«Die Tierhalter müssen sich bewusst sein, dass im Thurgau jederzeit ein Wolf auftauchen kann»: Das sagt ein Experte zum Schafriss bei Thundorf

Ziemlich sicher ist im Thurgau wieder ein Wolf unterwegs: In Thundorf sind auf einem abseits liegenden Hof zwei Lämmer gerissen worden, zwei wurden verletzt und eines ist verschwunden. 

Ida Sandl
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Symbolbild: Imago Images

Hinweise auf einen Wolf im Thurgau gibt es schon seit Ende November. Bei einer Treibjagd will ein Jäger den Wolf aus kurzer Distanz beobachtet haben. Eine Reiterin ist sich sicher, dass sie einen Wolf gesehen hat. Die Frau sollte es wissen, sie ist von Beruf Tierärztin. Die Meldungen kamen aus dem Raum Fischingen, Gachnang und Stettfurt, sagt der Thurgauer Jagd- und Fischereiverwalter Roman Kistler. Der eindeutige Beweis jedoch fehlte:

«Es gibt Hunde, die einem Wolf sehr ähnlich sehen.»

Trotzdem ging Kistler davon aus, dass ein Wolf im Thurgau unterwegs ist. Die toten Schafe erhärten den Verdacht. Am 14. Januar hat ein grosses Tier in einem etwas abgelegenen Hof bei Thundorf zwei Lämmer getötet und zwei weitere verletzt. Von einem fünften Tier fehlt jede Spur. Kistler vermutet, dass der Wolf das Lamm mitgenommen hat. Die Spuren des Risses würden «mit hoher Wahrscheinlichkeit» auf einen Wolf hindeuten. 

Kistlers Mitarbeiter haben Speichelproben genommen, die nun an der Universität Lausanne ausgewertet werden. Es sei aber nicht sicher, ob es ein Resultat gibt. «Es kommt darauf an, ob wir tatsächlich den Speichel erwischt haben.» Unabhängig vom Ergebnis ist für Kistler klar: 

«Die Tierhalter müssen sich bewusst sein, dass im Thurgau jederzeit ein Wolf auftreten kann.»

Nach 2017 und 2018 ist es bereits das dritte Mal, dass ein Wolf im Thurgau Schafe reisst. Es handle sich wohl um ein einzelnes Tier auf Wanderschaft, entweder aus dem Alpenraum oder direkt aus Italien. Der Wolf halte sich einige Zeit im Thurgau auf und verschwinde dann wieder. Ab einem gewissen Alter müssten Jungtiere abwandern. Dass sich im Thurgau ein Rudel ansiedeln wird, hält Kistler für «relativ unwahrscheinlich».

Nicht direkt ins Siedlungsgebiet eingedrungen

Auf dem betroffenen Hof in Thundorf leben mehr als 100 Schafe. Ein Teil ist in einem Laufstall untergebracht. Der Wolf sei in den Stall eingedrungen. Der Hof liegt knapp einen Kilometer vom Dorf entfernt. Der Wolf wagte sich also nicht direkt ins Siedlungsgebiet. 

Dass ein Wolf im Thurgau unterwegs ist, hat auch Werner Mazenauer aus Altnau gehört. Er ist Präsident des Schafzuchtvereins Oberthurgau und hält selber etwa 80 Schafe. Die Schafzüchter seien beunruhigt, sagt Mazenauer:

«Jeder hat Angst, dass der Wolf als nächstes seine Herde heimsucht.»

Mazenauer bezweifelt, dass man seine Schafe sicher schützen könne. Auch ein Herdenschutzhund nütze nicht viel. Dass ein Herdenschutzhund im Thurgau nicht ideal sei, meint auch Kistler. Hier gebe es vor allem kleinere Herden mit 20 bis 50 Schafen. Da seien Elektrozäune wirkungsvoller. 

Die gerissenen Tiere werden dem Schafzüchter von Kanton und Bund entschädigt. Mazenauer schränkt aber ein, dass bei Zuchttieren  jahrelang Arbeit investiert worden sei.

«Der Tierhalter bekommt nie den vollen Wert eines Zuchtschafes ersetzt.»

Könnte der Wolf ein Verbündeter sein, um den Wildschwein-Bestand in Zaum zu halten? Wohl kaum, findet Kistler. Er kennt solche Meldungen vor allem aus Osteuropa. Wölfe würden zwar auch kleinere und junge Wildsauen reissen, doch eine Schafherde sei in jedem Fall die einfachere Beute.  

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