Reportage

Wo auch die schweren Jungs gerne putzen: Zu Besuch im Kantonalgefängnis Frauenfeld

In der Welt hinter Gittern lebt man nicht von guten Worten. Besuch im Kantonalgefängnis Frauenfeld, wo man sich über Arbeit freut.

Ida Sandl
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Ein Häftling im Kantonalgefängnis Frauenfeld reinigt den Flur des Zellentrakts.

Ein Häftling im Kantonalgefängnis Frauenfeld reinigt den Flur des Zellentrakts.

Bild: Andrea Stalder

Hier ist alles massiv: eiserne Türen, dunkelgrau, verstärkt, Schlösser wie kleine Tresore und der Schlüsselbund grösser als eine Männerfaust. Es klickt laut, wenn Zeki Kogumtekin eine Tür aufschliesst und die Schlüssel aneinanderschlagen. Dieses Geräusch vergisst keiner, der mehr als eine Nacht im Kantonalgefängnis in Frauenfeld verbracht hat. Es ist Zeki Kogumtekins Welt, zumindest die berufliche. Seit 21 Jahren arbeitet er in Schweizer Gefängnissen, seit Januar 2019 leitet er das Kantonalgefängnis. Ein grosser Mann mit breiten Schultern.

«Respekt ist hier ein grosses Thema», sagt Kogumtekin und schaut seinem Gegenüber direkt in die Augen. Egal was jemand getan hat.

«Es ist ein Mensch, auch wenn er Fehler gemacht hat.»

Mit guten Worten allein ist es nicht immer getan. Es gibt Streitereien unter den Inhaftierten und es gibt Gefangene, die provozieren. Solche Situationen seien in Frauenfeld selten, sagt Kogumtekin. «Zum Glück.»

Zeki Kogumtekin, leitet das Kantonalgefängnis in Frauenfeld.

Zeki Kogumtekin, leitet das Kantonalgefängnis in Frauenfeld.

Bild: Andrea Stalder

56 Plätze hat das Kantonalgefängnis, für Strafvollzug, Untersuchungs- und Ausschaffungshaft. Vereinzelt sind Frauen inhaftiert. Es ist kein Ort für Schwerverbrecher. Hier werden meist kurze Strafen verbüsst. Wer länger als ein Jahr einsitzen muss, kommt in eine andere Justizvollzugsanstalt, nach Pöschwies zum Beispiel. Der Nachteil ist die hohe Fluktuation. Jährlich treten 800 bis 900 Gefangene ein. Das stellt Ansprüche an die Organisation. Vor allem im Arbeitsbereich.

«Strafgefangene sind per Gesetz zur Arbeit verpflichtet», erklärt Silvio Stierli. Er ist der Chef über den Thurgauer Justizvollzug. Alles, was mit Freiheitsstrafen zu tun hat, ist ihm unterstellt. Pflicht zur Arbeit klingt leichter, als es ist. Um Gefangene beschäftigen zu können, braucht es Aufträge aus der Wirtschaft. «Es war noch nie einfach, Auftraggeber zu finden», sagt Kogumtekin. In den letzten Jahren hat sich die Situation verschärft.

In Frage kommen einfache Arbeiten, für die es keine gefährlichen Maschinen wie Sägen braucht. An solchen Beschäftigungen sind auch geschützte Werkstätten interessiert. Doch der Kuchen wird kleiner, weil Aufträge vermehrt in Billiglohnländer abwandern. Kogumtekin ist keiner, der jammert. Doch er sagt: «Wir kämpfen um jeden Auftrag.» Die grosse Stärke des Kantonalgefängnisses:

«Wir können sehr schnell viel Manpower aufbieten.»

Wichtig für Arbeiten, die unter Termindruck stehen. Er denke hier über seine Taten nach, sagt ein Häftling Kogumtekin sperrt eine Tür auf. Der Raum ist karg eingerichtet. Ein Mann, Ende 50, steht an einem Pult und dreht Zigaretten. Die Fertigen steckt sein Kollege in Packungen auf denen «Jail Smoke» aufgedruckt ist. «Arbeit tut gut», sagt der Mann in gebrochenem Deutsch. Die Monotonie stört ihn nicht: «Lenkt ab.» Er tippt mit dem Finger an den Kopf. Fünf Stunden Arbeit für 20 bis 22 Franken pro Tag. Geld für Zigaretten, Schoggi, was man so braucht. Kleine erkaufte Freiheiten.

