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Bei der Thurgauer Pro Senectute gab es lange zwei Spendenkassen, aber immer nur ein Ziel

50 Jahre lang setzten sich Evangelische und Katholische im Kanton Thurgau getrennt für notleidende Betagte ein. Als Konkurrenten schauten sie einander genau auf die Finger. Ein Blick in die Jubiläumschronik der Pro Senectute Thurgau.
Ursula Ammann
Ein älteres Ehepaar. Diese Aufnahme, um das Jahr 1922 aufgenommen, stammt vermutlich aus dem Nachlass des damaligen Zentralsekretärs der Pro Senectute, Werner Ammann. (Bild: PD/Copyright Schweizerisches Sozialarchiv, Fotograf/-in unbekannt)

Ein älteres Ehepaar. Diese Aufnahme, um das Jahr 1922 aufgenommen, stammt vermutlich aus dem Nachlass des damaligen Zentralsekretärs der Pro Senectute, Werner Ammann. (Bild: PD/Copyright Schweizerisches Sozialarchiv, Fotograf/-in unbekannt)

Dies ist ein Artikel der« Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Die Geschichte beginnt an einem sonnigen Februartag im Jahr 1919. Es ist der 10. des Monats, ein Montag. In Weinfelden finden 26 Personen zusammen, darunter einige Lehrer, aber auch mehrere Pfarrer und andere Kirchenvertreter. Sie suchen nach Antworten auf die Notlage der älteren Generation. Diese leidet nach den Wirren des Ersten Weltkriegs besonders an Armut und Hunger.

Mit von der Partie ist an diesem Tag auch Maurice Champod. Der Westschweizer hat seine Stelle als Propagandachef bei der Firma Maggi aufgegeben, um Zentralsekretär der 1917 gegründeten gesamtschweizerischen Stiftung «Für das Alter», Vorgängerorganisation der heutigen Pro Senectute, zu werden.

Wie bereits in anderen Kantonen möchte Champod auch im Thurgau eine Sektion ins Leben rufen. Es gelingt dem geübten Redner, die Anwesenden, darunter vorwiegend Protestanten, für das Anliegen zu begeistern. Noch selben tags bildet sich zwecks Führung der neugegründeten Körperschaft ein Dreierkomitee um den evangelischen Pfarrer Albert Etter. Doch eine Frage gilt es noch zu klären: Sollen Protestanten und Katholiken kooperieren?

Tiefer Graben zwischen den Konfessionen

50 Jahre lang lässt die Zusammenarbeit zwischen den beiden Konfessionen auf sich warten. Während Katholiken und Reformierte in allen anderen Kantonen von Anfang an gemeinsame Wege gehen, ist die Pro Senectute Thurgau ein halbes Jahrhundert in zwei Sektionen gespalten.

Auf diese Besonderheit geht die Chronik, die zum 100-Jahr-Jubiläum entstanden ist, detailliert ein. Verfasst hat sie Elias Oswald. Er ist Masterstudent im Fach Wirtschaftsgeschichte und Ökonomie an der Universität Zürich und in Sirnach aufgewachsen. Offiziell sei die Spaltung mit der konfessionellen Trennung im Armenwesen begründet worden, die damals im Kanton Thurgau existiert habe, sagt der 27-jährige.

«Der Graben zwischen Protestanten und Katholiken war aber wesentlich tiefer.»

In alten Sitzungsprotokollen konnte er nachlesen, dass man nicht in den höchsten Tönen voneinander sprach. So bemängelten etwa die Evangelischen, die Leistungen der Katholiken seien bei anderen Zusammenarbeiten jeweils verschwindend klein gewesen.

Ein Dorn im Auge waren ihnen auch Aussagen von katholischen Kirchenvertretern im Rahmen der Bischofskonferenz. Der Churer Bischof Georgios Schmid von Grüneck soll gesagt haben, interkonfessionellen Organisationen würden immer «mehr oder weniger dieselben Übel anhaften wie gemischten Ehen und Schulen».

Erfreuliche Spendeneinnahmen bei den Protestanten

Die Gründung der katholischen Sektion geht auf den 29. August 1919 zurück. Dass fortan zwei Sektionen getrennt dasselbe Ziel verfolgen – nämlich die Unterstützung notleidender Betagter – scheint der Reputation der Stiftung aber nicht zu schaden. Zumindest die Spendeneinnahmen der Protestanten lassen sich sehen.

