«Wurden gar angefragt, ob wir noch Helfer gebrauchen könnten»: Thurgauer Spargelsaison hat begonnen – Sorgen wegen der Coronakrise waren unbegründet

Über 40 Erntehelfer meldeten sich auf einen Aufruf von Spargelbauer Hans Felber aus Kradolf. Und bei Berufskollegen Stefan Frei aus Hörhausen läuft der Spargel im Hofladen besonders gut.

Viola Stäheli
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Spargelernte in Hörhausen.

Spargelernte in Hörhausen.

Bild: Reto Martin

«Sind wir ehrlich, ein Spargelfeld ist nichts Schönes. Ein brauner Acker mit ein paar grünen Stängeln», sagt Stefan Frei und lacht. «Das hat mich so gestört, dass ich die Zwischenräume begrünt habe.»

Landwirt Frei sieht auf sein Spargelfeld, das nicht weit von seinem Hof in Hörhausen entfernt ist. Grüne Spargeln haben die trockene Erdkruste durchbrochen. Frei und sein Bruder arbeiten sich auf zwei Erntewagen durch die Reihen und schneiden die Spargeln des heutigen Tages.

Bis morgen wird es wieder gleich viele grüne Stängel auf dem Feld haben. Jetzt Mitte April hat sie begonnen und wird noch traditionell bis zum Johannistag am 24.Juni dauern: die Spargelsaison.

Das Spargelfeld in Hörhausen.

Das Spargelfeld in Hörhausen.

Bild: Reto Martin

Weiss, grün oder violett: Alles kommt aus heimischem Boden

Jeder dritte Grünspargel, der in der Schweiz in den Verkauf kommt, ist auf Thurgauer Äckern gewachsen. Auch weisser und violetter Spargel gedeiht in Thurgauer Böden gut und kräftig.

Spargeln ertragen Trockenheit besser als Frost

Spargeln haben ein grosses Wurzelwerk und sind daher resistent gegen die derzeit anhaltende Trockenheit. Bewässerung brauchen sie keine. Das grösste Problem, welches aufgrund der Trockenheit entsteht, ist die harte Erdkruste, das die Spargeltriebe durchbrechen müssen. Ansonsten hat die Trockenheit für die Spargelbauern aber mehr Vorteile: Die Arbeit ist mit den Erntewagen auf trockenem Boden einfacher, ausserdem kommen die Spargeln sauber vom Feld. Was den Bauern mehr zu schaffen macht, ist der Frost. Fällt in der Nacht die Temperatur unter den Gefrierpunkt, frieren die Köpfe der Spargeltriebe ab und werden schwarz. «Wir hatten wegen des Frosts auch schon zehn Tage Ernteausfall», sagt Stefan Frei, Spargelbauer aus Hörhausen.

Der weiter verbreitete Grünspargel ist leichter zu ernten, da er nicht aus der Erde gestochen wird wie der Bleichspargel, sondern nur abgeschnitten werden muss. Aber auch dafür braucht es helfende Hände, die bei der Ernte anpacken. Und gerade die arbeitsintensive Erntephase hat wegen der anhaltenden Coronakrise unter den Spargelbauern für Fragezeichen gesorgt.

Nach der Ernte wird der Spargel bei Familie Frei in Hörhausen auch verpackt.

Nach der Ernte wird der Spargel bei Familie Frei in Hörhausen auch verpackt.

Bild: Reto Martin

Hans Felber, Spargelbauer aus Kradolf, beschäftigte bei den vergangenen Spargelernten stets einige Erntehelfer aus dem Ausland. «Zu Beginn der Coronakrise herrschte viel Unsicherheit. Es war nicht klar, ob Erntehelfer einreisen, beziehungsweise danach auch wieder aus der Schweiz ausreisen können. Und wir waren besorgt, dass sich unsere Spargeln nicht gut verkaufen lassen. Schliesslich sind Spargeln ein teures Gemüse.»

Spargelanbau ist Geduldsache

Im April und Mai ist nicht nur Erntezeit, sondern auch die Pflanzsaison der Spargelsetzlinge. Diese sind faserige Wurzelbündel, die circa 20 Zentimeter tief in den Boden gegraben werden. Anschliessend beginnt das Warten: Im ersten Jahr lässt man die Spargeln zu Büschen auswachsen, die dann abgeschnitten – im Fachjargon gemulcht – werden. Dasselbe Verfahren gibt es im zweiten Jahr, wobei erstmals kleinere Erntemengen anfallen. Erst im dritten Jahr kann vollständig geerntet werden. Am Ende der Saison lässt man die Spargeln erneut zu Büschen aufwachsen, damit sie Energie für die nächste Saison speichern können. Ein Spargelfeld ist zu Beginn zwar eine Geduldsache, bringt dafür dann aber während sieben bis zehn Jahre zuverlässig Ertrag.

