Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Zweimal den Volg in Bettwiesen überfallen: Junger Hinterthurgauer kassiert vier Jahre Gefängnis

Das Bezirksgericht Münchwilen verurteilt den Mann, der 2016 zweimal den Volg Bettwiesen überfallen hat.
Olaf Kühne
Im März 2016 überfällt der Angeklagte den Volg Bettwiesen mit einer Hexenmaske und einer täuschend echten Pistolenattrappe. (Bild: ZVG)

Im März 2016 überfällt der Angeklagte den Volg Bettwiesen mit einer Hexenmaske und einer täuschend echten Pistolenattrappe. (Bild: ZVG)

Anhaltende Panikattacken, Angst im Dunkeln, Tinnitus, Sehstörungen, Antidepressiva, stationäre Therapie, Ehe gescheitert. Die Schilderungen der Opferanwältin darüber, was das Opfer eines Raubüberfalles selbst dreieinhalb Jahre nach der Tat noch zu erleiden hat, sind eindrücklich.

Der Mann, der diese Woche vor dem Bezirksgericht Münchwilen stand, hatte 2016 zweimal – im Abstand von sieben Monaten – den Volg in Bettwiesen überfallen. Dabei bedrohte er jeweils kurz vor Ladenschluss zwei verschiedene Verkäuferinnen – einmal mit einer Pistolenattrappe, einmal mit einem Küchenmesser.

Schlagzeilen machte er damals insbesondere mit seinen Maskierungen: Beim ersten Überfall trug er eine Hexenmaske, beim zweiten Mal eine Skibrille und eine auffällige Sportjacke. Erbeuten konnte er so gesamthaft 5000 Franken.

Dieselbe Volg-Filiale im November 2016: Der Täter trägt eine Skibrille, eine Sportjacke und ist mit einem Küchenmesser bewaffnet. (Bild: ZVG)

Dieselbe Volg-Filiale im November 2016: Der Täter trägt eine Skibrille, eine Sportjacke und ist mit einem Küchenmesser bewaffnet. (Bild: ZVG)

Die Volg-Verkäuferin, die beim ersten Überfall alleine im Laden war, trat mit ihrer Anwältin vor Gericht als Privatklägerin auf. Die Ausführungen der Opferanwältin beeindruckten um so mehr, als dass die Frau bis heute nicht nur unter dem Überfall zu leiden hat. Sie sitzt bis heute wegen ihrer Therapien und Behandlungen auf Tausenden Franken Kosten für Selbstbehalte ihrer privaten Krankenkasse, weil sich die Unfallversicherung ihres damaligen Arbeitgebers weigerte, das Verbrechen als Unfall anzuerkennen.

Staatsanwalt fordert Landesverweis

Sechs Jahre Gefängnis und zwölf Jahre Landesverweis. Die Strafe, welche der Staatsanwalt fordert, ist auch angesichts des Leides des Opfers happig. Dabei anerkannte der Ankläger sogar, dass insbesondere der Landesverweis für den Angeklagten einen «schweren persönlichen Härtefall» darstelle. Ist doch der heute 21-jährige italienische Staatsbürger in der Schweiz geboren, im Hinterthurgau aufgewachsen, zur Schule gegangen, hat Fussball gespielt und eine Maurerlehre angefangen – bis er sich vor zweieinhalb Jahren selber der Polizei stellte.

Die Taten als solches waren vor Gericht unbestritten, nicht so hingegen deren Hintergrund. Bereits in Untersuchungshaft hatte der Beschuldigte angegeben, er sei zu beiden Überfällen angestiftet, ja gar gezwungen worden. Von einem Bekannten, bei dem er Schulden hatte und für den er rund 30 mal als Drogenkurier unterwegs gewesen sei.
Dieser Bekannte, ein heute 24-jähriger Schweizer, stand diese Woche ebenfalls vor Gericht, bestritt jedoch vehement, etwas mit den Raubüberfällen auf die Bettwieser Volg-Filiale zu tun zu haben. Ebenfalls sei er kein Drogenhändler. Lediglich ein Konsument, der auch mal was an Freunde verschenke oder schlimmstenfalls zum Selbstkostenpreis verkaufe.

