Zu wenig Techniker, zu viele Coiffeure: Nirgends fehlen die Fachkräfte so sehr wie in der Ostschweiz

Im Kanton Thurgau spitzt sich der Fachkräftemangel besonders zu. Und Grenzgänger füllen die Lücken immer seltener.

Janina Gehrig
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Ingenieurinnen, Techniker und Apotheker können auf Stellensuche wählerisch sein - es gibt zu viele Jobs für sie.

Ingenieurinnen, Techniker und Apotheker können auf Stellensuche wählerisch sein - es gibt zu viele Jobs für sie. 

Bild: Michel Canonica

Sie bieten flexible Arbeitszeiten, einen modernen Arbeitsplatz, ein kollegiales Umfeld und Perspektiven. Und finden niemanden. Firmen, die Bauprojekte planen, Werkzeuge entwickeln, Spezialglas anfertigen oder Software programmieren, suchen schweizweit oft erfolglos nach Fachleuten. Doch nirgends haben sie es so schwierig wie in der Ostschweiz.

Gemäss aktuellen Zahlen der Adecco-Gruppe Schweiz in Zusammenarbeit mit dem Soziologischen Institut der Uni Zürich hat sich der Fachkräftemangel in den Kantonen St.Gallen, Thurgau, Appenzell, Glarus und Graubünden in den vergangenen drei Jahren besonders zugespitzt. So ist der sogenannte Fachkräftemangel-Index in dieser Region seit 2016 um 49 Prozent gestiegen. Das bedeutet, dass das Verhältnis zwischen den offenen Stellen pro Beruf und der Anzahl Stellensuchender immer mehr auseinanderklafft.

Am meisten fehlt es an Ingenieuren, gefolgt von Technikerinnen, Humanmedizinerinnen und Apothekern, Fachleuten aus dem Treuhandwesen wie Bücherexperten und Revisoren sowie Informatikern. Gleichzeitig besteht ein deutliches Überangebot an Coiffeuren, Kosmetikerinnen sowie Fachkräften aus administrativen Berufen, dem Gastgewerbe und aus Transportberufen.

Boomende Ostschweizer Wirtschaft

Dass es die Ostschweiz besonders trifft, hat mit der boomenden Wirtschaft zu tun. Die Konjunktur habe nach dem Schock des starken Frankens 2015 stark aufgeholt. «Die exportorientierte Industrie hat profitiert und braucht nun viel mehr Fachkräfte», sagt Annalisa Job, Leiterin Kommunikation der Adecco-Gruppe Schweiz.

Andererseits führe der demografische Wandel dazu, dass viel mehr Leute in Pension gehen als Jugendliche in den Arbeitsmarkt treten, um die entstehende Lücke zu schliessen. Besonders betroffen seien grössere Unternehmen, weil sie digitale Transformationsprozesse durchmachten und mehr IT- und Projektpersonal brauchten.

Grenzgänger schliessen die Lücke nicht mehr

«Es ist zunehmend schwierig, neue Mitarbeiter zu finden», sagt etwa Markus Wüst, stellvertretender Niederlassungsleiter vom Bauingenieurbüro Bänziger AG in Oberriet. Die Firma suche an mehreren Standorten zwischen Thun, Zürich, Widnau und St.Gallen nach Fachkräften im Ingenieur-, Zeichner- und Technikerbereich. Es brauche Geduld und viele Anstrengungen. Im Rheintal und auf dem Land sei es besonders schwierig, Stellen mit spezifischen Anforderungen zu besetzen. Gelegentlich werde man im benachbarten Ausland, in Vorarlberg oder Süddeutschland, fündig. Doch auch das Zurückgreifen auf Grenzgänger werde immer schwieriger.

«Offenbar ist der Lohn kein wesentlicher Antrieb mehr, um hier zu arbeiten.»

Die Lohndifferenz nimmt ab.

So finde man etwa für die Stelle als leitender Ingenieur im Bereich Wasserbau seit einem Jahr keinen passenden Kandidaten, der Rücklauf an Bewerbungen sei sehr klein. Selbst die Unterstützung von Personalvermittlern habe bisher keinen Erfolg gebracht. Ähnlich ergeht es der Elektronikindustriefirma Regatron AG in Rorschach. Derzeit hat der Familienbetrieb fünf Stellen ausgeschrieben, etwa für Elektroniker, Vertriebs- und Wirtschaftsingenieure. Die Rekrutierung von Fachkräften sei «sehr anspruchsvoll», sagt Samuel Altherr, Leiter Field Application Engineering. «Man muss sich sehr bemühen.» Da das Unternehmen stark exportorientiert sei, sei es gerade unter Studenten wenig bekannt.

Doch gerade junge Studienabgänger und Industriearbeiter können heute wählerisch sein, Unternehmen hingegen müssen erfinderisch sein, um als besonders attraktiv zu gelten.

Studenten werden schon vor Abschluss angeworben

So bietet das Ingenieurbüro Bänziger möglichst flexible Arbeitszeiten an. Zudem fördert man das Weiterbildungsangebot. Bei der Firma Regatron wiederum setzt man nun vermehrt auf die Zusammenarbeit mit Hochschulen, um Berufseinsteiger zu rekrutieren. «Wir bieten Aufgabenstellungen, welche die Studenten als Bachelor- oder Masterarbeiten bearbeiten können. Das spricht sich unter den Studenten herum und fördert unsere Bekanntheit», sagt Altherr. Schon länger biete das Unternehmen auch Teilzeitarbeit für Familienväter an.

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Sebastian Keller