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Am Open Air Frauenfeld gibt's zu wenig Bühnen für die Bitches

Auf der Grossen Allmend trifft Sexismus auf Mainstream-Rap. Von den heuer 51 Acts sind gerade mal fünf weiblich - nur 9,8 Prozent.
Mathias Frei
Kritische Rapperin aus Basel: Jennifer Perez Felix alias La Nefera. (Bild: PD)

Kritische Rapperin aus Basel: Jennifer Perez Felix alias La Nefera. (Bild: PD)

Exgüsi. Bitch ist kein schönes Wort. Aber in diesen Tagen hört man es auf der Grossen Allmend zuhauf auf den Bühnen. Fünf der 51 Acts am diesjährigen Open Air sind weiblich. Das sind 9,8 Prozent – und definitiv keine Bitches. Im Englischen meint Bitch ursprünglich eine läufige Hündin und ist bereits seit dem Spätmittelalter als erniedrigende, sexistische Wendung Teil der Umgangssprache. «Bitch gehört nicht zu meinem Wortschatz», sagt die Basler Rapperin La Nefera. Sie sei kritisch in ihren Raptexten, verpacke die Inhalte aber bewusst nicht in eine Sprache mit einem sexistischen Subtext. Das Argument, Sexismus sei Teil dieses Kunstbegriffs, lässt sie nicht gelten. «Wer homophob oder sexistisch sein will, benutzt Begriffe wie Bitch», sagt sie. Solche Sätze sind unbequem. La Nefera als weibliche Stimme gehört nicht zum Open-Air-Programm.

«Bitch gehört nicht zu meinem Wortschatz. Wer homophob oder sexistisch sein will, benutzt solche Begriffe.»
(Jennifer Perez Felix alias La Nefera, Rapperin)

Abseits der Bühne hat die 29-Jährige, die mit bürgerlichem Namen Jennifer Perez Felix heisst, an der Hochschule Luzern Soziale Arbeit studiert und dabei die bekannte Kleidertausch-Aktion «Walk-in Closet» initiiert. Heute leitet sie die Offene Kinder- und Jugendarbeit in Therwil (BL).

Fakt ist: Frauen sind am Open Air Frauenfeld primär dekorative Bühnenstaffage. Bereits im Jahr 1995 hielten die Journalistinnen Malgorzata Glowania und Andrea Heil in ihrem Aufsatz «Das Politische und das Persönliche: Frauen im Rap» (in: «Rap», Argument-Verlag, Hamburg) fest: «Männer machen Musik, Frauen stellen ihre Körper für das Image zur Verfügung.» Mit 18 beginnt Jennifer Perez Felix, Raptexte zu schreiben. Mit 25 gründet sie die reine Frauen-Crew Vybezbilder. Anlass dafür ist das «1 City, 1 Song»-Projekt des Basler Rap-Urgesteins Black Tiger. Am offiziell längsten Raptrack der Welt sind 83 Künstler beteiligt, davon sind sieben weiblich. Anfangs seien die Vibezbilder in der Szene angefeindet worden. «Eine Emanzen-Crew», hiess es. «Die Erwartung ist: Frauen sind angepasst und nett», sagt Perez Felix.

«Es ist cool, dass Frauen sich getrauen, anzuecken.»
(Jennifer Perez Felix alias La Nefera, Rapperin)

Sexismus ist für die Baslerin kein Problem, das es nur im Hip-Hop gibt. «Jede Subkultur hat ihre Umgangsformen.» Durch die Direktheit von Rap könnten diese aber umso leichter pervertieren, sagt Perez Felix. Helen Fares moderiert heuer zum vierten Mal die beiden Hauptbühnen auf der Grossen Allmend. Nach dem letztjährigen Open Air war ein Facebook-Post der deutschen Journalistin und Psychologin in aller Munde. Sie wurde hinter der Bühne mehrfach verbal und am letzten Festivalabend auch körperlich sexuell bedrängt. In einem Interview, das sie später dem Bayrischen Rundfunk gab, mutmasste Fares, dass sexuelle Belästigung an einem Metal-Festival nicht geduldet werden würde. Ein paar Monate später kam die «#me too»-Debatte. Perez Felix hat solche Situationen auch schon erlebt. In ihren Anfangszeiten als Rapperin machte einmal ein Produzent den Preis für einen Beat von Oralsex abhängig. Natürlich ging sie nicht auf dieses Angebot ein. Dieser Vorfall habe sie aber gewissermassen nur noch mehr motiviert. Weil es aber einfach viel weniger Frauen als Männer gebe, die rappen, bleibe man Einzelkämpferin – bis es eben zur Gründung der Vybezbilder gekommen ist. Dass Rapperinnen ebenfalls sexistisch agieren sollten, hält die Basler Künstlerin für den falschen Weg. Das Berliner Female-Rapduo Sxtn zum Beispiel macht mit expliziten Lyrics von sich reden. «Cool, dass Frauen sich getrauen, anzuecken.» Aber inhaltlich könne sie weniger damit anfangen, sagt Perez Felix.

«Ich will nicht als Quotenrapperin eingeladen werden.»
(Jennifer Perez Felix alias La Nefera, Rapperin)

Ob eine Auftrittsquote in Klubs und an Festivals sinnvoll sei, kann Perez Felix nicht sagen. «Ich will nicht als Quotenrapperin eingeladen werden.» Fakt sei aber, dass im Mainstream-Rap seit langem Männer eine Vorbildfunktion inne hätten für männliche Jugendliche. Mehr Frauen auf den Bühnen würden auch zu mehr weiblichem Nachwuchs führen. Was Gleichberechtigung im Rap verhindere, sei die Angst der Männer, dass die Frauen besser sein könnten. Perez Felix sieht das in ihrem Beruf, wenn sie Mädchenarbeit macht. Dabei geht es darum, dass junge Frauen ihre Identität entwickeln. Damit aber nicht gleich wieder ein Ungleichgewicht aufgebaut werde, müssten zugleich auch junge Männer bewusst an ihrem Rollenbild arbeiten.

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