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15 Franken Eintritt – damit die Ostschweizer Badis rentieren, müssten sich die Billettpreise mehr als verdoppeln

Egal ob Hitzewelle oder Hudelwetter – Badis erzielen keine Gewinne. Damit sich das ändert, müssten sie die Preise mehr als verdoppeln. Ein Experte ist sich sicher: 15 Franken für einen Schwumm bezahlt niemand. Sparpotenzial gibt es kaum.
Linda Müntener
Selbst bei Sommerwetter sind Badis ein Verlustgeschäft. (Bild: Andrea Stalder)

Selbst bei Sommerwetter sind Badis ein Verlustgeschäft. (Bild: Andrea Stalder)

Jetzt ist er da, der Sommer. Endlich, dürften sich die Betreiber der Badis denken. Nach einem Kaltstart in die Saison können die Kassen klingeln. Das müssen sie. Denn der Badibetrieb ist ein Verlustgeschäft.

Die Badi Teufen verbucht jährlich einen Verlust von knapp einer halben Million Franken. Das Freibad Rheinau in Buchs machte 2018 einen Verlust von rund 180000 Franken. Für das Schwimmbad Arbon ist 2019 ein Defizit von rund 240000 Franken budgetiert. Die Liste liesse sich lange weiterführen, kaum eine Badi ist selbsttragend. Das gilt nicht nur für die Ostschweiz.

«Ich kenne in der ganzen Schweiz keine Badi, die sich komplett selber finanziert.»

Das sagt Martin Enz, Geschäftsführer des Verbands Hallen- und Freibäder VHF. Zu teuer ist der Betrieb.

Am meisten Geld wird für die Löhne ausgegeben

Die durchschnittlichen Gesamtkosten für eine Badi mit 50-Meter-Schwimmbecken liegen gemäss Bundesamt für Sport bei rund einer halben Million Franken im Jahr. Hauptkostenpunkt: das Personal. Die Löhne machen im Durchschnitt einen Drittel der Bewirtschaftungskosten aus.

Die Anforderungen an einen Bademeister etwa sind hoch. «Er trägt eine grosse Verantwortung, zu allen Betriebszeiten. Der Lohn dafür bewegt sich im mittleren Segment», sagt Enz. Auch Betrieb und Unterhalt gehen ins Geld. Und: Bäder gehören neben Eissportanlagen zu den energieintensivsten Sportanlagen.

Wir nehmen als Beispiel das Freibad Seegarten in Goldach. 25-Meter-Becken, See, Kinderplanschbecken, Spielturm, Restaurant. Auf dem Eventkalender stehen Yoga, Aqua-Zumba und Live-Musik. Getragen wird die Badi von der Gemeinde und verursachte für 2018 einen Verlust von rund 290000 Franken. Weil der Steuerzahler nicht nur Investitionen finanziert, sondern auch die Verluste ausgleicht, sind die Eintritte für Einheimische vergünstigt.

Die Rechnung des Jahres 2018 sieht im Detail wie folgt aus:

Die Rechnung der Badi Goldach

Die Erfolgsrechnung aus dem Jahr 2018
Aufwand Ertrag
Personal 172 509 Eintritte 176 307
Drucksachen 681 Mietzinsen 13 175
Ankauf Mobilien, Maschinen 2004 übriger Ertrag 2107
Energie, Wasser 60 268 Vermietung Boxen 4986
Verbrauchsmaterial 21 642 Rückerstattung 2631
Baulicher Unterhalt 67 609
Umgebungsarbeiten 26 678
übriger Unterhalt 26 100
Pachtzinsen 34 358
Telefon, Spesen 1388
Dienstleistungen 52 915
Versicherungen 2243
Verwaltung 19 605

Damit die Badi rentiert, müssten sich die Preise mehr als verdoppeln

2018 hat die Badi Goldach 27062 Billetts verkauft. Dazu zählen Saisonabos, 10er-Karten und Einzeleintritte. Ein Einzeleintritt kostet für Erwachsene 6 Franken, für Lehrlinge und Studenten 3 Franken, für Schulkinder 2 Franken. Damit der Betrieb selbsttragend wäre, müssten sich die Preise gemäss Angaben der Gemeinde mehr als verdoppeln. Der Eintrittspreis für einen Erwachsenen beliefe sich demnach auf 15 Franken. «Für eine klassische Seebadi zahlt das niemand», sagt Enz.

