Interview
«Wir müssen frecher werden»: Der Thurgauer FDP-Präsident David H. Bon über die Lehren, die seine Partei aus der Wahlniederlage im Herbst gezogen hat

Das Trauma der FDP Thurgau ist bereits zwei Monate alt: Ende Oktober hat die Partei in den eidgenössischen Wahlen ihren einzigen Sitz verloren.

Christian Kamm
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Der Verzicht auf eine FDP-Ständeratskandidatur war ein Fehler, sagt Parteipräsident David H. Bon.

Der Verzicht auf eine FDP-Ständeratskandidatur war ein Fehler, sagt Parteipräsident David H. Bon.

(Bild: Donato Caspari)

Seit der Abwahl von FDP-Nationalrat Hansjörg Brunner sind rund zwei Monate vergangen. Schmerzt die Niederlage immer noch?

Natürlich. Denn die FDP Thurgau hätte eigentlich Anspruch auf einen Nationalratssitz. Deshalb können wir die Nichtwiederwahl von Hansjörg Brunner auch nicht auf die leichte Schulter nehmen. Andererseits arbeiten wir in der Partei sehr positiv weiter. Und auch Hansjörg Brunner will aktiv bleiben und hat weiter Interesse am politischen Geschehen. Es gibt bei uns eine Jetzt-erst-recht-Stimmung.

Weiss die FDP heute, was damals falsch gelaufen ist?

Wir haben eine Analyse der Wählerströme machen lassen und wissen nun: Von der SVP hatten wir zwar einen gewissen Zustrom, konnten andererseits aber sehr viele Leute nicht mobilisieren. Eine sehr kleine Zuwanderung gab es auch von der GLP, umgekehrt haben wir an die Grünen verloren. Bei den grünen Themen waren wir thematisch zu spät dran, dann wird lieber das Original gewählt.

Stichwort Mobilisierung: Die FDP hat auf eine Ständeratskandidatur verzichtet. Ein Fehler?

Eine solche Kandidatur bringt zusätzliche Präsenz. Und eine selbstbewusste FDP muss eigentlich in einem solchen Moment parat sein. Andererseits gibt es den Sitzanspruch der SVP. Da muss man sich als bürgerlicher Partner sehr gut überlegen, was man tut. Hansjörg Brunner wollte nicht gleichzeitig für den Ständerat kandidieren. Vielleicht war diese Bescheidenheit im Rückblick ein Fehler, denn das hätte sicher einen positiven Effekt gehabt. Wir müssen pointierter, selbstbewusster und frecher werden.

Vor vier Jahren hat die FDP ihren Bezirksparteien bei den Grossratswahlen Listenverbindungen mit der SVP empfohlen. Diesmal nicht. Ist das schon das neue Selbstbewusstsein?

Ich denke sowieso offen und frei und würde mich hüten, hier eine Doktrin zu verkünden. Wir arbeiten kantonal mit der SVP in vielen Themen sehr gut zusammen, aber lokal geht es an gewissen Orten nicht auf. Deshalb war für uns klar, dass wir die Frage der Listenverbindung offen lassen. Es bringt auch nichts, nur Wasserträger zu sein. In gewissen Bezirken könnte das passieren. Dann ist man lieber allein.

Wird die FDP parteipolitisch offener agieren? Liegt auch einmal ein Zusammenspannen mit den Grünen drin?

Das schliesse ich persönlich überhaupt nicht aus. Ich bin zum Beispiel ein grosser Befürworter der kantonalen Biodiversitätsinitiative. Dort ist die FDP ja dabei. Allerdings: Die Grünen machen sehr oft eine dezidiert linke Politik, zum Teil linker als die SP. Bei den Umweltthemen gäbe es aber sehr wohl Überschneidungen.

Wenig Gemeinsamkeiten gibt es überraschenderweise mit den Grünliberalen, die der FDP doch finanz- oder sozialpolitisch nahestehen müssten. Liegt das an der GLP oder der FDP?

Teilweise stehen wir uns sehr nahe. Dann aber tendiert die GLP wieder nach links − wie jetzt gerade bei der Regulierungsbremse. Und auch national erleben wir diese Partei oft nicht als liberal. Wir wünschen uns eine bessere Zusammenarbeit. Es gibt Exponenten, die könnten genau so gut bei der FDP sein − zum Beispiel Unternehmer wie Reto Ammann oder Ueli Fisch. Die haben in vielen Punkten eine sehr liberale Haltung. Ueli Fischs Politik bestand allerdings jahrelang darin, auf die FDP, vor allem unseren Regierungsrat, einzuschlagen, um an den FDP-Regierungssitz heranzukommen. Dann wird es natürlich schwierig.

