Zu viel Nähe: Paare spüren die Nachbeben des Lockdowns – Thurgauer Beratungsstelle hat deutlich mehr Anfragen

Die Coronapandemie stellt Beziehungen auf den Prüfstand. Die Thurgauer Conex-Familia-Beratungsstelle in Amriswil will helfen, bevor die Zweisamkeit zerbricht.

Hana Mauder
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Heidi Kirchhoff leitet die Geschäftsstelle Conex-Familia-Beratungsstelle in Amriswil.

Heidi Kirchhoff leitet die Geschäftsstelle Conex-Familia-Beratungsstelle in Amriswil.

Bild: Andrea Stalder

So viel Zweisamkeit wollten viele Paare vielleicht gar nicht: Die Coronapandemie hat Beziehungen auf eine harte Probe gestellt. Die Conex-Familia-Beratungsstelle im Thurgau will Betroffenen die Hand reichen. Die Kampagne mit dem Titel «Coronapandemie – eine Belastung für Paare?» soll aufklären und Mut machen, falls nötig, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Obwohl jetzt alles scheinbar wieder im grünen Bereich ist. Die Kinder drücken wieder die Schulbank. An das Homeoffice erinnert nur noch der Laptop auf dem Küchentisch. Und die Badeanstalten quellen aus allen Nähten. Alles gut so weit.

Nur: Die seit Monaten angestauten zwischenmenschlichen Schwierigkeiten sind damit noch lange nicht vom Tisch. Das gilt nicht nur, aber auch und im Besonderen für Paarbeziehungen. Denn der Lockdown hat eine zwangsläufige Zweisamkeit eingefordert.

Auch von ausserhalb des Thurgaus kommen Anfragen

Noch so viele Netflix-Serien, gemeinsame Koch-Experimente oder Kuscheleinheiten auf dem Sofa können nichts daran ändern: So viel Zeit zu zweit stellt manche Paare auf den Prüfstand. «Erst jetzt spüren wir die Nachbeben», erklärt Heidi Kirchhoff, Geschäftsleiterin der Conex-Familia-Beratungsstelle mit Sitz in Amriswil. Die Anfragen kommen aus dem ganzen Kanton – und teilweise sogar von ausserhalb des Thurgaus. «Eine solche Situation ist völlig neu.» In der Beratungsstelle läuten die Telefone öfter als sonst. Heidi Kirchhoff sagt:

«Der Mensch ist sehr gut darin, sich vor seinen Problemen zu verstecken. Das funktioniert aber nicht auf Dauer.»

Jetzt treten die angestauten Emotionen und Frustrationen nach und nach hervor. Überforderung macht sich breit, das Gefühl von Ohnmacht. Fehlende Sozialkontakte, Wegfallen der täglichen Strukturen und die Mehrbelastung der Kinderbetreuung: Bereits schwelende Konflikte haben sich verstärkt. «Viele Paare verfangen sich in einer Negativspirale der mangelnden Kommunikation», sagt Heidi Kirchhoff. «Wir sind jetzt erst am Anfang der Aufarbeitung.»

Kaum ein Unterschied zwischen Stadt und Land

Der Weg raus aus dieser Spirale führt – so erklärt die Leiterin der Beratungsstelle – über professionelle Hilfestellung. Um die Hemmschwelle für Paare aus dem Thurgau zu senken, lanciert die Conex Familia eine Presse-Kampagne unter dem Titel «Coronapandemie – eine Belastung für Paare?». Die Antwort ist da oft ein klares «Ja». Ganz ohne Fragezeichen. «Wir können es nicht in klare Zahlen fassen», so Heidi Kirchhoff. «Aber es ist offensichtlich, dass die Leute vermehrt zu uns kommen.»

Zwar seien in den Medien bereits die vermehrten Fälle von häuslicher Gewalt thematisiert worden. Aber die Problematik sei vielschichtiger und subtiler. «Wir sind froh um jede Person, die von sich aus zu uns kommt, bevor die Situation an einen Punkt gelangt, von dem aus man nur schwer den Weg zurück in eine funktionierende Partnerschaft findet.» Von der Paar-Problematik betroffen sind auch die Kinder im gleichen Haushalt. Ein Unterschied zwischen Stadt und Land sei kaum zu spüren.

«Vielleicht braucht es in ländlichen Gegenden mehr, bis Betroffene sich zu handeln getrauen.»

Wer dann doch endlich zum Telefon greift, kann seine Sorgen nicht immer auf Anhieb formulieren. «Oft hören die Berater erst aus einem Nebensatz heraus, wo der Schuh drückt.»

Conex will die Hemmschwelle senken

Das fordert von den acht Mitarbeitenden – drei pro Fachbereich – enormes Fingerspitzengefühl. «Wir arbeiten nachhaltig.» Ziel sei es, gemeinsam und auf Augenhöhe eine Veränderung anzustossen und auf den Weg zu bringen. «Wir sind keine Behörde. Alles, was hier bei uns geschieht, ist freiwillig», betont Heidi Kirchhoff. So verfolgt die derzeitige Kampagne das Ziel, die Hemmschwelle zu senken.

«Das Finanzielle steht dabei völlig im Hintergrund. Wir helfen. Alles andere lässt sich lösen.»

In erster Linie gehe es darum, Vertrauen aufzubauen. «Man darf die Leute nicht überfahren. Wir stellen niemanden an den Pranger und urteilen nicht.» Der sozialarbeiterische Prozess funktioniere nicht von heute auf morgen, sagt Heidi Kirchhoff: «Aber er bereitet einen Weg für eine mögliche Zukunft zu zweit.»

Eine Beratungsstelle für alle

Die Conex Familia ist eine Beratungsstelle für Mütter, Väter, Einzelpersonen, Paare, Familien und Jugendliche. Sie steht Menschen aus dem ganzen Thurgau und darüber hinaus offen. Die Beratungsstelle hat ihren Sitz in Amriswil. Die aktuelle Informations-Kampagne «Corona Pandemie – eine Belastung für Paare?» hat Conex-Mitarbeiter Tobias Kammerer auf den Weg gebracht. Für den November ist eine weitere Kampagne geplant, diesmal soll der Fokus auf die Familiendynamik gelegt werden. Anfang des nächsten Jahres will man die Situation der Jugend aufgreifen. (mau)