Zeitzeugen in guten Händen: Nathalie Kolb ist die Hüterin der Thurgauer Frauengeschichte

Das Thurgauer Frauenarchiv sammelt und erfasst Dokumente aus den Leben von Pionierinnen.

Desirée Müller
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Archivarin Nathalie Kolb begutachtet im Magazin ein Kassabuch aus dem Jahr 1903. (Bilder: Desirée Müller)

Archivarin Nathalie Kolb begutachtet im Magazin ein Kassabuch aus dem Jahr 1903. (Bilder: Desirée Müller)

Nathalie Kolb öffnet die schwere Tür zu einem der Magazinräume des Thurgauer Staatsarchives in Frauenfeld. Rechts und links reihen sich hohe Regale aneinander. Die 47-jährige Historikerin läuft bis zum Ende des schmalen Gangs und biegt dann links ab. Hier befindet sich ihr kleines Reich. Ein rund zehn Meter langer Schlauch, voll bestückt mit grauen Kartonschachteln, das sogenannte Zwischenarchiv. «Die Dokumente darin muss ich alle noch erfassen», erzählt die Archivarin des Thurgauer Frauenarchivs. Sie zeigt auf die gar unzähligen Schachteln, die von Hand mit Nummern und Namen gekennzeichnet sind. Treffen neue Zeitzeugen ein, beginnt die «Schatzsuche». Kolb sieht alle Dokumente eines Nachlasses durch und sortiert sie nach verschiedenen Kriterien.

Frauengeschichte griffbereit

Von Tagebüchern bis zu Briefen, Fotos oder Zeitungsartikeln – schon Tausende Relikte vergangener Zeiten gingen durch die Hände der einstigen Lehrerin.

«So erstelle ich Rubriken wie zum Beispiel Jugendjahre, Arbeitsleben oder ordne die Unterlagen nach Vereinstätigkeiten oder politischen Engagements.»

Nathalie Kolb verlässt das Magazin und macht sich auf den Weg zu ihrem eigentlichen Arbeitsplatz ein Stockwerk höher. Im Computersystem hinterlegt sie nach der Sichtung mit Stichworten versehen die Dokumente mit einer Signatur. So werden die Hinterlassenschaften auf unbestimmte Zeit im 18 Grad kühlen Magazinraum gelagert und immer dann hervorgeholt, wenn sich jemand für eine Pionierin der Thurgauer Frauenwelt interessiert.

Mit Passion bei der Arbeit

Getragen wird ihre Arbeit durch den Verein Thurgauer Frauenarchiv, der seit 1999 einen entsprechenden Vertrag mit dem Staatsarchiv hat. Die heutige Präsidentin Regula Gonzenbach nennt im Interview ein paar Beispiele für Pionierinnen: «Es war die Thurgauerin Annemarie Tuchschmid, die als damalige Präsidentin des Gemeinnützigen Frauenvereins Frauenfeld 1972 mit dem Glasrecycling in Frauenfeld begonnen hat. Und Anna Walder aus Wängi, die 1894 zur Welt kam, gründete die erste Berufsberatung für Mädchen und initiierte im Übrigen auch den Bund Thurgauischer Frauenvereine (heute Thurgauer Frauenzentrale). Die Frauenfelderin Ursula Brunner war zusammen mit den Bananenfrauen die Pionierin des fairen Handels.»

Wenn Regula Gonzenbach von ihrer Arbeit beim Thurgauer-Frauen-Archiv erzählt, sprudelt es nur so aus ihr heraus. Die Präsidentin des Vereins sagt:

«Leider wissen viele nicht, dass es im Thurgau ein professionell geführtes Archiv gibt, das sich aufs Sammeln von Akten von und über Frauen spezialisiert hat.»

Gonzenbach und ihre Vorstandskolleginnen sind interessiert an Poesiealben, Briefen, Kassabüchern, Fotos und generell Dokumenten von Frauen, die auf irgendeine Weise bedeutsam für ihre Epoche waren und damit Zeitgeschichte schrieben. «Vielleicht interessiert unsere Arbeit heute noch nicht so viele Menschen. Aber in späteren Jahren wird es spannend sein zu erfahren, wie die Frauen dannzumal gelebt und gedacht haben», ist die 65-jährige Anwältin überzeugt. Denn nur unter Einbezug der Frauenwelt ergebe sich ein umfassendes Geschichtsbild.

Nathalie Kolb in ihrem «Reich» im Staatsarchiv.

Nathalie Kolb in ihrem «Reich» im Staatsarchiv.

Verborgene Leistungen zeigen

Laut der Präsidentin Gonzenbach finden nicht nur die Erinnerungen von berühmten Frauen Platz im Archiv.

«Eine Frau, die eine aussergewöhnliche Freiwilligenarbeit geleistet hat, ist genauso interessant wie eine politisch engagierte Hausfrau oder eine Sekretärin, die sich für einen besseren Lohn einsetzte.»

Ob die erste Regierungsrätin, die erste Anwältin, Ärztin oder Seklehrerin im Kanton – im Frauenarchiv sind sie alle verewigt. Auch die Erinnerungen von Anna Füllemann, dem Kindermodel des berühmten Malers Adolf Dietrich werden darin gehütet. «Das Archiv soll alle möglichen Lebensentwürfe und – häufig verborgenen – Leistungen von Frauen zeigen», fasst die zweifache Mutter zusammen. Damit all die ­Geschichten nicht in Vergessenheit geraten, sind Regula Gonzenbach und ihre Kolleginnen auf die Hilfe der ­Bevölkerung angewiesen. «Interessante Dokumente gehören nicht auf einen Estrich oder in einen dunklen Schrank im Keller», ist sie überzeugt. «Wir sind sehr dankbar, wenn wir Hinweise auf interessante Biografien erhalten.»

Bodenständig und grenzenlos

Zurzeit zählt der Verein rund 200 Einzelmitglieder, die das Frauenarchiv mit fünfzig Franken im Jahr unterstützen. Zusätzlich zu den Mitgliederbeiträgen erhält der Verein einen jährlichen Kantonsbeitrag. Dass es das Archiv überhaupt gibt, verdankt der Verein den Initiantinnen des Frauenbuches «Bodenständig und grenzenlos», welches 1998 rund um die Feierlichkeiten um die Befreiung des Thurgaues im Jahr 1798 entstand. «Der Schwung und Enthusiasmus, den die Buchautorinnen nach dem gelungenen Werk verspürten, führte zur Gründung des Vereins», schliesst Gonzenbach.

Jubiläumsfeier

Am 14. November feiert der Verein sein 20-Jahr-Jubiläum im Theater am Bahnhof in Weinfelden. Regierungsrätin Monika Knill sowie der Staatsarchivar André Salathé werden Grussworte überbringen. Auch wird Archivarin Acquisition Erika Schoberth Trouvaillen aus den Beständen vorstellen. Danach wird die Öffentlichkeit zu einem Improvisationstheater und einem Apéro eingeladen. Mehr Informationen und Anmeldung unter: www.frauenarchiv.ch