«Wir verkaufen unsere Menüs neu durchs Fenster»: Was die Thurgauer Restaurants mit Vorräten an Lebensmitteln machen

Tiefgefroren in die Zwangspause: Viele Thurgauer Wirte und Küchenchefinnen machen ihre Vorräte haltbar. Doch es gibt auch andere Möglichkeiten.

David Grob
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Oliver Wenger vom «Oliver’s» in Amriswil friert ein, was sich einfrieren lässt.

Oliver Wenger vom «Oliver’s» in Amriswil friert ein, was sich einfrieren lässt.

Bild: Andrea Stalder

Salate, Sellerie, Süsskartoffeln: Die Auswahl an Gemüse an diesem Vormittag hier auf einem Festbank im Foyer des Eisenwerks in Frauenfeld ist farbenprächtig wie das Angebot eines Biobauern auf einem Wochenmarkt. Jens Renn steht hinter dem improvisierten Marktstand, so wie er normalerweise im Nebenraum hinter dem Tresen der «Eisenbeiz» steht, scherzt mit seinen Kunden wie er normalerweise mit seinen Restaurantgästen scherzt.

Nur: Normal ist seit gestern gar nichts mehr. Wie alle Restaurants in der Schweiz ist auch Renns «Eisenbeiz» seit Dienstag geschlossen. Einen Monat lang. Mindestens.

Die Schliessung zwingt die Wirte und Küchenchefinnen, Pächter und Geschäftsführerinnen im ganzen Thurgau nicht nur zu harten wirtschaftlichen Entscheidungen, sondern stellt sie genauso vor ein ganz konkretes Problem: Was mache ich mit all meinen Vorräten?

Loswerden, was man loswerden kann

Jens Renn hat sich zu einer eigenwilligen Lösung entschieden: Er verkauft Salate, Gemüse und Früchte zum Einkaufspreis an die Mieter der Genossenschaft Eisenwerk. Was er jetzt am Vormittag nicht verkauft, will er Alters- und Pflegeheimen spenden.

Der «Eisenbeiz»-Betreiber Jens Renn hinter seinem improvisierten Marktstand.

Der «Eisenbeiz»-Betreiber Jens Renn hinter seinem improvisierten Marktstand.

Bild: PD

Viele Restaurant setzen auf die offensichtlichste Lösung, was auch Renn bereits mit einem Teil seiner Vorräte gemacht hatte: einkochen und in den Gefrierraum. Jürg Seidel, Küchenchef im Restaurant Citadella in Frauenfeld, hat Gemüse geschnitten, vakuumiert, eingefroren. Gerade koche er eine Tomatensauce, die er anschliessend ebenfalls tiefkühlen will. Auch Oliver Wenger, Geschäftsinhaber und Küchenchef des Restaurants Oliver’s in Amriswil, friert ein, was sich einfrieren lässt.

Beide waren vorbereitet auf die drohende Schliessung, die sich mit den sich stetig verschärfenden Massnahmen abgezeichnet hatte. «Ich habe bereits vergangene Woche die Einkäufe reduziert», sagt Seidel. Wenger pflichtet ihm bei:

«Wir kaufen jeweils anfangs Woche ein. Deshalb haben wir keinen grossen Überschuss.»

Was nicht eingefroren werden kann, versuchen die beiden anderweitig loszuwerden. Seidel möchte eine Kiste Kopfsalate an seinen Nachbarn verteilen, Wenger bereits produzierte Salatsauce an Interessierte verkaufen. «Wir haben in den sozialen Medien einen Aufruf gestartet.»

Kurz haben beide über Take-Away-Verkäufe von Menüs nachgedacht. Für Seidel ist der Aufwand jedoch zu gross. Wenger will erst prüfen, ob überhaupt eine Nachfrage besteht.

Restaurants verwandeln sich in Imbissbuden

Andrew Hodgson vom Restaurant Krone in Lommis setzt bereits seit Montagabend auf Take-Away.

«Wir verkaufen unsere Menüs
neu durchs Fenster.»

Bereits am Freitag, als sich die Schliessung mit der Medienkonferenz des Bundes abzeichnete, habe man über einen Imbissbetrieb nachgedacht, sagt Hodgson. Die Bilanz nach dem ersten Mittag: 21 verkaufte Menüs. Hodgson ist zufrieden. «Um 11 Uhr hatten wir erst vier Bestellungen. Es lief deutlich besser als erwartet.» Die zwei Menüs seien jeweils auf der Homepage einsehbar, sagt Hodgson.

Nur: Darf ein Wirt einfach seine Restaurant überhaupt in eine Imbissbude umwandeln? Ja, heisst es beim kantonalen Amt für Wirtschaft. Wirtepatente würden auch das Betreiben eines Imbisses erlauben.

Das Umstellen auf die Verpflegung durchs Fenster ist für Hodgson eine schlichte Notwendigkeit. «Der Einschnitt ist gravierend. Was passiert, ist völlig ungewiss.» Dies sieht auch der Gastronomie-Verband Gastro Suisse so. «Die Umsatzeinbussen werden mehrere Milliarden betragen», heisst es in einem Communiqué. Bereits in der ersten März-Hälfte sei Umsatz im Gastgewerbe um einen Drittel eingebrochen. In Zahlen: 382,2 Millionen Franken. Schweizweit.

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