Zürcher zahlten 76'000 Gulden für Weinfelden und regelten die Steuern mit einem Zehntenplan

Die Bürgergemeinde Weinfelden hat den Zehntenplan von 1695 restaurieren lassen. Er zeigt viele Details um die Besitzverhältnisse in der Herrschaft. Es ist das wertvollste Stück im Bürgerarchiv.

Sabrina Bächi
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Bürgerarchivar Franz-Xaver Isenring sucht versteckte Details auf dem Zehntenplan von 1695.

Bürgerarchivar Franz-Xaver Isenring sucht versteckte Details auf dem Zehntenplan von 1695.

(Bild: Reto Martin)

Kaum zehn Zentimeter trennen seine Nase von der Karte. Fasziniert von den vielen kleinen Details betrachtet Franz-Xaver Isenring den Zehntenplan im Bürgerarchiv. Immer noch entdeckt er Neues auf der Karte. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht und sein Finger gleitet über das Glas, wohinter sich die historische Trouvaille befindet. «Hier ist die Strasse in die Burg. Noch heute verläuft sie genau so», sagt der Weinfelder Bürgerarchivar.

Der Zehntenplan von 1695 ist frisch restauriert und das wertvollste Stück im Bürgerarchiv. Nun ist er gerahmt und vor UV-Strahlen geschützt. 11000 Franken hat die Restaurierung gekostet. Bezahlt hat es die Bürgergemeinde. «Als ich die Restaurierung des Zehntenplans vorgeschlagen habe, wurde dem sofort zugestimmt. Das zeigt die grosse Wertschätzung gegenüber den historischen Artefakten», sagt Isenring.

Eine Momentaufnahme aus dem 17. Jahrhundert

Nebst Isenring ist auch Peter Erni im Bürgerarchiv. Er arbeitet derzeit am zehnten Band zu den Thurgauer Kulturdenkmälern. Dieses Mal geht es um die Region Weinfelden. Klar ist: Der Weinfelder Zehntenplan wird dort bestimmt abgebildet. «Es ist eine wunderschöne Momentaufnahme von Weinfelden, die zeigt, wie das Leben im 17. Jahrhundert aussah», sagt der Historiker.

Der detailgenaue Plan zeigt die Häuser der damaligen Siedlung Weinfelden sowie die Äcker und Felder rund um das Dorf.

Der detailgenaue Plan zeigt die Häuser der damaligen Siedlung Weinfelden sowie die Äcker und Felder rund um das Dorf.

(Bild: Reto Martin)

Detailgenau ist auf dem Plan abgebildet, wo die Grenzen der Felder verlaufen. Die Strassen sind zu erkennen, genauso die Wasserläufe. Gezeichnet wurde der Plan von einem Feldmesser. Hans Jakob Lavater aus Zürich hat für die Zürcher Herrschaft, die damalige Besitzerin von Weinfelden, das Gebiet vermessen und in der Vogelperspektive festgehalten.

Ein Jahr Arbeit für den Zehntenplan

25 Wochen war er rund um Weinfelden mit seinen Bediensteten unterwegs. Weitere 25 Wochen arbeitete er an der Fertigstellung. «Fast ein Jahr hat er daran gearbeitet und schliesslich 100 Gulden für seine Arbeit erhalten», sagt Isenring. Das würde heute etwa 100000 Franken entsprechen.

Besonders selten ist die mittlere Zeichnung, die den Grundriss des Schlosses Weinfelden zeigt.

Besonders selten ist die mittlere Zeichnung, die den Grundriss des Schlosses Weinfelden zeigt. 

(Bild: Reto Martin)

Der hohe Preis zeigt, wie wichtig solche Zehntenpläne waren. «Es sind Herrschaftsinstrumente. So wurde verbindlich festgehalten, wem die Bauern den Zehnten, also die Steuern in Form von Naturalien, abzuliefern hatten», erklärt Erni. In einem Verzeichnis, dem sogenannten Urbar, stand dann geschrieben, wie viel die Bauern zahlen mussten.

Meist wurde ein Zehntenplan erstellt, wenn es Streitigkeiten gab. Zu dieser Zeit, gibt Erni zu bedenken, ging es sicher auch darum, religiöse Präsenz zu markieren. «Das reformierte Zürich konnte so die Machtansprüche mit dem katholischen Konkurrenten, dem Kloster Konstanz, klären», sagt Peter Erni.

1614 kauften die Zürcher die Herrschaft Weinfelden

Weinfelden war eine wichtige Herrschaft, die dank der Reben viel Geld einbrachte. Auch das hier ansässige Niedergericht war für Zürich bedeutsam. Wie der Historiker durch seine Forschungsarbeit herausgefunden hat, zahlten die Zürcher 1614 rund 76000 Gulden für die Herrschaft Weinfelden.

«Das ist viel Geld, wenn man bedenkt, dass ein Arbeiter in dieser Zeit etwa 60 bis 90 Gulden im Jahr verdiente», sagt Bürgerarchivar Franz-Xaver Isenring und beugt sich erneut über die Karte, in der Hoffnung, ein weiteres schönes Detail zu erblicken.

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