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Zwingli kam nach Frauenfeld

«Zwingli» lockt die Zuschauer in die Kinos der ehemaligen Gemeinen Herrschaft Thurgau. Im Film ist es kein Thema, doch Zwingli spielte auch bei der Thurgauer Reformation eine Rolle.
Thomas Wunderlin
In der evangelischen Kirche Weinfelden befinden sich an den Wänden Portraits von Luther und Zwingli. (Bild: Reto Martin)

In der evangelischen Kirche Weinfelden befinden sich an den Wänden Portraits von Luther und Zwingli. (Bild: Reto Martin)

Ohne Druckerpresse hätte sich die Reformation nicht so ausbreiten können, wie sie es tatsächlich tat. Der derzeit in den Kinos zu sehende Film «Zwingli» zeigt es treffend. Der Reformator, den der Zürcher Stadtrat 1519 ans Grossmünster berief, liess seine Predigten drucken, später auch die erste auf deutsch übersetzte Bibel. Die Bücher und Flugschriften der Reformatoren verbreiteten sich rasch im Thurgau, der 1460 eine Gemeine Herrschaft der Eidgenossenschaft geworden war.

Die Thurgauer strömten aber auch in Scharen nach Konstanz, um den Reformator Ambrosius Blarer zu hören. Der erste offene Konflikt zwischen Alt- und Neugläubigen ist unter der Bezeichnung Ittinger Sturm in die Geschichte eingegangen.

Das Kloster Ittingen wurde zerstört

Der katholische Landvogt im Thurgau, der Schwyzer Josef Amberg, verbot das Lesen der Bibel und der reformatorischen Schriften und liess den reformierten Pfarrer Johannes Oechsli in Burg bei Stein am Rhein gefangen nehmen. Dadurch wurde das Schutzbündnis aktiviert, das die Gemeinden Stammheim, Waltalingen, Nussbaumen, Burg und Stein am Rhein geschlossen hatten. «Tausende strömten an die Thur und dann zur Kartause Ittingen, wo sich die gereizte religiöse Stimmung und die soziale Unzufriedenheit der Bauern am 18. und 19. Juli 1524 entluden», schreibt Margrit Früh im Historischen Lexikon der Schweiz. Das Kloster wurde innert zweier Tage zerstört.

Der Ittinger Sturm führte zu einem erbitterten Streit unter den eidgenössischen Orten. Nur mit Mühe wurde ein Krieg verhindert. Drei angebliche Anführer, Untervogt Hans Wirth aus Stammheim und sein Sohn Hans sowie Untervogt Burkhart Rüttimann aus Nussbaumen wurden trotz Protest Zürichs von den übrigen Tagsatzungsgesandten verurteilt und am 28. September hingerichtet.

Zwingli leitete 1529 eine Synode in Frauenfeld

Dennoch setzte sich die Reformation im Thurgau flächendeckend durch. 1528 wurde der katholische Landweibel Marx Wehrli in Zürich hingerichtet; Wehrli war im Thurgau für gerichtliche und polizeiliche Aufgaben zuständig gewesen. Am 6. Dezember 1528 proklamierte eine Thurgauer Landgemeinde die Glaubensfreiheit. Im Dezember 1529 tagte in Frauenfeld unter Vorsitz Huldrych Zwinglis die erste Synode, das Kirchenparlament. Dabei wurden die Thurgauer Pfarrer auf die Bibel vereidigt.

Mittlerweile amtierte als Landvogt der Glarner Philipp Brunner, der dem neuen Glauben zuneigte. Er erliess 1530 die Statuten der Kirchenorganisation. «Die Reformierten hatten Glück», sagt Erich Trösch, Mitarbeiter des Thurgauer Staatsarchivs und Mitautor des Thurgau-Artikels im Historischen Lexikon der Schweiz. «In den wichtigen Jahren hatten sie reformierte Landvögte.» Das höchste Amt im Thurgau wechselte alle zwei Jahre unter den sieben regierenden Orten Zürich, Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug und Glarus. Reformiert waren nur die Zürcher Landvögte, dazu jeder dritte aus dem konfessionell gespaltenen Glarus.

