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Fraumünster-Posträuber vermasselt alles

Der Überfall auf eine Hanfanlage in Altstätten ist in einem Take-away geplant worden. Die Anklageschrift zeigt: Ein Mann wurde wegen seiner Erfahrung bei Überfällen beigezogen – seine Schüsse führten aber zum Scheitern der Tat.
Daniel Walt
Plantage mit rund 10'000 Hanfpflanzen: Die Anlage in Altstätten war eine der grössten, welche im Kanton St.?Gallen je ausgehoben wurden. (Bild: Kapo SG)

Plantage mit rund 10'000 Hanfpflanzen: Die Anlage in Altstätten war eine der grössten, welche im Kanton St.?Gallen je ausgehoben wurden. (Bild: Kapo SG)

ALTSTÄTTEN. Es war eins der aufsehenerregendsten Verbrechen der letzten Jahre in der Ostschweiz. In der Nacht auf Montag, 16. Februar 2015, stürmten sechs Männer eine Hanfanlage in einer Industriehalle in Altstätten. Die Täter hatten erfahren, dass die Cannabis-Ernte kurz bevorstand. Die Blüten der knapp 10'000 Pflanzen hatten einen Wert von mehreren hunderttausend Franken. Das steht in der kürzlich verfassten Anklageschrift gegen den Haupttäter, die unserer Zeitung vorliegt.

"Empfand es als beruhigend"
Geplant wurde der Coup gemäss Anklageschrift in einem Take-away beim Bahnhof Zürich-Altstetten. Einer der Beteiligten hatte zuvor schon einmal erfolglos versucht, die Hanfanlage im Rheintal zu überfallen. Für den zweiten Anlauf warb er vier Männer an. Einer von ihnen erzählte einem weiteren Kollegen davon. Dieser hatte 1997 mit einem Überfall auf die Zürcher Fraumünster-Post nationale Bekanntheit erlangt – er erbeutete mit Komplizen über 53 Millionen Franken und wurde später zu fast fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Prompt zeigte er Interesse daran, beim Coup in Altstätten mitzuwirken. Der Drahtzieher des Überfalls auf die Hanfplantage seinerseits nahm den Posträuber gerne in die Gruppe auf: "Er empfand es als beruhigend, jemanden im Team zu haben, der Erfahrung darin hatte, einen Überfall zu begehen", heisst es in der Anklageschrift.

Heckenschere besorgt
In der Besprechung im Zürcher Take-away einige Stunden vor dem Überfall erklärte der Posträuber seinen Kumpanen, er besitze eine Waffe – obwohl er nie dazu berechtigt war, eine solche zu erwerben oder zu tragen. Die sechs Männer machten zudem ab, beim Überfall Westen mit der Aufschrift "Polizei" zu tragen. Dies, um die Bewacher der Anlage zum kampflosen Aufgeben zu bewegen.

Die Täter beschlossen zudem, einen Störsender mitzunehmen, damit die Überfallenen nicht per Handy Verstärkung anfordern konnten – einer der Männer demonstrierte im Take-away sogar noch, wie der Sender funktioniert. Zudem hatte einer der Täter eine Heckenschere besorgt, damit das Cannabis leichter geerntet werden könnte. Die Beute sollte anteilmässig auf die sechs Räuber verteilt werden.

Überfall abgebrochen
Es war zwischen 1.30 und 2.30 Uhr in jener Februarnacht, als die sechs Angreifer in drei Autos auf das Gelände in Altstätten fuhren. Die Männer vermummten sich, einige zogen die angeblichen Polizeiwesten an, und der Posträuber lud seine Schrotflinte. Dann drangen die Männer in die Halle ein. Als sie auf die zwei Bewacher trafen, feuerte der Posträuber aus kurzer Distanz mehrere Schüsse auf diese ab.

Die beiden schwer verletzten Wachposten wurden gefesselt. Die Täter schafften es danach zwar, mit einem Schlüssel zur Hanfplantage zu gelangen. Als sie aber merkten, dass einer der Bewacher mit dem Tod rang, brachen sie den Überfall ab und suchten das Weite. Auf der Flucht rief einer der Täter mit einem Mobiltelefon der Bewacher die Notrufnummer an und meldete, dass sich in der Halle zwei Schwerverletzte befänden. Die beiden Bewacher überlebten den Angriff schliesslich – einer von ihnen wäre gemäss der Anklage ohne medizinische Hilfe innert kürzester Zeit gestorben. Er sei arbeitsunfähig und werde nie mehr gesund werden.

In der Zelle randaliert
Gefasst wurde der bereits unter Verdacht stehende Fraumünster-Posträuber im vergangenen Juni im Kanton Zürich – rund vier Monate nach dem Überfall in Altstätten. Kurz zuvor hatte er zwei Drogensüchtige ausgeraubt und dabei Heroin und Kokain erbeutet. Die St.Galler Staatsanwaltschaft übernahm auch diese Fälle, der Fraumünster-Posträuber kam in Haft. Nachdem er im vergangenen Dezember erfahren hatte, dass sein Haftentlassungs-Gesuch abgelehnt worden war, randalierte er im Gefängnis im St.Galler Klosterhof: Er zerschlug das Waschbecken und warf den Fernseher zu Boden.

Die Staatsanwaltschaft beantragt für den Mann unter anderem wegen versuchter vorsätzlicher Tötung, Raub, Nötigung, Vergehen gegen das Waffengesetz und Sachbeschädigung eine Freiheitsstrafe von elf Jahren, eine Busse von 300 Franken und die Übernahme der Verfahrenskosten. Die übrigen Angreifer von Altstätten sollen gemäss Antrag Freiheitsstrafen zwischen zweieinhalb und vier Jahren erhalten.

Munition verwechselt?

Bereits vor dem Überfall in Altstätten hatte der Posträuber seinen Komplizen erklärt, er werde seine Waffe mit Gummigeschossen laden. Verwendet hat er dann Flintenlauf-Geschosse – aus Versehen, wie er behauptet.
Gemäss der Anklageschrift steht fest, dass der Mann drei Tage vor dem Überfall 25 Gummigeschosse und 25 Flintenlauf-Geschosse erworben hat. Laut eigenen Angaben warf er dann aber Flintenlauf- und Gummigeschosse zusammen in einen Beutel, ohne sich über deren Unterschiede zu vergewissern. In der Tatnacht dann lud er die Schrotflinte im Dunkeln in Altstätten mit Munition aus diesem Beutel. Selbst wenn es zutreffe, dass der Mann nur Gummigeschosse habe verwenden wollen, habe er damit rechnen müssen, auch einige Flintenlauf-Geschosse zu erwischen, schreibt die Staatsanwaltschaft in der Anklageschrift. Zudem stellt sie fest, dass aus einer Schussdistanz von fünf Metern auch Gummigeschosse unter Umständen tödliche Verletzungen hätten verursachen können. (dwa)

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