30-Jahr-Jubiläum
Zum Glück ist Silvio «Sivel» Reinhard nicht Swissair-Steward geworden, denn sonst hätte er den «Anker» in Frauenfeld gar nicht übernehmen können

Wo der Politiker mit dem Rocker eins trinkt und wo man am Wochenende auch schon mal erst am Morgen früh rausläuft: Seit 30 Jahren wirtet Silvio «Sivel» Reinhard auf dem «Anker». Er hat im als verrucht geltenden Spunten aufgeräumt. Dabei gehörte er früher selber zu den Schlimmen.

Mathias Frei
Drucken
Teilen
Hat gerne den Überblick: Silvio «Sivel» Reinhard im «Anker» hinter dem Tresen.

Hat gerne den Überblick: Silvio «Sivel» Reinhard im «Anker» hinter dem Tresen.

Bild: Tobias Garcia

Haftbefehl heisst der deutsche Rapper. Hafturlaub dagegen hatte Silvio Reinhard, als er am 5.Juli 1991 den «Anker» übernahm. Das Lokal galt als verrucht.

«Von Zürich und St.Gallen kamen sie damals in den ‹Anker›, um Schlägereien anzuzetteln.»

Das erzählt Reinhard, den alle nur «Sivel» nennen. Er gehörte zu den Schlimmsten. Dann wurde er von 1986 bis 1988 zum Mitbetreiber des Spuntens, gemeinsam mit seiner damaligen Freundin. Aber die Strafanstalt Saxerriet rief.

Im «Anker» in Frauenfeld.

Im «Anker» in Frauenfeld.

Bild: Tobias Garcia

Als Neo-Wirt konnte er Halbgefangenschaft beantragen, was auch bewilligt wurde. So fuhr Sivel mehrere Monate lang in aller Herrgottsfrühe im St.Galler Rheintal los Richtung Frauenfeld. Abends ging’s wieder ins Saxerriet. Die Geschichte des «Anker» ist wohl nicht weniger bewegt als jene von Reinhard, der seit jungen Jahren Hells-Angels-Mitglied ist, schon lange im Chapter Riverside (Sitz: Buchs SG).

Zuerst musste er mal richtig aufräumen

Der «Anker» in Frauenfeld.

Der «Anker» in Frauenfeld.

Bild: Tobias Garcia

Der «Anker» ist unter Sivel zur Institution geworden. «30 Jahre ‹Anker›: Das bedeutet für mich Stolz, Überlebenswillen und Durchhaltevermögen», sagt der aus Winterthur stammende Reinhard. Hier sitzt der hohe Politiker neben dem Rocker. Hier kann man vor allem am Wochenende trinken, bis es wieder hell wird am Morgen. Hier prosten sich der Lehrling und die Pensionärin zu. Hier ist jedermann willkommen. «Solange man sich an die Regeln hält», sagt Sivel. Hier könne man dumm tun. Aber es gebe Grenzen.

«Und wenn einer die überschreitet, dann wird es mühsam für ihn.»

Man glaubt es Sivel aufs Wort. Er hat eine Linie reingebracht. «Zuerst musste ich mal richtig aufräumen.» Er lacht. In den vergangenen 30 Jahren sei nie etwas Gröberes passiert. «Das hatte aber auch mit Glück zu tun.»

Silvio «Sivel» Reinhard mit befreundeten Hells-Angels vor dem «Anker».

Silvio «Sivel» Reinhard mit befreundeten Hells-Angels vor dem «Anker».

Bild: Tobias Garcia
Silvio «Sivel» Reinhard.

Silvio «Sivel» Reinhard.

Bild: Tobias Garcia

Sivel ist einer, der cheibe gesellig ist, gastfreundlich, aber auch eine natürliche Autorität ausstrahlt. Der ausgebildete Gastronom mit Wirteschulabschluss und verschiedenen Weiterbildungen, etwa als Weinsommelier, ist einer, der stolz ist auf seinen Berufsstand. Der viel auf gutes Personal hält – und derzeit auch wieder solches sucht. Der für faire Löhne einsteht und besser ausgebildetes Personal in der Gastronomie fordert. Der mit der Zeit geht und zum Beispiel im Herbst einen Monat lang thematisch auf Metal setzt, live und ab dem Plattenteller. Der ungleich mehr investiert, als dies in den Achtziger- und Neunzigerjahren nötig gewesen sei. Ein Beispiel ist die Beizenfasnacht, die es im «Anker» auch nach 30 Jahren noch gibt.

Der «Anker» in Frauenfeld.

Der «Anker» in Frauenfeld.

Bild: Tobias Garcia

Brief von Hans Bachofner in die Strafanstalt

Als Sivel 1991 übernahm, bekam er ins Saxerriet ein Schreiben vom damaligen Stadtammann Hans Bachofner und von Jost Kuoni, damals bei der Stadt für die Gastronomie zuständig.

«Sie waren nicht glücklich, dass ich den ‹Anker› gepachtet hatte.»
Silvio «Sivel» Reinhard.

Silvio «Sivel» Reinhard.

Bild: Tobias Garcia

Er sagte ihnen: «Gebt mir vier Jahre, dann schauen wir, wie es läuft.» Und es lief. Dabei hätte eigentlich auch alles ganz anders kommen können. Sivels Traumjob war Steward bei der Swissair. Eine Lehre, optimalerweise in der Gastro, war Pflicht. Er hätte die Steward-Stelle bekommen, musste sich aber entscheiden: bürgerliches Leben und Haare ab oder lange Mähne und mit dem Töff unterwegs? Wie es herauskam, ist bekannt. Wie es mit den Duftsäckli he­rauskam, die man bis Anfang Nullerjahre im «Anker» kaufen konnte, das nagt auch heute noch an Sivel. Vom damaligen Statthalter Marcel Geeler war der Verkauf der cannabishaltigen Duftsäckli toleriert. «44 Monate durften wir verkaufen.» Doch dann habe ihm der damalige Staatsanwalt Stefan Haffter, frisch im Amt, die Beiz geschlossen.

«Eine ganz miese Tour.»
Im «Anker» in Frauenfeld.

Im «Anker» in Frauenfeld.

Bild: Tobias Garcia

Aber egal, Sivel hat zu feiern. Das 30-Jahr-Jubiläum hat er aufs EM-Finalwochenende gelegt. Am Sonntag hatte er grad noch Geburtstag. 59 wird er. Und kürzlich hat er einen neuen 15-Jahres-Pachtvertrag unterschrieben.

«Der ‹Anker› ist mein Leben. Ich denke noch lange nicht an die Pensionierung.»
Im «Anker» in Frauenfeld.

Im «Anker» in Frauenfeld.

Bild: Tobias Garcia

Aktuelle Nachrichten