«Wir müssen die Frauen schützen»: Zu Besuch bei einer Wohngruppe im Thurgau für Frauen mit Essstörungen

In der Schweiz sind 3,5 Prozent der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens von einer Essstörung betroffen. In Kaltenbach existiert seit fünf Jahren ein therapeutisches Wohnangebot für Frauen mit Essstörungen. «Bei uns können sie zur Ruhe kommen», sagt Leiterin Eva Naroska.

Rahel Haag
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Die Liegenschaft von aussen: Sie diente früher als Hotel.

Die Liegenschaft von aussen: Sie diente früher als Hotel.

(Bild: Andrea Stalder)

Der Nebel hängt tief, es ist kalt. In der Ferne tuckert ein Traktor vorbei. Sonst ist es still in Kaltenbach bei Wagenhausen. In der grossen Liegenschaft – dem ehemaligen Hotel Schäferhüsli – eröffnete die Diakonie Bethanien vor fünf Jahren «Power2be Bethanien», ein therapeutisches Wohnangebot für Frauen mit Essstörungen.

Es ist kein Zufall, dass die Einrichtung eher abgelegen liegt.

«Wir suchten damals eine Immobilie, die einigermassen anonym ist»
Eva Naroska, Leiterin der Wohngruppe.

Eva Naroska, Leiterin der Wohngruppe.

(Bild: Andrea Stalder)

sagt Eva Naroska. Sie arbeitet seit gut sechs Jahren für die Diakonie Bethanien und war am Aufbau des Angebots in Kaltenbach beteiligt.

«Wir haben hier keinen Kiosk oder Ähnliches in der Nähe»

sagt die 40-Jährige. Das sei wichtig, denn manch eine Bewohnerin habe mit Essanfällen zu kämpfen. «Wir müssen die Frauen schützen.»

Im grossen Aufenthaltsraum gehen die Bewohnerinnen ihren Hobbys nach.

Im grossen Aufenthaltsraum gehen die Bewohnerinnen ihren Hobbys nach.

(Bild: Andrea Stalder)

Struktur ist für die Frauen besonders wichtig

Aktuell leben hier zehn Frauen. Sie gehen zur Schule, absolvieren ein Studium oder üben ihren Beruf aus. Das Konzept von «Power2be Bethanien» ermöglicht ihnen einen geregelten Alltag.

«Auf diese Weise müssen sie nicht ihr ganzes Umfeld über ihre Krankheit informieren»

sagt Naroska. Erst ab 16 Uhr werden die Frauen in der Wohngruppe betreut, bis am nächsten Morgen um neun. «Unser Ziel ist es, dass die Bewohnerinnen ihre normale Tagesstruktur aufrechterhalten können», sagt Naroska. Denn gerade Struktur sei für sie besonders wichtig.

In ihrer Freizeit spielen die Bewohnerinnen Klavier oder machen Puzzles.

In ihrer Freizeit spielen die Bewohnerinnen Klavier oder machen Puzzles.

(Bild: Andrea Stalder)

Die Frauen sind zwischen 16 und 60 Jahre alt. Trotz des teilweise grossen Altersunterschieds funktioniere das Zusammenleben gut. Die Toleranz sei gross. Naroska sagt:

«Zudem haben sie meist ähnliche Probleme, sie gleichen Emotionen aus, indem sie essen oder eben nicht essen.»

Dabei spiele die Art der Essstörung – egal ob Anorexie (Magersucht), Bulimie (Ess-Brechsucht) oder Adipositas (Esssucht) – keine Rolle.

Drei Formen von Essstörungen

In der Schweiz sind gemäss Bundesamt für Statistik 3,5 Prozent der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens von einer Essstörung betroffen. Grundsätzlich zeigt sie sich anhand einer krankhaften Beschäftigung mit der Ernährung und eines auffälligen Essverhaltens. Es gibt verschiedene Formen von Essstörungen:

  • Anorexie (Magersucht): Die Betroffenen essen nur sehr wenig. Unter Umständen ergreifen sie weitere Massnahmen zur Gewichtsreduktion.
  • Bulimie (Ess-Brech-Sucht): Die Betroffenen leiden unter wiederholten Essanfällen, gefolgt von Erbrechen.
  • Adipositas/Binge-Eating-Störung (Esssucht): Die Betroffenen leiden unter wiederholten Essanfällen, wobei ein Anfall durch Kontrollverlust während des ­Essens gekennzeichnet ist. «To binge» bedeutet im Englischen «sich vollstopfen».

Oftmals leiden die Frauen nebst der Essstörung an weiteren Erkrankungen, etwa einer Depression oder einer Borderline-Störung. «Deshalb besuchen die Frauen zusätzlich extern eine Therapie.» In Kaltenbach führen sie einmal in der Woche ein persönliches Gespräch mit ihrer Bezugsperson.