Dreharbeiten für den Film Zwingli in Stein am Rhein beim Kloster St. Georgen. (Bild: PD/Sabrina Stübi)

Dreharbeiten für den Film Zwingli in Stein am Rhein beim Kloster St. Georgen. (Bild: PD/Sabrina Stübi)

Zwar erklärten die katholischen Orte Brunners Entscheide nach der Schlacht bei Kappel 1531 für ungültig. Die verbliebenen Altgläubigen, die sich still verhalten hatten, wurden wieder aktiv. Katholische Kirchgemeinden wurden gegründet. «Wenn in einer Kirchgemeinde drei Kirchgenossen katholisch sein wollten, musste eine katholische Messe gelesen werden», sagt Trösch. «Doch man konnte die Reformation nicht mehr aufheben. Wenn ein Dorf wirklich reformiert bleiben wollte, konnte der Landvogt nicht viel machen.»

Auch die Landbevölkerung im Mitteland profitierte von der Reformation. In der katholischen Zeit hatte sie laut Trösch unter Druck gestanden, Ablassbriefe für ihr Seelenheil zu kaufen. «Die Leute mussten spuren, wie es der katholische Priester wollte.» Die Reisläuferei, das Söldnerweisen, war im Thurgau weniger ein Problem als in Zürich. In Zürich versuchte Zwingli, die jungen Männer davon abzuhalten. Der Stadtrat unterstützte ihn laut Trösch, da die Webereien Arbeitskräfte brauchten. «Sie wollten die Leute nicht als Soldaten weggehen lassen.»

Im Thurgau herrschte nicht solche Not wie in der Innerschweiz

Im Thurgau wurden sie in der arbeitsintensiven Landwirtschaft gebraucht. Die Lage war laut Trösch «sicher nicht so schlimm wie in der Innerschweiz, wo man die Leute wirklich fortschicken musste, weil die Höfe zu wenig abgeworfen haben».

Längerfristig etablierte sich zwischen Reformierten und Katholiken ein zahlenmässiges Verhältnis von ungefähr zwei zu eins. In 27 Gemeinden nutzten die beiden Konfessionen die Kirche aus Kostengründen gemeinsam. Auf katholischer Seite standen die Gerichtsherren, die Oberschicht im Thurgau. Auch gehörten viele Gebiete den Klöstern oder dem Bischof von Konstanz. So wurde Anfang des 17. Jahrhunderts die Gegend um Schloss Griesenberg katholisch, weil der Gerichtsherr Marx von Ulm zum katholischen Glauben wechselte.

Er kündigte reformierten Pächtern und besetzte freie Höfe mit Katholiken. Erfolgreich war die Rekatholisierung in Fischingen, auch in der Region Wuppenau-Braunau.
Für die protestantische Seite war indessen Zürich aktiv und kaufte 1614 die Gerichtsherrschaften Pfyn und Weinfelden, 1694 Neunforn, Hüttlingen und Wellenberg und 1769 Zihlschlacht.

Dem Kirchenratspräsidenten gefällt der Zwingli-Film

Wilfried Bührer ist seit 2003 Präsident des Kirchenrats der Evangelischen Landeskirche Thurgau. Die Funktion entspricht in der Kirchenorganisation dem Regierungsratspräsidium. Bührer, Jahrgang 1956, ist in Sulgen aufgewachsen. Nach dem Theologiestudium in Zürich amtierte er als Pfarrer in Alterswilen-Hugelhofen und in Felben. Heute wohnt und arbeitet der dreifache Vater und vierfache Grossvater in Frauenfeld.

Wilfried Bührer, wie hat Ihnen «Zwingli» gefallen?

