Zwei Schreiberseelen in einer Brust: Autor Tim Krohn war in Matzingen zu Gast

Der Schriftsteller Tim Krohn hat in der Bibliothek Matzingen Passagen aus seinen Büchern gelesen.

Claudia Koch
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Schriftsteller Tim Krohn während seiner Lesung in der Bibliothek Matzingen.

Schriftsteller Tim Krohn während seiner Lesung in der Bibliothek Matzingen.

(Bild: Andrea Stalder)

Es sei sein Interesse am Menschen, das ihn zum Schreiben animiere, sagt Tim Krohn am Samstagnachmittag in der Bibliothek in Matzingen. Das Genre – ob Roman oder Krimi – sei nicht ausschlaggebend. «Obwohl», räumt Krohn ein, «dass ich als so netter Mensch und Autor jemals Krimis schreiben würde, habe ich eigentlich nicht geplant.» Sein aktueller Verlag Kampa hat ihm das Thema Krimi schmackhaft gemacht.

Krohn selber bezeichnet sich als Erzähler. Davon zeugen seine Bücher wie «Aus dem Leben einer Matratze bester Machart» oder «Herr Brechbühl sucht eine Katze». Inzwischen schätzt er Krimis.

«Am Fall dranzubleiben, mit den Biografien der Menschen zu spielen, die entweder trauern oder in der Angst leben, ist höchst spannend.»

Sein dritter Krimi erscheint im Juli

Dass Tim Krohn an die Lesung in Matzingen eingeladen wurde, ist von der Bibliotheksmitarbeiterin Marianne König initiiert worden. «Ich bin ein grosser Fan der Engadin-Krimis», bekennt sie und freut sich über die Ankündigung Krohns, dass im Juli das dritte Buch erscheint und er bereits an der vierten Ausgabe schreibt.

Nicht nur die Krimis, auch weitere Bücher des Autors sind in der Ausleihe zu finden. Wie etwa «Prinzessin auf dem Mist – Geschichten aus dem Münstertal», aus dem Krohn jene Passage vorliest, in der das Mädchen Bigna sich das Lesen und Schreiben beibringt.

«Jetzt wird’s ernst», kündigt der auf der Tischkante sitzende Schriftsteller an und greift zu seinem aktuellsten Buch, «Endstation Engadin». Kurz führt er die Hauptfigur ein: Massimo Capaul, suspendierter Polizist im Engadin. Mit sonorer Stimme, humoristischem Augenzwinkern und aufbauender Spannung liest Krohn die Passage, wie Capaul aus Langeweile den Zug ins Albulatal besteigt. Fast wähnt man sich im gleichen Zugabteil zusammen mit den wortkargen Jägern und einer Gruppe angeheiterter Eisenbahnfans.

Die Stärke Krohns liegt darin, die Personen präzise wie auch originell zu beschreiben. Auch wählt der Autor reelle Schauplätze mit tatsächlichen Gebäuden, wie eine ehemalige Pension in Bever, die an den Bahngleisen liegt. Dass ihn seine Krimis verfolgen, merkt er daran, dass Besucher ihm Geschichten jenes Hauses oder einer betroffenen Person mitteilen. Mit einem weiteren Abstecher ins Buch «See der Seelen», in dem Krohn die Sagen und Mythenwelt der Alpen aufgreift und den Tod thematisiert, beendet er seine Lesung.

Kreativer Rückzugsort in seinem Wohnort

Warum er die Engadin-Krimis unter dem Pseudonym Gian Maria Calonder geschrieben hat, begründet er so:

«Als ich die Anfrage vom Kampa Verlag erhielt, lag ich mit einem anderen Verlag im Kampf, der jedes halbe Jahr ein neues Buch forderte.»

Da er zudem Destinationskrimis schreiben wollte, wählte er einen Namen, der nach der Region tönt. Er hütete sich aber davor, den Krimi im Münstertal spielen zu lassen. «Hier kennt jeder jeden und könnte sich ertappt fühlen.» Dass Krohn den Verlag wechselte, hatte auch mit dem Kauf des 400-jährigen Hauses Chasa Parli in seinem Wohnort Santa Maria zu tun, in dem sich Kunstschaffende kreativ betätigen können. Dank eines Vorschusses des Kampa Verlags auf drei Krimis konnte das Projekt realisiert werden.

Zur Person

Tim Krohn wurde 1965 in Deutschland geboren, kam mit zwei Jahren ins Glarnerland und wohnte danach 20 Jahre in Zürich. Inzwischen lebt und arbeitet der Schriftsteller mit seiner Frau, der Schriftstellerin Michaela Friemel, und den vier Kindern in Santa Maria im Val Müstair.

Krohn gewann unter anderem das Berliner Open Mike, den Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis, den Preis der Schweizerischen Schillerstiftung und den Kulturpreis des Kantons Glarus. «Engadiner Abgründe» und «Endstation Engadin» sind aktuell unter den ersten 15 Büchern der Bestsellerliste der Schweiz aufgeführt. (clk)