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Zeitgeschichte auf neuen Schienen: Die Museumsbahn verkehrt wieder zwischen Etzwilen und Singen

Am Sonntag konnte nach 51 Jahren erstmals wieder ein Zug mit rund 100 Fahrgästen von Etzwilen nach Singen verkehren. Ob es wirklich klappt, war lange Zeit unklar.

Andreas Taverner
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Von Ramsen bis Schaffhausen verkehrt der Sonderzug mit einer Dampflokomotive.
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Im historischen Speisewagen geniessen die Fahrgäste die Aussicht.
Bei der Einfahrt in Ramsen spielt bereits die Musik.
Werner Wocher imitiert im Museum im Bahnhof Hemishofen einen Bahnhofsvorstand, erkenntlich an der Mütze mit zwei goldenen Streifen.
Ehemaliger Bahnhof Hemishofen schön dekoriert am Morgen.
Sicherheit muss sein. Der Zug überquert den Kreisel und fährt in Singen ein.
Die Museumsbahn zog zahlreiche Schaulustige an.
Hier lässt die Dampflok (Lok 01 202) Wasser austreten.
Trieblock Em 3/3 18814. Wird mit Diesel betrieben.
Einfahrt in Singen mit der Dampflok (Lok 01 202).

Von Ramsen bis Schaffhausen verkehrt der Sonderzug mit einer Dampflokomotive.

Bild: Andreas Taverner

Von Diesel zu Dampf und weiter zum elektrischen Antrieb. Auf der Jungfernfahrt der Museumsbahn von Etzwilen nach Singen am Sonntag wurde dreimal die Lokomotive ausgewechselt. Die gut dreieinhalbstündige Fahrt genossen rund 100 Personen.

Möglich gemacht hat es die Stiftung Museumsbahn Stein am Rhein–Etzwilen–Hemishofen–Ramsen & Rielasingen–Singen. Christoph Brändli, Vizepräsident des Stiftungsrates, sagt:

«Technisch gesehen fehlten in Singen rund 80 Meter Gleis, welche im vergangenen Jahr, nach 17 Jahren verlegt wurden.»

Wäre Giorgio Behr, der als Präsident der Stiftung amtet, nicht gewesen, wäre es vielleicht nie zu einer Fahrt der Museumsbahn gekommen. «Behr war matchentscheidend», stellt Brändli fest, «ohne sein Sponsoring und seine Beziehungen sowohl in der Schweiz wie auch nach Deutschland wären wir nicht da, wo wir heute sind.»

Doch ob es wirklich klappt, war lange unsicher. Behr sagt:

«Bis am vergangenen Freitag, 14 Uhr, war nicht klar, ob wir nach Singen einfahren können.»

Zwischenhalt im kleinen Bahnhofsmuseum

Die Reise erfolgt im Zug mit sieben nostalgischen 1.-Klasse-­Wagen aus Deutschland der 1960er- bis 1970er-Jahre. Zusätzlich zur Fahrt kann auch das kleine Museum im ehemaligen Bahnhof Hemishofen besucht werden.

Werner Wocher, der dieses für den Verein zur Erhaltung der Bahnlinie Etzwilen–Singen betreut, ist stolz auf das, was er nach viel Aufwand im Erdgeschoss präsentieren kann: Kartonbillette und diverse Hüte von Kondukteuren oder einem Bahnhofvorstand. Bei allen sind noch die Hutstreifen, die den jeweiligen Rang erkennbar machen, vorhanden.

Hüte aus vergangenen Zeiten im Museum im Bahnhof Hemishofen: Sie waren bis zirka 1980 im Einsatz.

Hüte aus vergangenen Zeiten im Museum im Bahnhof Hemishofen: Sie waren bis zirka 1980 im Einsatz.

Bild: Andreas Taverner

Nach einer kurzen Ansprache von Giorgio Behr, fährt der Zug um 10.30 Uhr in Hemishofen Richtung Ramsen ab. Nach 51 Jahren wird die Strecke Etzwilen–Singen wieder mit einem Personenzug befahren. Eine Reisende, die in den Speisewagen steigt, schwärmt von der schönen Inneneinrichtung.

Bald von Singen bis nach Frauenfeld

Ab jetzt wird der Museumszug an seinen drei Stopps in Ramsen, Rielasingen-Arlen und Singen Hohentwiel begeistert von Schaulustigen begrüsst. In Singen Hohentwiel hat sich auch Eberhard Röhm, Gemeinderat der Stadt Singen, unters Volk gemischt. Er sagt:

«Ich hoffe, dass es etwa in einem Jahr möglich ist, von Singen bis Frauenfeld durchzufahren.»
Eberhard Röhm, Gemeinderat der Stadt Singen.

Eberhard Röhm, Gemeinderat der Stadt Singen.

Bild: Andreas Taverner

Eine deutsche Familie wünscht sich gar, dass in naher Zukunft eine regelmässige Verbindung zwischen Singen und Zürich realisiert wird.

Das Fazit von Giorgio Behr, als der Zug um 14.43 Uhr wieder in Hemishofen einfährt: «Nach 145 Jahren des Staatsvertrags sind gefühlt 145 neue Bestimmungen dazu gekommen.» Das habe das Unterfangen zusätzlich verkompliziert. «Ohne ein starkes und engagiertes Team wäre die Fahrt nicht zu Stande gekommen», fügt er hinzu.

Stiftung macht’s möglich

Die Bahnstrecke Etzwilen–Singen wurde 1875 von der Schweizerischen Nationalbahn eröffnet. Nach 94 Jahren wurde der Personenverkehr 1969 eingestellt. Die Stiftung Museumsbahn Stein am Rhein – Etzwilen – Hemishofen – Ramsen & Rielasingen – Singen kaufte die Infrastruktur und bietet seit 2007 zwischen Etzwilen und Ramsen Museumsfahrten an. 2011 wurde der Abschnitt bis Rielasingen erweitert. Der letzte Abschnitt in Singen konnte wegen fehlender Schienen bis vergangenen Sonntag nicht befahren werden. (red)

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