Durch Haustürsammlungen im ganzen Kanton kommen im ersten Jahr 26 431 Franken zusammen, die an die Bedürftigen verteilt werden. Das Ergebnis der Katholiken fällt zwar nicht ganz so zufriedenstellend aus, doch die Dankbarkeit der Betagten bekommen auch sie zu spüren. So schreibt das katholische Kantonal-Komitee in einem Protokoll, die Geber hätten «von so manch einem Greis und so manchem alten Mütterlein» zu hören bekommen, dass diese ohne den Zustupf weder ein noch aus wüssten.

Konkurrenzdenken

Obwohl beide Sektionen alle Hände voll zu tun haben, schauen sie einander genau auf die Finger. «Sie befanden sich stets in einer Art Konkurrenz zueinander», erklärt Chronikverfasser Elias Oswald. Dieses Konkurrenzdenken belegt ein 1948 verfasstes Schreiben von Dekan Johann Haag, Präsident der katholischen Sektion.

Er ruft sein Lager dazu auf, wieder verstärkt Sammlungen durchzuführen. «Die Erfahrung hat es genügend gezeigt, dass die Protestanten in allen Gemeinden von Haus zu Haus sammeln und dass sie, wenn wir nicht gehen, auch in unsere katholischen Familien hineingehen.»

Zusammen zum Ziel

Den Kontrahenten wird jedoch zunehmend bewusst, dass eine Kooperation der Sache mehr dient, zumal weitere Organisationen um Spenden buhlen und sich Teile der Bevölkerung über «verschiedene Sammlungen am laufenden Band» aufregen. Zudem hält sich mit der Einführung der AHV hartnäckig das Argument, die Alten würden doch durch den Staat versorgt (siehe Kasten).

Im Dezember 1969 bekunden die evangelische und die katholische Sektion, ab nun gemeinsam in die Zukunft zu schreiten. Die Verantwortlichen zeigen sich überzeugt, dadurch ihre Aufgaben noch besser erfüllen zu können. Das Zentralsekretariat der Stiftung «Für das Alter» in Zürich reagiert höchst erfreut auf diesen Entscheid, galt der Thurgau wegen der konfessionellen Trennung doch stets als Sorgenkind.

Ab den 1970er-Jahren ziehen Katholische und Protestanten an einem Strang, der konfessionelle Graben ist überwunden. So hat es auch Ehrenpräsidentin Margrith Sidler erlebt, die damals ihr langjähriges Engagement begann. Dieses Jahr feiert die Pro Senectute Thurgau ihr 100-Jahr-Jubiläum. Im Gegensatz zu anderen kantonalen Sektionen kann sie zwei Geburtstage feiern: Den evangelischen am 10. Februar und den katholischen am 29. August.

Geldgeberin wird Begleiterin

1947 stand die Pro Senectute, damals noch Stiftung «Für das Alter», vor einer neuen Ausgangslage. Das Schweizer Volk stimmte in jenem Jahr der AHV zu. Im Thurgau betrug der Ja-Anteil 76 Prozent. Zwar hatte sich die Pro Senectute stets für die Vorlage stark gemacht, doch nachdem diese angenommen wurde, zweifelten manche an der Daseinsberechtigung der Organisation. Denn deren Hauptaufgabe bestand bisher darin, mittellosen Betagten finanziell unter die Arme zu greifen. Mit der AHV war dies jedoch weitestgehend durch den Staat gewährleistet. Die Pro Senectute musste sich neu erfinden. Sie entwickelte sich von der blossen Geldgeberin zur Begleiterin der älteren Generation. So organisierte sie zunehmend Anlässe, die älteren Menschen die Möglichkeiten boten, aktiv zu sein und sich auszutauschen: seien es Seniorentreffs, Informationsnachmittage oder Turnstunden. Zudem etablierte sich ein zunehmend umfassenderes Beratungsangebot für Betagte und ihre Angehörigen. Dies auch mit dem Ziel, dass ältere Menschen dank Unterstützung im Alltag möglichst lange eine selbstbestimmtes Leben zu Hause verbringen können. Die Pro Senectute Thurgau führt heute acht Beratungsstellen verteilt über den ganzen Kanton. Zudem bietet sie aktuell über 560 Kurse jährlich an. Auch nach 100 Jahren kann die Organisation auf das Engagement von Freiwilligen zählen. Jährlich setzen sich im Thurgau rund 400 Personen im Namen der Pro Senectute ehrenamtlich ein. (uam)

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