Vom französischen Skigebiet auf den Spargelferrari

Glücklicherweise zeigte sich bald, dass die Sorgen unbegründet waren: Auf ein Inserat, welches Felber aufgeschaltet hatte, meldeten sich 40 Leute, die bei seiner Spargelernte auf dem Hof mithelfen wollten.

«Wir waren sehr überrascht», sagt Michael Felber, der mit seinem Vater den Betrieb führt. So nahmen sie das Angebot von einigen Leuten aus der Region sehr gerne an, und gaben zwei Frauen sogar Quartier, die in einem französischen Skigebiet im Service arbeiteten und nach der frühzeitigen Schliessung wegen Corona plötzlich ohne Job dastanden.

Nun sind die beiden Frauen auf den Spargelferraris, wie bei den Felbers die Erntewagen heissen, auf den Spargelfeldern unterwegs. Felber sagt:

«Sie wohnen bei uns, das macht es einfacher, um das Risiko bezüglich Coronavirus einzudämmen.»

Und auch sonst haben sich die Felbers organisiert: Wenn möglich wird der vorgeschriebene Abstand eingehalten. Wo immer es geht, stehen Masken zur Verfügung. «Mittlerweile haben wir uns mit der Situation arrangiert», sagt Michael Felber.

Und nicht nur das: Der Absatz im Hofladen der Felbers hat sich wider aller Befürchtungen nicht verschlechtert, sondern eher noch verbessert. Das merkt auch Stefan Frei in seinem Hofladen. Bei ihm laufen nicht nur die Spargeln gut, sondern besonders auch die Sauce Hollandaise. Er sagt:

«Ich vermute, dass jetzt mehr Leute Spargeln zu Hause kochen.»
Im Hofladen der Familie Frei in Hörhausen.

Im Hofladen der Familie Frei in Hörhausen.

Bild: Reto Martin

Auch Frei hat Lösungen für die Coronasituation gefunden: Er stemmt die Spargelernte gemeinsam mit Familienmitgliedern und zwei Pensionären aus dem Dorf. «Wir wurden sogar angefragt, ob wir noch Helfer gebrauchen könnten. Diese Solidarität hat uns sehr gefreut», sagt Landwirt Frei.

Vier bis fünf Tonnen Spargel an Spitzentagen

Der grösste Abnehmer der Spargelbauern in der Region ist die Landi Hüttwilen. Und nur dank dieser gibt es im Thurgau überhaupt so viele Spargeln: «Meine Vorgänger haben begonnen, Setzlinge zur Verfügung zu stellen und die Abnahme zu sichern. Dadurch erhielt der Spargelanbau einen ziemlichen Aufschwung im Thurgau, der bis jetzt anhält», sagt Rudolf Grunder, der Landi-Geschäftsführer.

Rudolf Grunder, Geschäftsführer Landi Hüttwilen.

Rudolf Grunder, Geschäftsführer Landi Hüttwilen.

Bild: Reto Martin

Die Landi Hüttwilen verkauft nach wie vor Setzlinge in der ganzen Schweiz und vermarktet die Thurgauer Spargeln. Kunden der Landi Hüttwilen sind sämtliche Grossdetaillisten in der Deutschschweiz wie die beiden Branchenriesen auf dem Lebensmittelsektor Coop oder Migros.

«Die Gastronomie hingegen beliefern wir kaum mit unseren Spargeln», sagt Grunder. Und das ist in der aktuellen Coronasituation ein Glück, steht doch die komplette Gastronomiebranche still. Der Absatz der Spargeln bereitet der Landi Hüttwilen daher keine Probleme.

Jeder Kunde hat eigene Etiketten und eigene Kisten

Während der Spargelerntesaison werden rund zwölf Arbeitskräfte zusätzlich gebraucht, welche mithelfen die Spargeln zu sortieren, zu bündeln, zu etikettieren – und schliesslich in die richtigen Kisten zu versorgen.

In der Landi Hüttwilen wird der Spargel gebündelt, etikettiert und verpackt.

In der Landi Hüttwilen wird der Spargel gebündelt, etikettiert und verpackt.

Bild: Reto Martin

«Jeder unserer Kunden hat nicht nur eigene Etiketten, sondern auch eigene Kisten, mit denen die Spargeln angeliefert werden», erklärt Grunder das komplizierte Geschäft. An Spitzentagen werden in der Landi Hüttwilen vier bis fünf Tonnen Spargeln verarbeitet.

Aber auch der zusätzliche Bedarf an Arbeitskräften stellte die Landi vor keine grossen Probleme: Die Helfer stammen alle aus der Gegend und waren gerne bereit, auch dieses Jahr wieder dafür zu sorgen, dass es die Thurgauer Spargeln in die heimischen Töpfe schaffen.

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