«Dort steht die Frage, wie es ihnen geht, im Zentrum.»
Im Therapieraum finden die Gespräche mit den Bezugspersonen statt.

Im Therapieraum finden die Gespräche mit den Bezugspersonen statt.

(Bild: Andrea Stalder)

Die Frauen kommen alle freiwillig, das ist bei «Power2be Bethanien» Voraussetzung. Auch wie lange sie bleiben, bestimmen sie selber. «Manche bleiben bis zu zwei Jahre bei uns», sagt Naroska.

Nebst der Gewichtskontrolle sei es wichtig, dass die Frauen während ihres Aufenthalts lernen, mit Konflikten umzugehen.

«Im Allgemeinen sind sie sehr unsicher.»

Sie hätten ein negatives Selbstwertgefühl und würden sich Auseinandersetzungen oder schwierigen Themen entziehen. «In der Gemeinschaft lernen sie, Probleme anzusprechen und sich Konfrontationen zu stellen.»

Einmal in der Woche müssen die Bewohnerinnen auf die Waage.

Einmal in der Woche müssen die Bewohnerinnen auf die Waage.

(Bild: Andrea Stalder)

Zu Tisch wird nicht über das Essen gesprochen

Das Abendessen bereiten die Frauen gemeinsam zu. Was das Kochen betrifft, seien die Unterschiede zuweilen gross.

«Die einen wissen beispielsweise kaum, wie man ein Stück Fleisch anbrät, andere haben immer für die eigene Familie gekocht – jedoch selber nicht mitgegessen»

sagt Naroska. Mit dieser Ausgangslage seien ganz alltagspraktische Dinge gefragt, beispielsweise wie gross eine Portion überhaupt sein soll. «Manche können am Anfang gar nicht abschätzen, was sie brauchen.» Ihnen werde dann geschöpft, bis sie es selber im Gefühl hätten.

Ein Blick in die Küche: Hier bereiten die Frauen das Abendessen zu.

Ein Blick in die Küche: Hier bereiten die Frauen das Abendessen zu.

(Bild: Andrea Stalder)

Eine wichtige Grundregel lautet: Zu Tisch wird nicht über das Essen gesprochen. Sie solle zu einer entspannten Stimmung während der Mahlzeiten beitragen. «Der Zeitraum nach einer Mahlzeit ist für Frauen mit Essstörungen in der Regel schwierig», sagt Naroska. Dem begegne man unter anderem mit individuellen Nachbesprechungen des Essens.

Zu Tisch wird nicht über das Essen gesprochen, lautet die Grundregel.

Zu Tisch wird nicht über das Essen gesprochen, lautet die Grundregel.

(Bild: Andrea Stalder)

Ein weiterer Fixpunkt sei der wöchentliche Einkauf. «Auch das müssen die Frauen wieder lernen.» Gerade am Anfang gebe es viele, die es gar nicht schafften, sich etwas zu kaufen oder sich an die Vorgabe des Einkaufszettels zu halten. Es sei eine Art Herantasten.

Einige selbstgestrickte Tiere säumen die Rückenlehne des Sofas.

Einige selbstgestrickte Tiere säumen die Rückenlehne des Sofas.

(Bild: Andrea Stalder)

«Unsere Bewohnerinnen sind kreativ», sagt Naroska. Dies wird beim Rundgang durch das grosse und verwinkelte Haus sichtbar. Im grossen Aufenthaltsraum stehen ein Klavier und eine Gitarre, die Rückenlehne des Sofas im Wohnzimmer säumen kleine selbst gestrickte Tiere. Hier in Kaltenbach würden viele wieder ihre alten Hobbys und Leidenschaften entdecken.

«Bei uns können sie zur Ruhe kommen.»

Diakonie Bethanien ist in fünf Bereichen tätig

Die Diakonie Bethanien ist ein gemeinnütziger Verein mit Hauptsitz in Zürich, der seit über hundert Jahren die Betreuung von Menschen ins Zentrum stellt. Heute sind rund 350 Mitarbeitende in folgenden fünf Bereichen tätig:

  • Alterspflege und -wohnen
  • Gastronomie
  • Kindertagesstätten
  • Schutz für Mutter und Kind
  • Therapeutisches Wohnen für Menschen mit Essstörungen

In den meisten Betrieben werden Lernende ausgebildet. Die Vereinsmitglieder setzen sich aus Diakonissen, ab 1990 zusätzlich aus diakonischen Mitgliedern und seit 2002 auch aus engagierten, der Diakonie Bethanien nahe stehenden Privatpersonen zusammen. «Gemeinsam verfolgt der Verein das Ziel, sozialdiakonische Projekte zu fördern und entsprechende Institutionen zu führen», heisst es auf der Website. (red)

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