die finanzstärkste Gruppe in der Stadt. Auch «Müssiggänger» waren darin vertreten – Männer, die von den Zinsen ihres Vermögens leben konnten, ohne einer regulären Arbeit nachgehen zu müssen.

Networking in der Frühneuzeit

Was tat nun diese Gesellschaft der vereinigten Kaufleute von St. Gallen? Kurz: Alles, um den Handel mit den Mitteln der Wirtschaftsdiplomatie zu erleichtern. Oder neudeutsch: Networking. So setzten die Notensteiner beispielsweise durch, dass Kaiser Friedrich III. ihnen erlaubte, Warenlager in der Stadt einzurichten. Dem Prinz von Orange entlockten sie die Zusage, den Handelsleuten auf dem Weg nach Lyon grösstmögliche Sicherheit zu bieten. Bevorzugte Behandlung auf der Septimerpass-Route oder Zollfreiheit in Mailand waren ebenso frühe Erfolge der Notensteiner. Ausserdem übernahm die Gesellschaft auch wirtschaftspolitische Verhandlungen in Vertretung für die Eidgenossenschaft.

Im Verlauf der Jahrzehnte entwickelte sich die Gesellschaft zum Notenstein in ihrem Sitz im Haus zum Notenstein am Bohl zu einem Ort, an dem das gesellige Beisammensein in den Vordergrund trat. Aus ihr heraus bildete sich 1730 das «Kaufmännische Directorium» (KD), das fortan die berufspolitischen Aufgaben der Kaufleute wahrnahm. Zu einem Hauptverdienst des KD gehörte die aktive Integration der von den Zünften ausgeschlossenen religiösen Flüchtlinge, insbesondere der Hugenotten. Das KD war es, das im 17. Jahrhundert erstmals einen französischen Pfarrer anstellte. Noch heute ist die IHK der «église française» verbunden.

Die ländliche Konkurrenz erwacht

Der Dreissigjährige Krieg (1618–1648) verhalf den St. Galler Textilhändlern am Ende des 17. Jahrhunderts zu einer Hochkonjunktur, da frühere Konkurrenten – etwa die Textilstädte Oberschwabens – nicht mehr zur alten Stärke zurückfanden. Neue Konkurrenz erwuchs der Stadt durch klösterlich kontrollierte Nachbarorte. Die Fürstäbte hatten keinerlei Interesse daran, Forderungen nach protektionistischen Massnahmen zum Schutz der städtischen Leinwandproduktion nachzukommen. Im Gegenteil förderten die Klosterherren die eigene Leinwandproduktion. Als Reaktion darauf konzentrierten sich die städtischen Händler auf die Textilveredelung: Bleichen, Färben und Mangen. Mit sogenannten Leinwandschauen stellten sie die hohe Qualität der St. Galler Leinen sicher. Der Erfolg blieb bescheiden. Das Rheintal, Appenzell Ausserrhoden und das Toggenburg richteten eigene Leinwandschauen ein. Plötzlich verdienten auch nichtstädtische Kaufleute Geld im Fernhandel. Ein weiterer Grund für den Niedergang des St. Galler Leinwandhandels war die Weigerung der Zünfte, besonders der Weber, neue Produkte herzustellen. Erfolglos versuchten die Händler immer wieder Neuentwicklungen von Produkten anzuregen, die sie auf fremden Märkten gesehen hatten und denen grosse Absatzerfolge beschieden waren.

Kredite, Krisen und Konkurse

Peter Bion krempelte Anfang des 18. Jahrhunderts das St. Galler Wirtschaftssystem um – von der Zunftwirtschaft zum Verlagswesen. Er begann Berchant, ein Mischgewebe aus Baumwolle und Leinen, herzustellen. Mit dem Verleger trat erstmals die Figur des Unternehmers in Erscheinung. Er stellte Heimarbeitern Rohstoffe und Halbfabrikate zur Verfügung und zahlte ihnen für die Verarbeitung einen Lohn. Damit war das Korsett starrer zünftischer Regeln durchbrochen. Der Verleger konnte die Produktionsmenge der Nachfrage flexibel anpassen. Der Grundstein der Ostschweizer Textilindustrie war gelegt. Die folgende Hochkonjunktur forderte allerdings auch ihre Opfer. Zahlreiche Nachahmer, die sich nach Bions Vorbild als Verleger versuchten, scheiterten. Zu sehr waren sie das zünftische Wirtschaften gewohnt, zu unflexibel agierten sie. Nie war die Zahl der Konkurse so hoch wie in dieser Phase, was die städtische Armenfürsorge belastete. Das war sowohl den Zünften als auch den Händlern ein Dorn im Auge. Doch unterschieden sich ihre Lösungsansätze diametral: Die Zünfte glaubten, dass Kredite zu einfach zu haben waren und Konkursiten hart zu bestrafen seien, etwa mit Verbannung oder gar mit dem Tod. Die Kaufleute wollten das Gegenteil: Erleichterung von Kreditgeschäften und möglichst weitgehende Reduktion der Strafen in Konkursfällen.

Eine organisatorische Durchmischung von Kaufleuten und Unternehmern erfuhr das Kaufmännische Directorium mit seiner Statutenrevision 1838, als erstmals Fabrikanten Mitgliedschaft erwerben konnten. Kurz zuvor hatte das KD das von den Kaufleuten seit dem 16. Jahrhundert organisierten Postwesen an den jungen Kanton übertragen. Es entbrannte ein Rechtsstreit, da der Kanton auch Anspruch auf den Directionsfonds erhob, mit dem das Postwesen finanziert worden war. Selbige Konflikte wurden auch in anderen Städten der Schweiz ausgetragen. Anders als andernorts – etwa in Basel, Zürich oder Schaffhausen – gelang es dem KD auf politischem Weg, dem Staat den Zugriff auf den Handels- und Postfonds sowie den Fonds der reformierten Kirche zu verweigern. Der Fortbestand dieser privat getragenen «freiwilligen Handelskammer» war gesichert. Das KD engagierte sich – nebst handels- und verkehrspolitischen Belangen – auch in der Bildung und war beispielsweise Mitträgerin der 1898 gegründeten Handelsakademie und Verkehrsschule in St. Gallen. Immer wieder engagierte sich das KD auch in Krisensituationen, etwa nach dem Zusammenbruch der Stickereiindustrie und während der Wirtschaftskrisen der 1920er- und 1930er-Jahre.

Abschottung gegen Neureiche

Die Mitgliedschaft im KD blieb aber lange nur St. Galler Ortsbürgern vorbehalten. 1875 bildeten auswärtige Handelsmänner parallel zum KD den Industrieverein St. Gallen als «freier Sammelort aller Industriellen und Kaufleute». Die städtische Elite hielt ihre Abschottung gegenüber dem im Stickereiboom erstarkten neuen Bürgertum zugezogener ländlicher Fabrikanten sowie deutscher und amerikanischer Kaufleute bis 1893 aufrecht. Danach dauerte es aber nochmals knapp ein Jahrhundert, bis sich das Directorium und der Industrieverein 1991 zur heutigen Industrie- und Handelskammer St. Gallen-Appenzell zusammenschlossen.

Quellen: Sankt-Galler Geschichte, 2003, Band 5 und 6; Hans Rudolf Leuenberger: 500 Jahre Kaufmännische Corporation St. Gallen, 1966; Historisches Lexikon der Schweiz; unpublizierte Vortragsnotizen der Stadtarchivare Stefan Sonderegger, Dorothee Guggenheimer und Marcel Mayer.

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