Nirgendwo hat der Schlüssel mehr Symbolkraft als im Gefängnis.

Nirgendwo hat der Schlüssel mehr Symbolkraft als im Gefängnis.

Bild: Andrea Stalder

Wieder klicken die Schlüssel. Tür zu, Tür auf. Drei jüngere Männer sitzen um einen Tisch. Sie stecken Eisenstifte in weisse Plastikhülsen. Zack, zack, zack geht das, die Hülsen werfen sie in einen grauen Karton. Ein schmaler Mann mit dunklen Haaren trägt einen Rosenkranz um den Hals. Religiös sei er schon vor der Haft gewesen. Hier habe er gelernt, über seine Taten nachzudenken.

«Du bist auf dich selbst zurückgeworfen und konzentrierst dich auf dein Verhalten.»

Solange er in Freiheit war, habe er das nicht gemacht. Er kommt aus dem Thurgau, ist 26 Jahre alt und seit zwei Monaten hinter Gitter. Verurteilt wurde er unter anderem wegen Verstosses gegen das Betäubungsmittelgesetz und Waffenbesitz. Er habe die Lektion kapiert: «Kriminelle Sachen lohnen sich nicht.» Aussagen wie diese freuen Kogumtekin. Dann hat die Freiheitsstrafe ihr Ziel erreicht.

Heute wird mehr Wert auf Selbständigkeit gelegt

Neben dem Mann mit dem Rosenkranz sitzt ein anderer Thurgauer, 30 Jahre alt und seit knapp fünf Monaten in Haft. Auch er ist wegen Betäubungsmitteln auf die schiefe Bahn geraten. Vor sechs Jahren sass er schon einmal im Kantonalgefängnis. Seitdem habe sich einiges verbessert, fällt ihm auf. Früher seien die Inhaftierten stärker gegängelt worden. Heute dagegen werde mehr Wert auf Selbstständigkeit gelegt. «Das stärkt einen für die Zeit nach der Entlassung.»

Ein Häftling reinigt die Scheiben im Zellentrakt des Kantonalgefängnisses Frauenfeld.

Ein Häftling reinigt die Scheiben im Zellentrakt des Kantonalgefängnisses Frauenfeld.

Bild: Andrea Stalder

Im Flur schiebt ein dunkelhäutiger Mann einen Wagen beladen mit Plastikflaschen, Lappen, Besen und Wischmob vor sich her. Er gehört zum Putzteam. Der Zellentrakt wird von den Häftlingen selber gereinigt. Auch die Wäsche der Häftlinge und die Essenausgabe erfolgen hausintern. Die Mahlzeiten liefert die Küche des Kantonsspitals Frauenfeld. Allergiker, Muslime, Vegetarier und Veganer bekommen spezielle Menus. Kogumtekin erzählt:

«Es gibt Männer, die haben zum ersten Mal in ihrem Leben einen Besen in der Hand»

Andere müssten lernen, wie man eine Waschmaschine bedient. Putzen zählt innerhalb der Gefängnismauern zu den privilegierten Tätigkeiten. Ins Reinigungsteam wird nur berufen, wer vertrauenswürdig ist. Denn, wer putzt, kann sich innerhalb des Zellentraktes frei bewegen. Das gilt nur für die Zeit der Arbeit, dann drehen sich wieder die Schlüssel im Schloss. Vor Weihnachten muss die Leitung kreativ werden Manchmal sind nicht genug Aufträge da, um alle Inhaftierten zu beschäftigen. Vor Weihnachten und nach Neujahr ist so eine Saure-Gurken-Zeit. «Dann müssen wir kreativ werden», sagt Kogumtekin. Zeit für einen Grossputz zum Beispiel, oder um Zellen neu zu malen.

Manchmal hört Kogumtekin Kommentare wie: Ein Schweizer Gefängnis sei keine richtige Strafe, den Häftlingen würde es an nichts fehlen, sie hätten sogar Fernsehen. Er sieht das nicht so. Gefängnis sei fremdbestimmtes Leben. 24 Stunden lang. Und:

«Wir nehmen den Verurteilten das Wichtigste: die Freiheit.»

