Interview

«Zwischen Abstinenz und kontrollierter Alkoholabgabe scheiden sich die Geister»: Schloss-Herdern-Leiter Armin Strom über Alkohol, Glücksmomente und das Jubiläum

Die Thurgauer Sozialinstitution Schloss Herdern feiert sich für ihr 125-jähriges Bestehen. Geschäftsführer Armin Strom freut sich darauf und erzählt aus dem Nähkästchen.

Samuel Koch
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Armin Strom, Geschäftsführer von Schloss Herdern, gestikulierend beim lockeren Gespräch in seinem Büro.

Armin Strom, Geschäftsführer von Schloss Herdern, gestikulierend beim lockeren Gespräch in seinem Büro.

(Bild: Reto Martin)

Trinken Sie gerne Alkohol?

Armin Strom: Ja, das tue ich.

Was am liebsten?

Rotwein. In jüngeren Jahren favorisierte ich zwar Italiener und Franzosen. Seit ich aber vor sieben Jahren in die Ostschweiz gekommen bin, finde ich hiesige Rotweine viel bekömmlicher. Ich unterstehe ja auch nicht der kontrollierten Alkoholabgabe.

Dafür die knapp 100 Klienten mit alkoholbedingten, psychischen oder sozialen Problemen.

Ja, dieses erfolgreiche Konzept hat sich zuletzt durchgesetzt. Leider sind nicht alle Alkoholsüchtigen therapierbar.

Das heisst, sie erhalten in Herdern primär Struktur.

Ja. Menschen über 60 mit bereits bis zu 20 Alkoholentzügen in ihrem Leben benötigen eine Alternative. Sie sind im Arbeitsprozess eingebunden und dürfen nach Feierabend und dem Nachtessen im Beizli zwei grosse Bier oder zwei Gläser Wein trinken.

Ist das ein Erfolgsmodell?

Da scheiden sich die Geister zwischen Abstinenz und unserem Modell. Beide versprechen nicht bei allen denselben Erfolg. Mit der von Edwin Bosshard vor knapp 30 Jahren eingeführten kontrollierten Abgabe fahren wir bisher aber gut.

Wie streng setzen Sie auf Schloss Herdern Regeln um?

Wir führen eine Hausordnung, sind uns aber auch bewusst, dass wir niemanden verpflichten können. Wir können niemandem verbieten, nach Frauenfeld in eine Beiz zu gehen.

Gibt es so etwas wie ein Malussystem?

Nein, im Gegenteil. Wir haben ein Bonussystem.

Wer sich drei Monate an die Regeln hält, bekommt einen freien Tag und 20 Franken.

Das tönt jetzt nach wenig, ist aber bei einem Stundenlohn von 2,45 Franken viel.

Reguliert auch ein gewisses Mass an sozialem Druck untereinander?

Das gibt es nicht, nein. Bei uns ist jeder Einzelgänger. Reklamiert wird nur, wenn jemand nicht arbeiten will und nur auf der faulen Haut liegt.

Was würden Sie Gründervater Professor Heinrich Kesselring sagen, sässe er jetzt auch mit am Tisch?

Er setzte sich damals stark für Abstinenz ein, wie es etwa in der Forel-Klinik in Ellikon an der Thur Gang und Gäbe ist.

Deshalb bin ich mir nicht sicher, ob er sich heute über unser Konzept freuen würde. (lacht)

Sonst würde mich der Grund für sein damaliges Leitbild «Arbeit statt Almosen» sehr interessieren.

Was verstehen Sie darunter?

Bei der Gründung 1895 gab es noch keine Sicherheitsnetze in Form von Sozialversicherungen. Deshalb bezeichne ich das damalige Leitbild als Anfang des sozialen Gesundheitswesens. Strukturen helfen Menschen, sich irgendwo anzuschliessen.

Wann erleben Sie Glücksgefühle in Ihrem Alltag?

Momente wie beim Weihnachtsessen oder bei kleineren Anlässen. Wenn ich spüre, wie Klienten glücklich sind und lachen.

Geben Sie ein Beispiel preis?

Die Band Manne am Zischtig ist beim Weihnachtsessen aufgetreten.

Da sah ich, wie sehr zurückhaltend lebende Personen plötzlich anfingen, mit den Beinen zu wippen oder mitzusingen.

Schön ist, wenn sich alle wohlfühlen. Negative Gefühle erleben die Klienten genügend.

Entstehen im Alltag keine persönlichen Beziehungen?

Diese Gefahr besteht, deshalb müssen die Sozial- und Arbeitsagogen aufpassen und sich professionell abgrenzen können.

