Frauenzentrale bleibt gefordert

ST.GALLEN. 1914 wurde die Zentrale Frauenhilfe in St.Gallen gegründet – der Grundstein für die bald 100jährige Frauenzentrale. Früher ging es um Nothilfe für Frauen, heute steht die Stellung der Frau in Familie, Beruf und Politik im Vordergrund.

Markus Löliger
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Susanne Vincenz-Stauffacher präsidiert die Frauenzentrale. (Bild: Ralf Knechtel)

Susanne Vincenz-Stauffacher präsidiert die Frauenzentrale. (Bild: Ralf Knechtel)

Die Initiative zur Gründung der Frauenhilfe war zu Beginn des letzten Jahrhunderts von der St.Galler Ärztin Frida Imboden-Kaiser ausgegangen. Sie war auch die erste Präsidentin. Heute steht die Juristin und Anwältin Susanne Vincenz-Stauffacher an der Spitze der Organisation. Zu Beginn war eine Akademikerin noch die grosse Ausnahme unter den Frauen, heute ist es eine Selbstverständlichkeit, dass Frauen akademische Ausbildungen haben. Noch nicht selbstverständlich ist aber die umfassende Gleichberechtigung. Zwar haben sich die Schwerpunkte der Arbeit geändert. «Ein wichtiges Anliegen aber bleibt», sagt Susanne Vincenz: «Unser Ziel ist eine Gesellschaft, in welcher Frauen und Männern dieselben Wege und Wahlmöglichkeiten offenstehen.» Und Vincenz verspricht den Frauen: «Wir bleiben dran!»

«Frauen bewegen»

Heute startet die Frauenzentrale im 99. Jahr ins Jubiläumsjahr unter dem Motto «Frauen bewegen». In den bisher 99 Jahren des Bestehens hat sich vieles geändert. Geblieben ist – seit 1920 – der Name «Frauenzentrale», geblieben sind auch die Freiwilligkeit als Basis der Arbeit in der Frauenzentrale, und die Ehrenamtlichkeit, in der viele Aufgaben übernommen werden. «Wir sind auch heute noch auf Freiwilligenarbeit angewiesen», sagt die Präsidentin. Allerdings ist in den letzten Jahren eine Professionalisierung mancher Aufgaben zwingend geworden, und damit auch eine Abgeltung der Leistungen. Seit 2005 gibt es eine vollamtliche Geschäftsführung, die – nach längerem Interregnum – ab 2014 in zwei Aufgabenbereiche gegliedert werden soll: In die Geschäftsführung der Organisation und in die Leitung der zahlreichen Beratungsstellen, welche die Frauenzentrale anbietet – meist gratis und niederschwellig, manchmal gegen eine bescheidene Abgeltung.

Professionalisiert und verankert

Von der Zweiteilung der operativen Führung verspricht sich der Vorstand eine weitere Professionalisierung, weil nicht mehr eine einzige Person die vielen Fähigkeiten mitbringen muss, sondern zwei Führungspersonen mit unterschiedlichen Ausbildungen und Erfahrungen sich in die Aufgaben teilen können. Zurzeit führt die Präsidentin – unterstützt von den Vizepräsidentinnen Yvonne Brunner und Karin Hungerbühler – die Geschäfte bis zur Neuregelung der Geschäftsleitung.

Geblieben ist über all die Jahrzehnte auch die breitabgestützte Verankerung des Vorstandes durch Mitglieder aus unterschiedlichen politischen Lagern, aus verschiedenen Konfessionen, Regionen, Berufen und Gesellschaftsschichten. Der zehnköpfige Vorstand besteht ausschliesslich aus Frauen. Und das wird auch noch lange so bleiben, sagt Vincenz und begründet diese Strategie: «Das Gremium ist aus unserem Selbstverständnis heraus die Frauenvertretung. Wir wollen uns nicht vertreten lassen, sondern selber die notwendigen Aufgaben und Herausforderungen wahrnehmen.» Eine zentrale Aufgabe der Frauenzentrale neben der Wahrung der Interessen der Frauen ist das breite Angebot an Beratungsstellen. Dazu gehören Budget- und Schuldenberatung, Kinderhütedienst, Beratungsstelle für Familienplanung, Schwangerschaft und Sexualität mit vier Standorten, Haushilfe- und Entlastungsdienst, Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen, städtische Stelle für Mutterschaftsbeiträge. Dazu kommen Bildungsangebote für Frauen in Politik, Beruf und Familie.

Weil diese Angebote mehrheitlich unentgeltlich sind, gehört die Mittelbeschaffung zu den wichtigsten Aufgaben der Geschäftsleitung und des Vorstandes. Zwar weiss die öffentliche Hand um die Bedeutung der Beratungsstellen der Frauenzentrale und bietet auch Hand für Beiträge, damit die Beratung auf einem qualitativ guten Level erbracht werden kann. Bei Sparmassnahmen von Kanton und Gemeinden sind aber auch die Beiträge an die Frauenzentrale nicht tabu, im Gegenteil, der Druck kann sehr gross sein.

Beratungsstellen erhalten

2012 beispielsweise drohte aus dem Sparprogramm des Kantons bei einer der Beratungsstellen ein Kahlschlag, der nur durch massiven Widerstand – Vincenz spricht von einem «Hosenlupf» – gemildert werden konnte. In solchen Situationen kann die Ehrenamtlichkeit allein schon aus zeitlichen Gründen an ihre Grenzen kommen, sagt die Präsidentin.

Die Erhaltung der Beratungsstellen in der gewohnten Qualität und die dafür notwendige Mittelbeschaffung zählt Susanne Vincenz zu den wichtigsten Aufgaben der kommenden Jahre. Dazu kommt als zentrale Aufgabe der Einsatz für die Gleichberechtigung und für gleiche Chancen insbesondere in den Bereichen einer partnerschaftlichen Aufteilung von Haus- und Familienarbeit, in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie der Parität in den politischen Entscheidungsprozessen.

Heute 99. Generalversammlung der Frauenzentrale, im Anschluss um 19 Uhr Auftakt zum Jubiläumsjahr im Pfalzkeller, St.Gallen