«Wir sind von einigen Bürgern ziemlich angezündet worden»: Berlingen sorgt in der Seeuferschutzzone für freie Sicht

Hecken am Berlinger Seeufer dürfen maximal 1,50 Meter hoch sein. Daran muss sich auch die Gemeinde halten, nachdem sich einige Bürger beschwert haben und der Kanton interverniert hat.

Rahel Haag
Drucken
Teilen
Gemeindepräsident Ueli Oswald und Gemeinderat Gerold Burger diskutieren die Höhe einer Hecke am Berlinger Ufer.

Gemeindepräsident Ueli Oswald und Gemeinderat Gerold Burger diskutieren die Höhe einer Hecke am Berlinger Ufer.

Bild: Donato Caspari

Es war eine 1,80 Meter hohe Steinmauer, die vor drei Jahren in Berlingen den sprichwörtlichen Stein ins Rollen gebracht hat. Diese habe ein Eigentümer einer Ferienliegenschaft mit direktem Seeanstoss ohne Baubewilligung erstellen lassen. Die Konsequenz: Vom Trottoir, das der Seestrasse entlang verläuft, sah man nicht mehr auf den Untersee. «Daraufhin ist die Gemeinde aktiv geworden», sagt Gemeindepräsident Ueli Oswald, «und hat ein nachträgliches Baugesuch eingefordert.»

Da die Mauer in der sogenannten Seeuferschutzzone erstellt worden war, musste sich das Amt für Raumentwicklung des Kantons Thurgau dieser Sache annehmen. Denn: In der Seeuferschutzzone darf generell gar nicht gebaut werden.

Bei der gemeinsamen Begehung gab es für die Gemeindevertreter dann aber eine Überraschung. Oswald gesteht:

Ueli Oswald, Gemeindepräsident Berlingen.

Ueli Oswald, Gemeindepräsident Berlingen.

Bild: Donato Caspari
«Es wurde uns gesagt, dass viele Hecken dem Seeufer entlang zu hoch seien.»

Manche seien über zwei Meter hoch gewesen. Teil des Zonenzwecks ist eine uneingeschränkte Seesicht, welche durch den Schnitt der Hecken auf maximal 1,50 Meter zu gewährleisten ist.

Kritik an Gemeinde: Gesetz nicht durchgesetzt

Es lief noch viel Wasser den Untersee hinunter, bis man der Steinmauer und den Hecken schliesslich zu Leibe rückte. «Der Entscheid des Kantons lag Ende 2019 vor», sagt der zuständige Gemeinderat Gerold Burger. Zurückgebaut wurde die Mauer diesen Sommer. Als Ersatz wurde ein niedrigerer Metallzaun erstellt und eine Buchenhecke gepflanzt. Noch sind die Pflänzchen klein. «Wir sind von einigen Bürgern ziemlich angezündet worden», sagt Oswald, «weil wir das Gesetz zwar erlassen, aber jahrelang nicht durchgesetzt haben.»

Das habe sich nun geändert. Künftig würden die Anstösser angeschrieben und darauf aufmerksam gemacht, dass sie ihre Hecken zurückschneiden müssen. Und was geschieht, wenn jemand sein Gewächs dennoch wuchern lässt? Eine Busse gibt es jedenfalls nicht. Oswald sagt:

«Wir sind nicht so fürs Büssen.»

Stattdessen suche und finde man mit den Betroffenen eine Lösung. Das sei auch im Fall der Steinmauer so gewesen. «Es war ja keine böse Absicht», sagt Burger. Dass auf der einen Strassenseite andere Regeln gälten als auf der andern, sei ja auch speziell. «Zudem wird die Gemeinde in Zukunft nicht mit dem Massstab die Hecken nachmessen», verspricht Oswald.

Einfluss auf Privatsphäre bei der Badi

Es sei ohnehin eine heikle Angelegenheit, fügt er hinzu. Schliesslich greife die Gemeinde mit der Anordnung in die Privatsphäre ihrer Bürger ein. Einfluss auf die Privatsphäre hatte die Umsetzung des Gesetzes im weitesten Sinne auch bei der Badi Berlingen. «Hier waren die Hecken wirklich hoch», gibt Oswald zu.

Die Thuja-Pflanzen, die zuvor jahrelang einen zuverlässigen Sichtschutz dargestellt hatten, sind unterdessen verschwunden. Auch hier stehen neu kleine Buchenpflänzchen. «Die Gemeinde ist in dieser Sache aber gerne mit gutem Beispiel vorangegangen.» Oswald schmunzelt. Darüber hinaus habe man die Gelegenheit genutzt, um der Artenvielfalt zuliebe auf einheimische Pflanzen umzustellen.