Dritter Beschuldigter nur wegen Drogen angeklagt

Der Staatsanwalt bezichtigte ihn dennoch der Mittäterschaft bei den Raubüberfällen sowie des Drogenhandels. Rund fünf Kilo Kokain und 25 Kilo synthetisches Cannabis, sogenanntes Herbal, soll ihm sein Kurier während eines halben Jahres in Rickenbach bei einem weiteren Bekannten besorgt haben.

Letzterer stand als dritter Angeklagter vor Gericht. Indes nur wegen Drogenhandels, eine Beteiligung an den Volg-Überfällen sah auch die Staatsanwaltschaft nicht als gegeben. Dennoch drohte auch dem mutmasslichen Rickenbacher Drogenhändler ein Landesverweis; nebst einer fünfjährigen Gefängnisstrafe. Ist er doch ebenfalls in der Schweiz geboren und aufgewachsen, aber mazedonischer Staatsbürger.

Auch er bestritt, ein richtiger Drogenhändler zu sein. Mit Kokain habe er rein gar nichts am Hut, das Herbal hingegen habe er tatsächlich kiloweise nach Konstanz bestellt und von dort in die Schweiz eingeführt, wie auch 200 Potenzpillen. Beides habe er selber konsumiert, an Freunde zum Selbstkostenpreis verkauft oder meistens sogar verschenkt. Der Gerichtspräsident konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und meinte:

«Sie scheinen sehr grosszügig mit ihren Freunden zu sein.»

Allerdings musste auch der Staatsanwalt eingestehen, dass es zumindest für Kokain keinerlei Beweise gab. Nichts wurde sichergestellt, keine entsprechende Spuren gefunden. Diesbezüglich stützte sich die Staatsanwaltschaft also lediglich auf die Aussagen des Volg-Räubers. Der Ankläger betonte indes:

«Der Angeklagte hat seine Drogenkuriertätigkeit völlig von sich aus gestanden, ohne dass diesbezüglich Ermittlungen gegen ihn gelaufen wären. Aus diesem Geständnis zieht er auch keinerlei Nutzen für sich. Im Gegenteil, er belastet sich nur zusätzlich.»

Deshalb seien diese Aussagen als «extrem glaubwürdig» zu werten.

So glaubwürdig, dass die Verteidigerin des Volg-Räubers gar einen Freispruch forderte. Ihr Mandant sei vor den Überfällen von seinem Bekannten derart massiv unter Druck gesetzt worden, dass eine sogenannte Notstandslage vorliege, die Verbrechen folglich nicht strafbar seien.

Gericht anerkennt Härtefall

Davon wollte das Bezirksgericht Münchwilen indes nichts wissen. Nach mehrstündiger Verhandlung verurteilte es den ersten Angeklagten für die beiden Überfälle zu vier Jahren Gefängnis, sprach hingegen alle drei Angeklagten vom «Verbrechen gegen das Betäubungsmittelgesetz» frei. Es gebe schlicht keine objektiven Beweise für Drogenhandel im grossen Stil, sagte der Gerichtspräsident in seiner Urteilsbegründung. Für «mehrfache Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes» kassierten die beiden Mitangeklagten hingegen Geldstrafen und Bussen.

Ausführlich begründete der Gerichtspräsident auch, weshalb das Bezirksgericht auf einen Landesverweis für den Volg-Räuber verzichtete: Der erste Überfall geschah noch, bevor die Ausschaffungsinitiative in Kraft trat, von den Drogenverbrechen wurde der Mann freigesprochen. So blieb letztlich noch eine einzelne sogenannte Katalogtat, die eine Ausschaffungen bedingen würde. Das Gericht anerkannte schliesslich einen Härtefall – für einen jungen Secondo, der sich um seine Ausbildung bemüht und sich zuvor nichts hat zuschulden kommen lassen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.