Ist die lange Geschichte von Schloss Herdern auch das Verdienst der 80 Mitarbeitenden?

Mit Sicherheit. Was die Mitarbeitenden tagtäglich leisten, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die Arbeit mit unseren Klientinnen und Klienten ist oft herausfordernd.

Was sind andere Herausforderungen?

Die Belegung sowie die Finanzierung, denn als Sozialinstitution sind wir vermehrt einem Wettbewerb ausgesetzt. Wir müssen die zuweisenden Stellen mehr als früher von unserem Konzept überzeugen.

Womit hat das zu tun?

Der Wettbewerb spielt auch bei sozialen Institutionen. Erfolgreiche Konzepte werden gerne kopiert.

Wie wichtig ist die Zusammenarbeit mit Behörden?

Wir haben einen Leistungsauftrag vom Kanton, den wir Jahr für Jahr mit dem Sozialamt definieren. Einerseits leben wir von den Zuweisungen der Behörden. Andererseits tragen wir den finanziellen Verlust, wenn wir weniger Klienten beschäftigen, als von den Behörden bezahlt.

Da hilft sicher, dass rund die Hälfte des jährlichen Umsatzes von zwölf Millionen Franken aus dem Verkauf von Produkten stammt?

Ja, das Kerngeschäft ist und bleibt aber die soziale Dienstleistung. Da spielt es keine Rolle, wie viele Flaschen Traubensaft oder Säckli Apfelringe wir verkaufen. Die landwirtschaftliche Produktion führen wir, um die Klienten zu beschäftigen. Dass wir damit noch Geld verdienen, darf als Glücksfall bezeichnet werden.

Wie wichtig sind Anlässe wie etwa der Weihnachtsmarkt?

Mit diesen möchten wir der Öffentlichkeit unsere Institution näherbringen. Das gilt ganz besonders für das 125-Jahr-Jubiläum, für das wir mehrere spezielle Anlässe geplant haben, auf die sich alle freuen können.

Agenda mit Höhepunkt

Im Jubiläumsjahr zum 125-jährigen Bestehen von Schloss Herdern stehen während des ganzen Jahres diverse Aktionen auf dem Programm. Den Höhepunkt stellt sicher das Wochenende vom 26. bis 28. Juni dar, mit Festakt, Tag der offenen Tür und Gottesdienst mit Schloss-Brunch. Umrahmt wird das Jubiläumsjahr unter anderem mit einem Herbstbummel, der Enthüllung einer neuen Panoramatafel oder dem Weihnachtsmarkt. (sko) www.schlossherdern.ch

Eine lange Geschichte, die in den 1970er-Jahren fast ein jähes Ende gefunden hätte.

Dank einer Sanierung konnten die Mitglieder damals den Verein Schloss Herdern retten und nach einer schwierigen Zeit mit Überlebenskampf wieder auf Vordermann bringen. Seit meinem Amtsantritt 2012 leben wir gesund, auch dank meines Vorgängers Edwin Bosshard.

Was hat sich seither verändert?

Früher engagierten sich noch viel mehr Politiker im Sozialwesen. Heute hat das einen anderen Stellenwert. Ich meine aber, dass die Gesellschaft eine soziale Aufgabe hat und etwas zurückzugeben hat. Es geht uns ja eigentlich viel zu gut.

Was sind bevorstehende Aufgaben, denen Sie sich in Zukunft widmen?

Es gibt viele spannende Pläne, wie die Sanierung der Käserei, den Ausbau der Landwirtschaft mit Melkrobotern oder die Mutterkuhhaltung in der Milchwirtschaft. Das ist auch ein Grund, weshalb ich mir gut vorstellen kann, bis zur Pensionierung auf Schloss Herdern zu bleiben.

Zur Person

Armin Strom ist 58 Jahre alt und wurde in Burgdorf als Sohn seines gleichnamigen Vaters und späteren Bieler Luxusuhren-Fabrikanten geboren. Armin Strom Junior studierte an der Universität Fribourg Psychologie und Medienwissenschaften, ehe er nach Stationen in der Sonnenbühlklinik Brütten ZH, im Geratrium Pfäffikon ZH, im Berner Reha Zentrum Heiligenschwendi Mitte des Jahres 2012 die Geschäftsleitung im Schloss Herdern übernommen hat. Strom ist verheiratet und wohnt mit seiner Frau in Lanzenneunforn. (sko)

Schloss Herdern eröffnet eine Wohngemeinschaft

Zu seinem stationären Angebot richtet das Schloss neu eine Aussenwohngruppe ein. Dort sollen drei Personen den Weg zurück in ein selbstständiges Leben finden. Für sie gibt es aber auch klare Regeln