Freie Wahl nicht nur für Reiche

Die freie Schulwahl hat es in der Ostschweiz nicht einfach: Das Thurgauer Stimmvolk wollte davon nichts wissen, das St. Galler Kantonsparlament schmettert die Idee ab. Vom Tisch ist das Thema deswegen nicht.

Regula Weik
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Bild: ky/Gaëtan Bally

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st. gallen. Freier Wettbewerb zwischen den Oberstufen im Kanton: Die Idee behagt dem St. Galler Kantonsparlament nicht. Es lehnt die Schulwahl-Initiative klar ab. Die Gegner reden von einem «Luxus-Begehren» und davon, dass die Schule nicht dem freien Markt ausgesetzt werden dürfe. Sie befürchten einen «Schultourismus» und als Folge davon schlecht durchmischte Klassen.

Wie entscheidet das Volk?

Die Jungfreisinnigen und die Mitglieder der Elternlobby – sie haben die Volksinitiative «Freie Schulwahl auf der Oberstufe lanciert und innert fünf Monaten über 9000 Unterschriften zusammengetragen – kennen die Argumente der Kritikerinnen und der Gegner. Sie lassen deswegen nicht locker; sie sind von der Idee überzeugt – selbst wenn das St. Galler Stimmvolk ihr Anliegen bachab schicken sollte.

Die Volksinitiative «Freie Schulwahl auf der Oberstufe» kommt im Februar an die Urne – ohne Gegenvorschlag. So hat das Kantonsparlament entschieden.

Die einen wählen heute schon

«Wir haben einen langen Schnauf», sagt Vincenz Rentsch, Präsident der St. Galler Jungfreisinnigen. Und weshalb sind die Initianten derart überzeugt, dass die freie Schulwahl richtig und wichtig ist? «Unsere Initiative ist kein Plädoyer für die private Schule und auch keine Kritik an der öffentlichen Schule», sagt Michael Suter, Vorstandsmitglied der Elternlobby.

Sein Einsatz für die freie Schulwahl ist anders motiviert: «Reiche Eltern können heute schon die Schule wählen, mittel bis schwach verdienende können es nicht. Das ist Zweiklassenbildung.» Und unbestritten sei wohl: «Nicht jede Schule ist für jedes Kind eine gute Schule.» Deshalb forderten sie die freie Schulwahl auf der Oberstufe – «eine Durchlässigkeit innerhalb der öffentlichen Schule, die private Schulen einschliesst.»

Rentsch ergänzt: «Heute haben wir die freie Wahl beim Einkaufen und die freie Arztwahl. Weshalb soll das nicht auch für den Bildungsbereich gelten?»

«Wettbewerb steigert Qualität»

Die freie Schulwahl führe zu einem grösseren Wettbewerb und dazu, dass alle Schulen «dem Druck ausgesetzt sind, gut zu sein; daraus resultieren bessere Leistungen der Schulen – und davon profitieren auch die öffentlichen», sagt Erwin Ogg, ebenfalls Vorstandsmitglied der Elternlobby.

Wird sich das Bildungswesen im Kanton nicht verteuern, wenn Schülerinnen und Schüler zuhauf an Privatschulen wechseln? Idee der Initiative ist: Die Gemeinden zahlen für Oberstufenschüler, die aus ihrem Gebiet kommen und eine anerkannte Privatschule besuchen, ein Schulgeld. Suter hält das Kostenargument für ein «rein kalkulatorisches Spiel». Er ist überzeugt: Die freie Schulwahl sei – auf Dauer betrachtet – nicht teurer.

«Durch die Wahl der passenden Schule entfallen manche teure sonderpädagogischen Massnahmen sowie mögliche soziale Folgekosten wegen Schulversagens oder Schulabbruchs.»

Wechsel bleiben selten

Die Erfahrungen in Ländern mit freier Schulwahl zeigen: Der Grossteil der Eltern – bis zu 90 Prozent – wählt die nächstgelegene Schule.

Lohnt es sich denn überhaupt, wegen einiger Weniger das Schulsystem auf den Kopf zu stellen? «Das passiert mit der freien Schulwahl nicht. Sie öffnet aber den Eltern eine Wahlmöglichkeit – und zwar allen, die sie nutzen wollen, ob arm oder reich, ob Schweizer oder Ausländer», sagt Ogg. Er ist überzeugt: «Die vom Staat zugewiesene Schule wird die Regelschule bleiben. Risiken wie soziale Entmischung, Schultourismus, Planungsunsicherheit halten sich deshalb in Grenzen.

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Ogg schaut in die fernere Zukunft: «In zwanzig oder dreissig Jahren ist die freie Schulwahl auch bei uns selbstverständlich.»

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