Thurgauer Denkmalpflege im politischen Gegenwind – Ruedi Elser räumt mit Vorurteilen auf

Ruedi Elser, Leiter der Denkmalpflege Thurgau, sieht sich als Vermittler. Er wehrt sich gegen den Vorwurf, sein Amt verhindere den Fortschritt.

Dieter Langhart
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Denkmalpfleger Ruedi Elser begutachtet den Fortschritt einer Hausrenovation.

Denkmalpfleger Ruedi Elser begutachtet den Fortschritt einer Hausrenovation.

Bild: Donato Caspari

Alte Häuser sind wie alte Menschen: Sie haben eine Geschichte, sie sind charmant, sie brauchen Fürsorge. Wie aber kommt ein altes Haus dazu, geschützt zu werden. Und wenn ja, wie und vor wem? Wer ist wofür zuständig? Wir haben uns mit Ruedi Elser unterhalten, dem kantonalen Denkmalpfleger. Er erklärt uns, was sein Amt tut und was es nicht tut. Und er räumt mit dem Vorurteil auf, es sei eine Fortschrittsverhinderin.

Drei Monate, nachdem die Motion «Für einen Denkmalschutz mit Augenmass» für erheblich erklärt worden ist, tun er und seine Mitarbeiter weiter ihre Arbeit. Ruedi Elser war erstaunt über die Forderung, dass nur noch das Äussere eines alten Hauses schützenswert sein soll.

«Der Grosse Rat ist die Stimme des Volkes, und wir nehmen sie ernst.»

Elser ist aber überzeugt, dass der Regierungsrat das Gesetz zum Schutz und zur Pflege der Natur und der Heimat (NHG) nicht aushöhlen wird.

Externes Fachwissen ist unabdingbar

Er widerspricht einer gängigen Ansicht: Nicht die Denkmalpflege entscheidet, was schützenswert ist, sondern die Gemeinde. Die Regierung anerkennt die «wichtige beratende Funktion» der Denkmalpflege; die Gemeinden sind verpflichtet, die Erhaltungs- oder Schutzwürdigkeit eines Objektes so anzuordnen, dass sie «auf einer sachlichen, auf wissenschaftlichen Kriterien abgestützten Gesamtbetrachtung» beruhe. Dazu liefert das Inventar der Denkmalpflege eine wichtige Grundlage.

Ruedi Elser betont, dass die Interessensabwägung breit abgestützt sein müsse und nicht allein auf Fachwissen beruhen könne. «Wir müssen gut zuhören und uns immer wieder erklären – aber nicht wie Oberlehrer. Die Leute müssen verstehen, worum es geht.» Auch die Medien könnten zu erklären helfen: «das Wesentliche und nicht die Details, die für uns wichtig sind». Recht und Vorschriften werden immer komplexer, externes Fachwissen muss also angezapft werden.

Ruedi Elser weiss, wovon er spricht und worum es geht: Er hat dreissig Jahre als Architekt in Wil gearbeitet und sich auf historische Bauten spezialisiert. In der kantonalen Denkmalpflege arbeitet er seit zwölf Jahren (sechs als Leiter). Im Amt arbeiten auch Kunsthistoriker – eine ideale Ergänzung beim Fachwissen.

Stellt die Gemeinde eine Liegenschaft unter Schutz, bekommt der Bauherr rund ein Viertel der denkmalpflegerisch begründeten Mehrkosten für Renovationsarbeiten durch die Gemeinde und den Kanton vergütet. Der Thurgau hat in den letzten Jahren die dafür vorgesehenen Mittel leicht erhöht. Elser sagt:

«Das sind sinnvolle Investitionen,
die dem Bürger und dem lokalen Handwerk zugute kommen.»

Was, wenn unvorhersehbare Kosten anfallen oder sehr aufwendige Massnahmen nötig werden, etwa die Restauration einer Stuckdecke? «Dann wird nicht der Bauherr gestraft, sondern mehr Geld gesprochen für den Mehraufwand, bis zu 50 Prozent.» Die Gemeinde darf wie der Private auf finanzielle Unterstützung hoffen. Bei besonders wertvollen Gebäuden wie den Rathäusern Frauenfeld und Weinfelden oder dem Wasserschloss Hagenwil kann es zusätzlich Bundesbeiträge aus einer Leistungsvereinbarung geben.

Der Thurgauer Weg: Miteinander reden

Und was ist mit Schlössern, die leer stehen oder nicht unterhalten werden und bei der Bevölkerung Kopfschütteln hervorrufen? «Nach dem Natur- und Heimatschutzgesetz können auch Schlossherren unterstützt werden. Aber Geld wird erst überwiesen, wenn das Vereinbarte ausgeführt ist.»

Ruedi Elser nennt es den «Thurgauer Weg: Wir reden miteinander und räumen Missverständnisse aus.» Der Regierungsrat hat im September in seiner Antwort auf die Motion Strupler/Schmid festgehalten: «In vielen Fällen macht erst das Zusammenwirken von äusseren und inneren Elementen die Denkmalqualität eines Objektes aus.» Ruedi Elser sagt klar: «Auch innen muss die Schutzwürdigkeit nachgewiesen sein.»

Die Thurgauer Denkmalpflege soll draussen bleiben

Im Thurgau soll sich der Denkmalschutz künftig in der Regel auf das Äussere eines Gebäudes beschränken. Der Grosse Rat hat eine entsprechende Motion mit 80 gegen 28 Stimmen erheblich erklärt.
Christian Kamm