Doppeltes Theater: Zwei Thurgauer Freilichtbühnen spielen nächsten Sommer das gleiche Stück

2019 wird auf Thurgauer Bühnen doppelt gemordet. Zwei Veranstaltungen haben «Arsen und Spitzenhäubchen» im Programm. Bemerkt haben das die Verantwortlichen erst, als die Verträge schon unterschrieben waren. Sie sehen das nicht als Konkurrenz, sondern als Chance für das Publikum.

Larissa Flammer
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Szene aus dem amerikanischen Film «Arsen und Spitzenhäubchen» («Arsenic and Old Lace») aus dem Jahr 1944. (Bild: Alamy Stock Photo)

Szene aus dem amerikanischen Film «Arsen und Spitzenhäubchen» («Arsenic and Old Lace») aus dem Jahr 1944. (Bild: Alamy Stock Photo)

Das See-Burgtheater Kreuzlingen spielt nächsten Sommer «Arsen und Spitzenhäubchen», eine erfolgreiche Kriminalkomödie. Es war das Wunschstück von Anette Pullen, die als Gastregisseurin nach Kreuzlingen kommt. Das Stück läuft vom 11. Juli bis am 8. August.

Gleich anschliessend, vom 7. August bis am 7. September, finden die Schlossfestspiele Hagenwil statt – dort wird ebenfalls «Arsen und Spitzenhäubchen» gespielt.

Darum geht es im Stück

«Arsen und Spitzenhäubchen» vom deutschstämmigen Amerikaner Joseph Kesselring handelt von den beiden liebenswürdigen Schwestern Abby und Martha, die einsame Herren mit Arsen vergiften. Ihr Neffe Mortimer kommt dem mörderischen Treiben auf die Spur. Nach vielen erfolgreichen Jahren am New Yorker Broadway wurde die Kriminalkomödie in den 40er-Jahren verfilmt.

Die Hagenwiler waren zuerst. Sie haben im März 2018 für die Rechte angefragt und im Mai die Verträge unterzeichnet, wie der dortige Regisseur Florian Rexer sagt. Leopold Huber, Intendant am See-Burgtheater Kreuzlingen, hat das Stück mit seiner Regisseurin im Sommer aufgegleist:

«Dass in Hagenwil das gleiche Stück auf dem Plan steht, habe ich erst erfahren, als schon alle Verträge abgeschlossen waren.»

Die Veranstaltungen haben unterschiedliches Publikum

Ein Problem ist das weder für das See-Burgtheater, noch für die Schlossfestspiele. «Ich sehe diesen Zufall als ein Zeichen, dass wir das Stück jetzt spielen sollen», sagt Huber. In den 30 Jahren, seit er und seine Frau Astrid Keller die Verantwortung für das Kreuzlinger Theater übernommen haben, sei so etwas noch nie passiert.

Leopold Huber, Intendant und Produzent See-Burgtheater Kreuzlingen. (Bild: Andrea Stalder)

Leopold Huber, Intendant und Produzent See-Burgtheater Kreuzlingen. (Bild: Andrea Stalder)

In die Quere würden sich die beiden Veranstalter nicht kommen, «wir haben ein anderes Einzugsgebiet». Huber fordert das Publikum aber auf, sich doch beide Inszenierungen anzusehen, weil die beiden Regisseure das Stück sicher unterschiedlich auslegen würden.

Auch Rexer von den Schlossfestspielen Hagenwil sieht in diesem Zufall kein Problem. Er vergleicht es mit den beiden Musikfestivals Summerdays in Arbon und dem Open Air in St.Gallen. «Die wenigsten besuchen beide Veranstaltungen.» So hätten auch die Schlossfestspiele und das See-Burgtheater verschiedene Zuschauer.

Der Regisseur sieht in der Situation wie Huber eine Gelegenheit für das Publikum, zwei Inszenierungen des gleichen Stücks zu sehen. «Normalerweise muss man dafür weiter reisen.» So aussergewöhnlich sei es aber gar nicht, dass zwei Theater zeitgleich dasselbe Stück im Programm hätten:

«In St.Gallen wurde schon gleichzeitig dreimal ‹Hamlet› gespielt.»

Beide Veranstalter profitieren von der Aufmerksamkeit

Die Verantwortlichen des See-Burgtheaters Kreuzlingen haben während ihrer langjährigen Tätigkeit schon mit vielen Leuten zusammengearbeitet, die sie gut kennen. Huber sagt:

«Es gibt Gott sei dank genügend gute Schauspiele.»

«Anette Pullen, die sehr gefragt ist, kennt ihrerseits wieder viele Leute.» Auch in diesem Bereich bestehe daher keine Konkurrenzsituation.

Florian Rexer, Regisseur und Festspielleiter Schlossfestspiele Hagenwil. (Bild: Thi My Lien Nguyen)

Florian Rexer, Regisseur und Festspielleiter Schlossfestspiele Hagenwil. (Bild: Thi My Lien Nguyen)

Florian Rexer kann der Tatsache, dass nächsten Sommer im Thurgau kurz nacheinander zwei Versionen von «Arsen und Spitzenhäubchen» auf die Bühne kommen, noch etwas Positives abgewinnen. «Die Menschen hören von den beiden Veranstaltungen. Davon können wir nur profitieren.»

Verschiedene Verlage haben die Rechte vergeben

Die Rechte für das Aufführen eines Theaterstücks vergeben verschiedene Verlage. Je nachdem, welche Art von Theater sich um die Rechte bemüht, ist ein anderer zuständig. Beim See-Burgtheater Kreuzlingen und den Schlossfestspielen Hagenwil war dies der Fall, wie Florian Rexer weiss. Es hat also nicht ein Verlag die Rechte für das gleiche Stück zweimal in die gleiche Region vergeben.

Der Regisseur wollte das Stück «Arsen und Spitzenhäubchen» schon lange aufführen, wie er bereits im September sagte. Doch bisher hatte er die Rechte nicht erhalten. «Das Theater St. Gallen bekam den Vorrang.» Dort wurde das Stück im Jahr 2016 aufgeführt.

Die Thematik von «Arsen und Spitzenhäubchen»

Leopold Huber vom See-Burgtheater Kreuzlingen weist auf Parallelen zwischen dem Stück und aktuellen Ereignissen hin. So etwa, dass sich der grössenwahnsinnige Bruder von Mortimer als der amerikanische Präsident ausgebe. «Auch ohne orange Perücke muss man nicht weit suchen, bis man ein Vorbild dafür findet», sagt Huber. Auch zeige das Stück, welche Abgründe hinter den bürgerlichen Fassaden lauern. Huber, der das Stück produziert, sagt: «Ich musste oft lachen, als ich das Stück las. Da soll noch einer sagen, die Deutschen hätten keinen Humor.»