In der FDP ist schon länger eine inhaltliche Verengung zu beobachten. Vor allem Gewerbepolitik ist Trumpf.

Wenn der kantonale Gewerbeverbandspräsident auch FDP-Nationalrat ist, liegt das nahe. Darüber hinaus haben wir eine traditionelle Verbindung zum Gewerbe. Ich finde das positiv, weil dieser Bereich ansonsten von der SVP dominiert wird. Die FDP Thurgau ist keine Banken-Partei. In unserer Fraktion sitzen auch Kleingewerbler. Die müssen jeden Tag bodenständig arbeiten und ihre Brötchen verdienen. Umgekehrt haben wir in vielen anderen gesellschaftlichen Gruppen Unterstützer und die wollen sich nicht zweitklassig fühlen, beispielsweise in der Verwaltung.

Auch in der Thurgauer Bevölkerung gibt es liberale und offene Menschen. Da müsste sich die FDP doch profilieren können.

Absolut. Diese Themen haben wir zu wenig aktiv bewirtschaftet. Menschen, die Verantwortung übernehmen im Leben und gestalten wollen, egal auf welcher Stufe, die sind sehr schnell sehr nahe bei uns. Die müssen wir abholen.

Und hier wollen Sie in Zukunft mehr tun?

So ist es. Wir sind nahe dran am Gewerbe und sind stolz darauf. Aber wir müssen auch Nicht-Gewerbler klarer abholen und für sie ein Programm haben. Ich bin ja auch kein Gewerbler und habe keine Lust darauf, immer wieder zu hören, dass es für die FDP nur das Gewerbe gebe.

Nach der Wahl ist vor der Wahl: Schon in drei Monaten finden die Thurgauer Parlaments- und Regierungsratswahlen statt. Wie lautet das Wahlziel der FDP?

In erster Linie, unsere 20 Sitze im Grossen Rat zu halten. Das Potenzial ist vorhanden. Und im Idealfall könnten wir sogar ein bis zwei Mandate zulegen. Das ist nicht vermessen. Denn vor vier Jahren haben wir aus reinem Proporzpech zwei Sitze nicht gemacht. Die Stimmung ist gut und wir arbeiten intern sehr motiviert. Aber wie gesagt: Ein Zugewinn wäre der Idealfall. Wir kennen alle das Resultat der Nationalratswahlen.

FDP-Regierungsrat Walter Schönholzer stand im Mittelpunkt eines Tierschutzskandals. Da könnte im Wahlkampf voll auf den Mann gespielt werden.

Walter Schönholzer hat diese Situation bei seinem Amtsantritt so übernommen und angepackt. Er hat Verantwortung übernommen, Führungsstärke bewiesen und den Stier bei den Hörnern gepackt. Eine Exekutive soll entscheiden und nicht zu lange warten, wie das hier in der Vergangenheit geschehen ist. Schönholzer hat sich bewährt. Wir haben jetzt eine Tierschutzverordnung, die teilweise schärfer ist als in andern Kantonen. Ich hoffe, dass das die Bürgerinnen und Bürger schätzen. Zu beschönigen gibt es aber nichts. Der Fall Hefenhofen hat uns auch intern unglaublich beschäftigt. Das hat hohe Wellen geworfen und ist den Menschen sehr nahe gegangen.

Keine Nervosität wegen Tierschutzaktivisten?

Ausschliessen kann man solche Fälle nie. Wir sind alles Menschen. Sie können ja auch nie sagen: Jetzt haben wir alle Verbrecher dingfest gemacht und nun ist für 100 Jahre Ruhe. Zentral ist, dass das System Tierschutz funktioniert. Und wenn es zu Verstössen kommt, erwarte ich von Walter Schönholzer, dass er den Nagel einschlägt.

Läuft’s einer Partei nicht rund, stellt sich auch die Personalfrage. Wo sind die jungen Talente, die der FDP Thurgau auf die Sprünge helfen können?

Gabriel Macedo in Amriswil, Philipp Gemperle in Romanshorn, Nadja Stricker in Münchwilen, Martina Pfiffner oder Roman Pulfer − das sind keine 20-Jährigen, aber alles sehr vielversprechende Leute.

Und Sie selbst? Hat David Bon nach den Wahlen genug vom FDP-Präsidium?

Ich mache diese Aufgabe sehr gern und habe als FDP-Präsident auch schon einige Schwerpunkte setzen können: Junge reinbringen, offener und partizipativer planen oder die Frauenförderung. Aber es ist harte Knochenarbeit. Wie es weiter geht, entscheide ich auf den Frühling hin.

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