«Zu viele schöne Momente erlebt»: Weshalb die Thurgauer SAC-Sektion Bodan ihre Hütte im Bündnerland trotz eines Felssturzes und hoher Folgekosten nicht aufgeben will

Die Thurgauer SAC-Sektion Bodan kämpft um ihre Hütte im Valsertal. Ein Felssturz demoliert Dach und Fassade.

Silvan Meile
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Zwei Gesteinsbrocken – einer links unten im Bild, der andere vor der Hütte – krachten auf das Dach des Berghauses. (Bild: PD/SAC Bodan)

Zwei Gesteinsbrocken – einer links unten im Bild, der andere vor der Hütte – krachten auf das Dach des Berghauses. (Bild: PD/SAC Bodan)

Vermutlich während des heftigen Unwetters in der Nacht auf den
12. Juni stürzten ganz hinten im Bündner Valsertal 150 Kubikmeter Fels in Richtung Tal. Zwei der zahlreichen Felsbrocken, die sich vom Berg lösten, krachen auf die 300 Meter tiefer gelegene Berghütte der Thurgauer Sektion Bodan des Schweizer Alpen-Clubs (SAC). Ein kleiderschrankgrosser Fels donnert direkt am Bett des Hüttenwarts vorbei, reisst einen Teil des Daches mit.

Ein noch grösserer Brocken demoliert auf der Südseite der Hütte Dach und Fassade. «Zum Glück waren keine Personen vor Ort», sagt Jörg Sinniger, Präsident der SAC-Sektion Bodan. Eine Woche später wäre die Hütte belegt gewesen.

«Wir hätten dann die Saison vorbereitet.»

Die Helfer standen bereit. Doch nach dem Unglück tragen sie statt der Putzkiste die Werkzeugkiste zur Hütte, die auf mehr als 2000 Metern über Meer nur zu Fuss erreichbar ist. Behelfsmässig reparieren sie das Dach und die Fassade, damit kein Regen in die Hütte dringt. An einen Sommerbetrieb ist nicht zu denken.

Baustart und Spendenaufruf erfolgen gleichzeitig

Am vergangenen Mittwoch haben sich die Bodan-Mitglieder an einer ausserordentlichen Generalversammlung beraten, wie es weitergehen soll. Ihre Probleme gehen weit über die demolierte Hütte hinaus. Ein beauftragter Geologe kam zum Schluss, dass sich am Berg oberhalb des Berghauses jederzeit weitere Felsbrocken lösen können. Die Hütte ist akut gefährdet und das Gebiet um sie gesperrt.

«Die Empfehlung lautet, dass wir Sicherheitssprengungen veranlassen», sagt Sinniger. Erst wenn keine losen Brocken mehr am Berg über der Hütte vermutet werden, dürfen die Bauarbeiten am Berghaus beginnen. Und bevor dort wieder ein touristischer Hüttenbetrieb aufgenommen werden kann, muss ein Schutzdamm erstellt werden, der das Haus künftig von abfallenden Gesteinsbrocken schützt. Die Behörden in Chur aktualisierten die entsprechende Gefahrenkarte.

Während die Kosten für ein neues Dach und die Fassade durch die Versicherung gedeckt sind, muss die Sektion Boden selber für die Sicherheitsmassnahmen aufkommen. Und die sind besonders teuer. Sinninger sagt:

«Wir beantragten bei unseren Mitgliedern einen Kredit von 434'500 Franken.»

Auch die Aufgabe und der Rückbau der Hütte standen an der Versammlung zur Diskussion. «Mit überwältigendem Mehr» habe sich die Sektion für diesen finanziellen «Hosenlupf» ausgesprochen. Das Thema sei zu emotional, zu viele schöne Momente hätten die Mitglieder in ihrer Berghütte erlebt, um sie wegen der hohen Kosten nun aufzugeben, sagt der Tägerwiler.

Eine Spendenaktion soll 200'000 Franken einbringen. Darauf warten geht aber nicht. Die Arbeiten müssen starten, bevor alles Geld dafür beisammen ist. Denn die Zeit drängt.

Die Länta-Hütte

Die Länta-Hütte der SAC-Sektion Bodan wurde 1913 gebaut. Damit bekam neben der Sektion Thurgau ein zweiter kantonaler Alpenclub ein eigenes Berghaus. Das Land für die Hütte im hintersten Valsertal nahe der Grenze zum Tessin kauften die Thurgauer damals Tessiner Bauern ab, weiss Bodan-Präsident Jörg Sinniger. Schon immer stand die Hütte in einer Gefahrenzone. 1967 zerstörte eine Lawine das leere Berghaus trotz schützendem Fels. Im Jahr darauf wurde es wieder aufgebaut. Heute würde die Gefahrensituation keinen Neubau mehr zulassen. (sme)

«Die Sprengungen dauern etwa vier Wochen und starten am
26. August», sagt Sinniger. Ab 23. September sollen Thurgauer Handwerker das Dach und die Fassade der Hütte mit ihren 33 Schlafplätzen flicken können. «Wenn das Wetter mitspielt, ist das ein wunderschöner Arbeitsplatz.» Auch dafür sind vier Wochen eingeplant. Auf jeden Fall müsse das Dach vor dem Wintereinbruch repariert sein. Im aktuellen Zustand würde die Hütte den Winter nicht überstehen.

«Wir hoffen inständig, dass der Winter dieses Jahr lange auf sich warten lässt.»

Der aufgestellt Zeitplan des Projekts lässt keine Verzögerung zu. So ist man beispielsweise auch auf eine rasche Spreng- und Baubewilligung der Gemeinde Vals angewiesen. «Wir haben einige Risiken, auch finanzielle», sagt Sinniger. «Aber wir sind zuversichtlich, dass sich nicht alles gegen uns verschwört.»

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