«Wir sind entsetzt»: Flickenteppich bei Kanti-Abschlussprüfung – jetzt fordern Thurgauer Mittelschüler gleich lange Spiesse für alle

Thurgauer Kantischüler gelangen mit einem Schreiben an Erziehungsdirektorin Monika Knill und an den Bundesrat. Sie zeigen sich entsetzt darüber, dass es jeder Kanton anders machen kann. Sie fordern: Alle oder niemand.

Sebastian Keller
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Geht es nach den Thurgauer Bildungsverantwortlichen sollen auch heuer Abschlussprüfungen stattfinden.

Geht es nach den Thurgauer Bildungsverantwortlichen sollen auch heuer Abschlussprüfungen stattfinden.

Bild: Nana Do Carmo

Freitagvormittag. Kantonsschüler Max Slongo sitzt vor seinem Laptop in Uttwil. Er löst eine digitale Prüfung im Fach Volkswirtschaft. Es geht um Fragen, welche Handlungsmöglichkeiten die Schweizerische Nationalbank in der Coronakrise hat. «Es lief nicht schlecht», sagt er danach.

Sorgen bereitet ihm nicht das Abschneiden in dieser Prüfung. Vielmehr beschäftigt ihn ein Entscheid des kantonalen Departementes für Erziehung und Kultur (DEK): Schriftliche wie mündliche Abschlussprüfungen an Thurgauer Mittelschulen finden ab dem 8. Juni statt, vermeldete das DEK am Donnerstag.

Ein föderalistischer Flickenteppich

Max Slongo, Präsident der Schülerorganisation der Kanti Romanshorn.

Max Slongo, Präsident der Schülerorganisation der Kanti Romanshorn.

Bild: PD

«Wir sind entsetzt, dass es jeder Kanton anders machen kann», sagt Max Slongo. Der 19-jährige Kantonsschüler präsidiert die Schülerorganisation der Kanti Romanshorn. Nach dem Entscheid aus Frauenfeld schlossen sich die Schülervertretungen aller Thurgauer Kantis kurz. Die Sonne hatte sich schon verabschiedet, da liefen die Diskussionen noch heiss.

Slongo: «Nun sieht es danach aus, dass in Zürich und Bern die Mittelschüler den gleichen Abschluss bekommen wie wir, aber dafür keine Abschlussprüfung ablegen müssen.» Dieser föderale Flickenteppich fusst auf einer Forderung der Erziehungsdirektorenkonferenz: Auf mündliche Prüfung soll verzichtet werden; zudem sollen Kantone die Möglichkeit haben, auch auf schriftliche Prüfungen zu verzichten.

«Dem Bundesrat soll beantragt werden, dies im Rahmen des Notrechts zu regeln», heisst es in einem Schreiben der Konferenz von Anfang Woche. Doch der Thurgau will auch im Coronajahr an den Prüfungen festhalten, auch St.Gallen plant in diese Richtung.

Die vereinten Thurgauer Schülerorganisationen haben nun einen Brief verfasst. Es richtet sich an die Thurgauer Erziehungsdirektorin Monika Knill, aber auch an den Bundesrat. «Wir fordern, dass man eine schweizweite Lösung findet», betont Max Slongo. Bei den Lehrabschlussprüfungen habe man es auch geschafft, bei der Berufsmaturität entscheide ohnehin der Bund.

«Wenn, sollen alle die Prüfungen machen müssen», fordert Slongo. Stichwort Chancengleichheit. Sonst sitzen künftig in Hörsälen der Uni Zürich Studenten nebeneinander – die einen mit, die anderen ohne Abschlussprüfung. «Eine komische Vorstellung», findet der Oberthurgauer Kantonsschüler. Er betont:

«Niemand von uns will eine geschenkte Matura.»

Ähnlich sieht es Dimitri Eilinger, Präsident der Schülerorganisation der Kanti Frauenfeld. Auf Anfrage schreibt er: «Schliesst der ganze Jahrgang schweizweit mit Erfahrungsnoten ab oder wird auf eine andere Art und Weise geprüft, starten alle gleich in die Tertiärstufe, ohne dass jemand mehr dafür leisten musste als der andere.»

Abschlussprüfung ist nur ein Teil der Note

Die Abschlussprüfungen sind ohnehin nur ein Puzzlestein im Maturazeugnis. Slongo, Kantischüler aus Uttwil, rechnet vor: In seinem Fall gebe es 14 promotionsrelevante Fächer. Und nur in fünf davon sind Abschlussprüfungen vorgesehen, die nur die Hälfte zählen.

«Da machen die Abschlussprüfungen vielleicht 20 Prozent aus.»

Erschwerend komme hinzu, dass die Unklarheit lange Wochen gedauert habe. Dimitri Eilinger schreibt: Die seit Wochen andauernde Unklarheit mache den meisten zu schaffen. Und sie bestehe noch immer. «Vorbehältlich anderer Entscheide des Bundesrates», heisst es selbst in der DEK-Mitteilung von Donnerstag. Damit verrinne wertvolle Lernzeit. Bis zum finalen Entscheid lernen die meisten wohl ohnehin mit angezogener Handbremse.

Slongo ist nicht alleine: Von rund 100 Schülern in den Romanshorner Abschlussklassen wollen nur eine Handvoll die Forderung nicht unterschreiben. Ähnlich tönt es aus Frauenfeld. Dimitri Eilinger, Präsident der Schülerorganisation, schreibt: «Von den Schülerinnen und Schülern höre ich, dass der Beschluss des DEK nicht begrüsst wird.»

Schüler hoffen auf den Bundesrat

Es war Freitag, 13. März, an dem Max Slongo letztmals den Präsenzunterricht an der Kanti Romanshorn besucht hatte. Heute sagt er: Der Fernunterricht klappe «relativ gut».

«Die Lehrpersonen machen guten Job.»

Aber man bekomme nicht gleich viel mit. Er illustriert es mit einem Beispiel: Am Montag stehen bei ihm neun Lektionen auf dem digitalen Stundenplan. Nach drei Lektionen am Laptop schwinde aber die Konzentration.

Eilinger schreibt dazu: Die Vermittlung des Stoffes sei auf einen Schlag komplett anders geworden. «Der direkte Austausch ist weg.» Slongo fügt an, dass man wegen der speziellen Situation beim Stoff noch nicht soweit sei, wie geplant. Die Schülerorganisationen hoffen auf den Bundesrat. Und den Dialog. «Wir sind gerne bereit, mit Frau Knill ins Gespräch zu kommen.»