Wo heute im Thurgau günstiger Wohnraum entsteht

Der Kanton Thurgau fördert günstigen Wohnraum heute nicht aktiv. Das tut auch die Stadt Arbon nicht – und doch wird er dort gebaut.

Sebastian Keller
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Eine Visualisierung wie die neue Siedlung der Genossenschaft Ziegelhütte Arbon aussehen könnte.

Eine Visualisierung wie die neue Siedlung der Genossenschaft Ziegelhütte Arbon aussehen könnte. 

(Visualisierung: PD)
  • Am 9. Februar kommt die nationale Volksinitiative «Mehr bezahlbare Wohnungen» zur Abstimmung. 
  • In Arbon ist der Anteil des gemeinnützigen Wohnungsbaus im Thurgau am höchsten. Die Stadt kennt zwar keine direkten Förderinstrumente. 
  • In der Oberthurgauer Stadt sind weitere gemeinnützige Wohnungen geplant. 
  • Anders Frauenfeld: Seit April 2016 hat die Hauptstadt ein Reglement über die Förderung von preisgünstigem Wohnen. 

Arbon führt die Rangliste im Thurgau an. Im Jahr 2017 erfüllten 4,9 Prozent oder 381 Wohnungen in der Stadt am Bodensee die Kriterien des gemeinnützigen Wohnungsbaus (Ausgabe vom 27. Januar). Die Mieten dieser Wohnungen sind günstiger. Sie müssen – im Gegensatz zur Marktmiete – nur die Kosten decken. Rendite zählt nicht.

Das Thema treibt derzeit die Schweiz um. Am 9. Februar gelangt die Initiative «Mehr bezahlbare Wohnungen» zur Abstimmung. Sie verlangt, dass künftig mindestens zehn Prozent der neugebauten Wohnungen gemeinnützigen Bauträgern – Genossenschaften etwa –gehören müssen. Bundesrat und Parlament lehnen sie mit Verweis auf die Verfassung ab: Diese garantiere die Förderung des gemeinnützigen Wohnungsbaus auch ohne starre Quote.

Hohe Quote im Oberthurgau

Ein kommunales Förderprogramm kennt Arbon nicht. Das sagen Stadtschreiberin Andrea Schnyder sowie Baustadtrat Didi Feuerle (Grüne) auf Anfrage. Doch wieso ist die Quote in Arbon vergleichsweise hoch? Feuerle ortet eine Erklärung im Geschichtsbuch. So war Arbon eine Arbeiterstadt (Saurer). Die Arbeiterbewegung prägte Entwicklungen im Ort. Der genossenschaftliche Wohnungsbau ist vielerorts eine Errungenschaft der Arbeiterbewegung.

Diese Geschichte wird in Arbon weitergeschrieben. Die Genossenschaft Ziegelhütte Arbon plant auf dem Gelände des ehemaligen evangelischen Alters- und Pflegeheims rund 50 Wohneinheiten. Die Kirchgemeinde, der die rund 7500 Quadratmeter Land gehören, hat der Abgabe im Baurecht zugestimmt. Für 100 Jahre. Inge Abegglen, SP-Kantonsrätin aus Arbon, arbeitet beim Projekt mit. Sie schickt voraus:

«Es wird derzeit viel gebaut in Arbon, aber leider im falschen Preissegment.»

Die Nachfrage nach bezahlbaren Wohnungen sei vorhanden. Dereinst sollen Alleinstehende und Familien, Junge wie Alte in der genossenschaftlichen Siedlung ein Zuhause finden.

Inge Abegglen, SP-Kantonsrätin arbeitet bei der Genossenschaft Ziegelhütte Arbon mit.

Inge Abegglen, SP-Kantonsrätin arbeitet bei der Genossenschaft Ziegelhütte Arbon mit.

(Bild: Hanspeter Schiess)

«Zentral ist auch die Begegnungsmöglichkeit», sagt Abegglen. Im einstigen Alters-und Pflegeheim soll es ein Gästezimmer, ein Saal sowie Werkstätten geben. Die Bauparzelle befindet sich inmitten der Siedlung. «Das ist sicher ein Beitrag zur inneren Verdichtung», sagt Abegglen. In «gut zwei Jahren» sollen die ersten Mieter einziehen können.

Im Gegensatz zu Arbon kennt Frauenfeld ein Förderinstrument: Seit April 2016 gilt in der Stadt das «Reglement über die Förderung von preisgünstigem Wohnraum». Die Förderung soll durch Erwerb und Abgabe von geeigneten Grundstücken sowie durch Gewährung von Darlehen erfolgen. Angestrebt wird auch eine «soziale Durchmischung in möglichst vielen Quartieren». Bei der Erhebung im Jahr 2017 waren 3,4 Prozent oder 431 Wohnungen im gemeinnützigen Segment.

Kantonale Abstimmung fiel vor 25 Jahren durch

Der Kanton betreibt keine Förderpolitik. Zur Abstimmung sagt die zuständige Regierungsrätin Carmen Haag:

«Die Regierung wird keine Stellung beziehen zur Initiative, weil in ihren Augen der Thurgau nicht mehr als andere Kantone von der Initiative betroffen ist.»
Carmen Haag, Departementsvorsteherin Bau und Umwelt.

Carmen Haag, Departementsvorsteherin Bau und Umwelt. 

(Bild: PD)

Es ist nicht das erste Mal, dass das Thurgauer Volk befragt wird. Am 25. September 1994 verwarfen die Stimmbürger das Gesetz über die Wohnbau- und Eigentumsförderung. Das verwundert beim ersten Blick in den Rückspiegel. Die Motion, auf der das Gesetz fusste, wurde im Grossen Rat einstimmig überwiesen. Bei der Gesetzesberatung war die Mehrheit geschmolzen.

«Die FDP lehnte es als Irrweg und Muster marktverzerrender Vorschriften ab», notierte die SDA. Nur noch SP und CVP waren dafür. Dies ist im Lichte der veränderten Grosswetterlage zu sehen: Der Staat musste wegen der Rezession sparen, tiefere Zinssätze kühlten den Immobilienmarkt ab.

Die Tür für die nationale Initiative steht im Thurgau nur einen Spaltbreit offen. Von den Grossratsparteien befürworten sie die Grünen und die SP. Dagegen sind SVP, GLP, CVP, FDP, EDU, EVP und BDP.

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