Strafrechts-Wissenschaftlerin: «Die Wirkung der Abschreckung ist nicht belegt»

Die Gesellschaft sollte ein Interesse daran haben, dass Straftäter im Gefängnis gut auf das Leben in Freiheit vorbereitet werden, sagt Rahel Manetsch (32), Strafrechtswissenschaftlerin an der Uni Bern.

Welchen Sinn haben Freiheitsstrafen?

Rahel Manetsch ist Strafrechts-Wissenschaftlerin.

Rahel Manetsch ist Strafrechts-Wissenschaftlerin.

Bild: PD

Rahel Manetsch: Bei der Bestrafung geht es zunächst um Vergeltung. Es soll ein gerechter Schuldausgleich hergestellt werden. Im Strafvollzug soll dann in erster Linie auf den Straftäter eingewirkt werden, damit er in Zukunft ein deliktfreies Leben führen kann.

Macht das Gefängnis aus Tätern bessere Menschen?

Was macht einen besseren Menschen aus? Kriminalität ist ein sehr komplexes Phänomen. Die Wirkung einer Freiheitsstrafe hängt von der persönlichen Situation des Menschen ab. Insbesondere von seinen persönlichen Ressourcen und seinem Umfeld. Man kann aber sagen, dass kürzere Freiheitsstrafen eher destabilisierend wirken. Vor allem, wenn der Täter dadurch Arbeitsstelle, Wohnung und vielleicht sein soziales Umfeld verliert. Deshalb sollten kurze Freiheitsstrafen möglichst nicht im Gefängnis vollzogen werden, sondern etwa als gemeinnützige Arbeit.

Sind längere Freiheitsstrafen besser?

Studien zeigen, dass eine positive Beeinflussung von Strafgefangenen erst nach einer bestimmten Vollzugsdauer einsetzt. Es kommt aber auch darauf an, wie der Vollzug ausgestaltet ist. Es ist vor allem auch wichtig, dass die verurteilte Person stufenweise auf die Entlassung vorbereitet wird. Es sollen Angebote bereitgestellt werden, um an den eigenen sozialen Kompetenzen zu arbeiten und sich mit der begangenen Tat auseinanderzusetzen.

Untersuchungshaft wird oft wegen der langen Isolation kritisiert.

Wenn die Isolation mehrere Monate dauert, ist das problematisch. Von Rechts wegen ist der Mensch noch nicht verurteilt, also gilt die Unschuldsvermutung. Klar muss man Flucht- und Verdunklungsgefahr berücksichtigen. Ich denke aber, dass die U-Haft oft strenger gehandhabt wird, als es nötig wäre. Man muss nicht immer alle Schotten dichtmachen. Wenn die Person nur aufgrund von Fluchtgefahr in U-Haft ist, gibt es keinen Grund, sämtliche Kontakte zu unterbinden.

Muss Strafe nicht Strafe bleiben?

Der Entzug der Freiheit ist die Strafe und nicht die Haftbedingungen.

Was ist mit der Abschreckung?

Eine Abschreckungswirkung der Freiheitsstrafe kann nach bisheriger Forschung nicht belegt werden. Die Abschreckungsthese beruht auf der Annahme, dass der Täter vor der Tat eine Art Kosten-Nutzen-Rechnung aufstellt. Ein Straftäter handelt selten so rational.

Möchte die Gesellschaft nicht härtere Strafen?

Wir sollten vor allem Interesse daran haben, dass die Täter nicht mehr straffällig werden und den Vollzug darauf ausrichten. Denn die meisten Gefangenen kommen irgendwann in Freiheit. Das ist also auch im Interesse unserer Sicherheit. (san)

Gefängnis-Seelsorger: «Ich kann Menschen nicht retten, aber ich kann ihnen zuhören»

Der katholische Diakon Matthias Loretan (66) arbeitet einen Nachmittag pro Woche als Seelsorger im Kantonalgefängnis Frauenfeld. Er will den Gefangenen helfen, sich neu zu erfinden.

Werden Menschen im Gefängnis religiös?

Matthias Loretan arbeitet als Gefängnisseelsorger in Frauenfeld.

Matthias Loretan arbeitet als Gefängnisseelsorger in Frauenfeld.

