Frauenhaus wirbt im Taschentuchformat

Sollen Frauenhäuser öffentlich gemacht werden? Führte das zu Enttabuisierung oder Stigmatisierung? Die Geschäftsleiterin des Frauenhauses St. Gallen neigt zu letzterem und erklärt, wie sie den Weg zwischen Geheimhaltung und Öffentlichkeit sucht.

Regula Weik
Merken
Drucken
Teilen
Alltag im Frauenhaus St. Gallen. (Bild: Nana do Carmo)

Alltag im Frauenhaus St. Gallen. (Bild: Nana do Carmo)

ST. GALLEN. Wer nächste Woche in Ostschweizer Apotheken einkauft, erhält Papiertaschentücher in pinkfarbener Hülle in die Hand gedrückt. Eine Aktion des Frauenhauses St. Gallen zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen vom 25. November – und eine Aktion, um das Frauenhaus in die Öffentlichkeit zu rücken. Eine Institution, die telefonisch rund um die Uhr erreichbar, deren Adresse aber geheim ist. Und das soll so bleiben.

Elisabeth Bossart, Geschäftsleiterin Frauenhaus St. Gallen, hält nichts von der Idee eines öffentlich bekannten Frauenhauses, wie sie derzeit in Aargau und Solothurn diskutiert wird. Die Enttabuisierung häuslicher Gewalt, wie sie von den Befürworterinnen eines sichtbaren, pinkfarbenen Frauenhauses angeführt wird, führe umgekehrt zu einer Stigmatisierung betroffener Frauen und Kinder. «Die Frauen, die bei uns Zuflucht suchen, sollen hier zur Ruhe kommen, ihre Situation überdenken und Lösungen für die Zukunft finden. Was sie gewiss nicht wünschen: dass jeder Mann und jede Frau weiss, das sie Opfer von Gewalt sind.»

Die Haltung des Schweizer Dachverbands der Frauenhäuser sei denn auch klar: Die Einrichtungen sollen geheim bleiben. «Auch aus Sicherheitsgründen», sagt Elisabeth Bossart. Beschimpfungen und Bedrohungen verlassener Männer gehörten zu ihrem Alltag. Das ist auch der Grund, weshalb die Geschäftsleiterin nicht fotografiert werden will und die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses selten mit vollem Namen auftreten.

Kreativ auf Spendensuche

Der Schritt an die Öffentlichkeit ist jedes Mal ein wohl überlegter. Kundinnen und Kunden der Apotheken finden auf den Nastuch-Päckchen Telefonnummer, Internetseite – und Kontonummer. Das Frauenhaus ist auf Spenden angewiesen, auch wenn seit Sommer feststeht: Es ist von der Kürzung der Kantonsbeiträge an Einrichtungen für Schutzbedürftige – beschlossen im Rahmen des dritten Sparpakets – nicht betroffen. «Das hätte unseren Betrieb gefährdet», sagt die Geschäftsführerin.

Der Betrieb des Frauenhauses ist zu 95 Prozent durch öffentliche Gelder gedeckt; fünf Prozent muss es selber erwirtschaften. Spezielle Notwendigkeiten und Bedürfnisse der Frauen, die nicht über die Sozialhilfe verrechnet werden können, finanziert das Frauenhaus ebenfalls über Spenden. Das kann ein Betrag für Möbel sein, wenn eine Frau in eine eigene Wohnung zieht. Für einen Coiffeur-Besuch. Oder einen Kinderwagen.

Freudig erzählt Elisabeth Bossart von einem Projekt, dessen Erlös den Frauen zugute kommt: ein Kalender, der sich als Geschenkpapier entpuppt. Dahinter stehen drei Personen und Firmen, die ihre Idee und Arbeit dem Frauenhaus «schenken»: der St. Galler Fotograf und Physiotherapeut Klaus Stadler die Aufnahmen, die Firma Typotron den Druck und die Motive für die Rückseiten der Kalenderblätter, das Grafik- und Designbüro «ideenreich» die Gestaltung.

Hilfsangebote kennen

Das Frauenhaus bietet Platz für neun Frauen und elf Kinder. «Die Belegung ist hoch, durchschnittlich 90 Prozent», sagt Elisabeth Bossart. Hinzu kommen die telefonischen Beratungen, im Schnitt 300 pro Jahr. Wo steckt die Idee des Bundes für eine nationale Helpline für Opfer häuslicher Gewalt? Diese sei im Sand verlaufen – «zu teuer», sagt Elisabeth Bossart. Sie trauert der Idee nicht nach; für eine kompetente Telefonberatung müsse man die Hilfsangebote in der Nähe des Wohnorts der anrufenden Frau kennen.

Informationen und Kalender: www.frauenhaus-stgallen.ch