Schulkinder zahlen in der Badi Goldach zwei Franken Eintritt. Damit das Bad selbsttragend wäre, müsste jedes Kind fünf Franken bezahlen. (Bild: Michel Canonica)

Schulkinder zahlen in der Badi Goldach zwei Franken Eintritt. Damit das Bad selbsttragend wäre, müsste jedes Kind fünf Franken bezahlen. (Bild: Michel Canonica)

Sparen kann man einzig beim Personal

Vor demselben Problem steht man in Wittenbach. Der Schwimmbadgenossenschaft Sonnenrain steht das Wasser bis zum Hals: jährliche Verluste von über 500000 Franken. Den Defizitbeitrag leistet auch hier die Gemeinde. Die Verwaltung hat einen Katalog mit Sparmassnahmen erstellt: Veränderte Öffnungszeiten, aufgerüstete Billettautomaten, reduzierte Teilpensen. Damit wird weniger fürs Personal ausgegeben, 100000 pro Jahr, so das Ziel. 2018 wurde dieses nicht erreicht.

Laut Martin Enz besteht Sparpotenzial grundsätzlich einzig in der Betriebsführung. Er leitet das Bellavita Erlebnisbad und Spa in Pontresina. Dort setzt er auf Allrounder, niemand arbeitet nur in einer Abteilung.

«Je vielfältiger das Personal, desto effizienter kann man es einsetzen.»

Das schaffe vor allem während der Totzeiten Spielraum. Damit man solches Personal findet, erarbeitet der Verband Hallen- und Freibäder gemeinsam mit dem Schweizerischen Fachverband Betriebsunterhalt ein neues Ausbildungskonzept. Die Lehre Fachfrau/Fachmann Betriebsunterhalt mit Kompetenzbereich Bad und Sportanlagen soll ab 2023 angeboten werden. «Man hat erkannt, dass man die Jungen gut ausbilden muss.» Das werde sich auszahlen.

An den Anlagen nagt der Zahn der Zeit

Neben den hohen Kosten für den Badibetrieb fallen Investitionen an. Die Mehrheit der rund 500 Frei- und Strandbäder in der Schweiz wurde in den 70er und 80er-Jahren gebaut. An ihnen nagt der Zahn der Zeit. Nach 40 oder 50 Betriebsjahren steht die eine oder andere betreibende Gemeinde vor der Frage: Wie geht’s weiter?

Das Schwimmbad Wattwil ist in die Jahre gekommen. Am 30. Juni entscheiden die Stimmberechtigten über die Sanierung. (Bild: Archiv)

Das Schwimmbad Wattwil ist in die Jahre gekommen. Am 30. Juni entscheiden die Stimmberechtigten über die Sanierung. (Bild: Archiv)

Darüber wird in der Gemeinde Wattwil am 30. Juni entschieden. Der Gemeinderat beantragt der Bevölkerung zwei Kredite für die Aufwertung des Schwimmbads. Es geht um gesamt 6,3 Millionen Franken. Für 3,41 Millionen Franken soll ein Chromstahlbecken eingebaut werden. Das ist laut Gemeindepräsident Alois Gunzenreiner dringend nötig. Der Beton im Becken bröckelt, die Badigäste könnten sich Schürfungen zuziehen. Auch die Ausmasse des Sprungbeckens und der Auslauf der Rutschbahn ins Nichtschwimmer-Becken entsprechen nicht den Sicherheitsvorschriften.

Wattwil ist kein Einzelfall. Gemäss einer Dokumentation der Beratungsstelle für Unfallverhütung erfüllen hierzulande viele Anlagen die Anforderungen an den heutigen Stand der Technik und Sicherheit nicht. Auch die Anforderungen an die Wasserqualität sind gestiegen. Diese unterliegen seit dem 1. Mai 2017 der Trinkwasserverordnung. Das Wasser muss aufbereitet und kontrolliert werden. Das kostet.

«Badis sind viel mehr als Freizeitanlagen»

Trotz jährlicher Defizite, trotz Investitionen in Millionenhöhe – eine Schliessung steht in keiner der Gemeinden zur Debatte. Die Badis gehören zum Kulturgut. «Badis sind viel mehr als Freizeitanlagen», sagt Martin Enz. Die Anlagen seien etwa bei der Umsetzung des Lehrplans 21 zentral. Denn dieser verlangt, dass alle Schulen Schwimmunterricht anbieten. «Die Bäder leisten zudem einen wichtigen Beitrag zur Gesundheitsförderung.» In der Stadt Bern haben deshalb alle freien Zutritt zur Badi, egal ob einheimisch oder auswärtig. Bern leistet sich das, so wie sich die Gemeinden in der Ostschweiz ihre Badis leisten – auch wenn sie die Verluste ausbaden müssen.

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