Gut. Sowohl filmtechnisch als auch von der Bildersprache her.

Entspricht der Film-Zwingli der historischen Figur?

Von den historischen Zusammenhängen wird in der kurzen Zeit von zwei Stunden vieles treffend dargestellt. Anfangs war ich skeptisch wegen der Kosten.

Kirchenratspräsident Wilfried Bührer. (Bild: Donato Caspari)

Kirchenratspräsident Wilfried Bührer. (Bild: Donato Caspari)

Sind sechs Millionen Franken zu viel für diesen Film?

Damit hätte man auch anderes machen können. Doch der Film löst viel aus. Die Leute befassen sich mit kirchenhistorischen Fragen. Er zeigt auch Fragestellungen, die immer noch aktuell sind.

Zum Beispiel?

Zwingli wartet auf die Antwort des Bischofs von Konstanz auf seine Frage, ob er heiraten darf. Da sagt ihm einer: Darauf kannst du noch 500 Jahre warten.

Eine Anspielung aufs Zölibat, das in der katholischen Kirche heute noch gilt.

Auch die Frage der Kinder- oder Erwachsenentaufe ist immer noch aktuell.

Eine Auseinandersetzung zwischen Landeskirchen und Freikirchen.

Wenn ich einen Kritikpunkt erwähnen soll, so ist es der Satz der Witwe Zwinglis am Schluss des Films: Viele wünschten sich die verlorenen Sicherheiten zurück, aber es bleibe nichts anderes, als auf der Suche zu sein. Das ist eine absolut moderne Interpretation des Glaubensverständnisses. Der Film widerspricht sich auch selber: Vor der Reformation zeigt er keine Sicherheiten, sondern die Angst vor dem Fegefeuer.

Zwingli im Film. (Bild: PD/Aliocha Merker)

Zwingli im Film. (Bild: PD/Aliocha Merker)

Wie wichtig ist der Zürcher Reformator Zwingli für den Thurgau?

Die Reformation im Thurgau war nicht rein «zwinglianisch». Es gab auch Anhänger Luthers. Zudem wurde der Thurgau stark von den Konstanzer Reformatoren Ambrosius Blarer und Johannes Zwick beeinflusst. Konstanz war knapp zwanzig Jahre lang reformiert, bis es 1548 von den Habsburgern rekatholisiert wurde. Später wurde Zürich die Schutzmacht der Thurgauer Protestanten. Deshalb wurde der Einfluss der Zwinglianer grösser. Seit dem 19. Jh. versuchen wir, einen eigenen Weg zu gehen. Weil wir immer eine katholische Minderheit hatten, mussten wir eine andere Form finden als Zürich.

1519 begann Zwingli, in Zürich zu predigen. Die Thurgauer Kirchen begehen 2019 aber ein anderes Jubiläum.

Wir feiern den Landeskirchenstatus, den beide Landeskirchen 1869 erreicht haben. Die Kirchen geniessen eine grosse Selbstständigkeit, werden aber vom Staat anerkannt. Die Reformation bedeutete ja quasi die Verstaatlichung der Kirche. Der Stadtrat von Zürich sagte, welche Lehre in der Kirche gilt. So sehr ich inhaltlich mit dem Entscheid des damaligen Stadtrats einverstanden bin – eine solche Einflussnahme würde ich mir heute beispielsweise durch den Regierungsrat nicht gefallen lassen.

Besteht der lutherische Einfluss in der Thurgauer Kirche heute noch?

Im Namen ist er sichtbar. Es heisst Evangelische Landeskirche des Kantons Thurgau – im Unterschied zur Reformierten Landeskirche des Kantons Zürich. Reformiert bezieht sich ausschliesslich auf Zwingli und Calvin. Die Bezeichnung «evangelisch» ist breiter und umfasst verschiedene Strömungen der Reformationszeit. Umgangssprachlich wird der Unterschied jedoch kaum beachtet.

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