Bild: Donato Caspari

Matthias Loretan: In der Haft werden Menschen mit existenziellen Fragen auf drastische Art konfrontiert. Teile ihrer bisherigen Geschichten und Inszenierungen zerbrechen. Also gilt es, sich neu zu sammeln. In dieser verletzbaren Befindlichkeit kann der Glaube heilend wirken.

Wollen die Gefangenen mit Ihnen über religiöse Themen sprechen?

Zuerst einmal nicht. Das kommt erst später. Am Anfang der Gespräche stehen Empfindungen wie Scham vor dem Gesichtsverlust, Versuche, dem inneren Richter die eigene Unschuld zu beweisen, sich der Grossartigkeit der Taten zu rühmen oder um alltägliche Hafterleichterungen zu kämpfen.

Wie gehen Sie damit um?

Im Unterschied zur Untersuchungsbehörde muss ich Nichts aufdecken. Im Unterschied zum Richter muss ich nicht beurteilen, was dem Recht entspricht oder ethisch richtig wäre. Ich versuche, mit klugen Fragen die Untersuchungsgefangenen oder Straftäter so zu begleiten, dass sie für sich herausfinden, wer sie als Person nach einer schweren Tat sein können oder wollen. Im Geiste von Jesu unterscheide ich zwischen Täter und Tat. Ich kann Menschen nicht retten, aber ihnen zuhören.

Was ändert sich im Laufe der Haft?

In der Regel zerbricht mit der Haft ein vorher meist mühsam aufrechterhaltenes Selbstbild. Das seelsorgerische Gespräch bietet dem Häftling eine geschützte Bühne, auf der er neue Rollen ausprobieren kann.

Werden Ihnen auch Lügengeschichten aufgetischt?

Es ist nicht an mir als Seelsorger zu beurteilen, ob diese Geschichten wahr sind, sondern, ob sie das Gegenüber unterstützen, Scham zu überwinden, sich selbst zu achten und sich als würdige und wertvolle Person neu zu erfinden. Reue ist dabei eine hilfreiche Haltung, zum Beispiel um die verletzenden Folgen eines Gewaltdeliktes zu erkennen und Opfer soweit möglich um Vergebung zu bitten.

Mit welchen Sorgen kommen die Häftlinge zu Ihnen?

Meist geht es um Themen, die Gefangene aktuell besonders aufwühlen. Untersuchungshäftlinge zum Beispiel sind plötzlich aus ihrem Leben herausgerissen, dürfen je nach Verdunklungsgefahr nur noch stark eingeschränkten Kontakt zu Familie und Freunden haben und sind bis zu 23 Stunden am Tag allein. Sie wissen nicht, welche Strafe sie bekommen. In dieser Zeit geht es vor allem darum, ihnen Halt zu geben und ihre Ressourcen zu stärken.

Wo finden die Gespräche mit den Inhaftierten statt?

Während der eineinhalbstündigen Sozialzeit kann ich mich frei auf den Gängen und im Hof bewegen, wo sich auch die Gefangenen aufhalten. Ich kann dann mit ihnen Kontakt aufnehmen. Dabei kommt es auch zu Gesprächen mit Leuten, die sich nicht für ein Gespräch angemeldet haben.

Haben Sie keine Angst?

Nein, die Sozialzeit schafft eine gute Atmosphäre unter den Gefangenen. Der Umgang ist locker. Eine feindselige Haltung habe ich nie wahrgenommen.

Und die persönlichen Gespräche?

Die finden in den Zellen statt. Ein Betreuer bringt mich von Zelle zu Zelle und schliesst mich dort jeweils ein. Beim Betreten achte ich darauf, dass ich jetzt in den Privatbereich eines Menschen trete, in dem er Gastgeber ist. Bevor ich eintrete, frage ich, ob ich willkommen bin.

Kommt auch ein Imam ins Gefängnis?

Bisher gibt es nur Verträge mit den Landeskirchen. Weder ich noch mein evangelischer Kollege verstehen uns vereinnahmend konfessionalistisch. Es ist deshalb bisher zu keinen religiösen Abgrenzungsproblemen gekommen. Falls jemand explizit einen muslimischen Seelsorger wünscht, habe ich in Absprache mit der Gefängnisleitung Kontakte zu Imam Rehan Neziri geknüpft. (san)


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