«Wir müssen auf rechtliche Grundlagen der Behörden warten»: Open Airs St.Gallen und Frauenfeld erteilen vorerst keine Absagen

Die Veranstalter in St.Gallen und Frauenfeld sagen ihre Open Airs bisher nicht ab. Lieferanten und Ticketinhaber bleiben vorerst im luftleeren Raum zurück. Es geht um juristische Fragen und um viel Geld.

Samuel Koch
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Zehntausende Zuschauer strömen jeden Sommer ans Open Air St.Gallen (links) und ans Open Air Frauenfeld (recht).

Zehntausende Zuschauer strömen jeden Sommer ans Open Air St.Gallen (links) und ans Open Air Frauenfeld (recht).

(Bild: Michel Canonica/
Andrea Stalder, 2019

Weder schwarz noch weiss. Der Bundesrat hat die Veranstalter von Schweizer Festivals mit seinen am Donnerstag verkündeten Lockerungen vor unvollendete Tatsachen gestellt. Der Bundesrat lässt bisher offen, ob in der Schweiz im Sommer Grossanlässe über die Bühne gehen können. Bisher steht nämlich lediglich fest, dass das Versammlungsverbot ab dem 8. Juni gelockert werden soll.

Ob also in diesen Sommer zigtausend Besucherinnen und Besucher an Festivals strömen, steht nach wie vor in den Sternen. Trotzdem haben erste Organisatoren von Grossanlässen die Notbremse gezogen. Das Paleo Festival in Nyon von Ende Juli: Abgesagt. Das Rock the Ring in Hinwil Mitte Juni: Fällt ins Wasser. Das Jazz Festival in Montreux im Juli: Ebenso wegen Corona abgesagt. Da stellt sich unweigerlich die Frage, wie es um die beiden grossen Festivals in der Ostschweiz steht: Dem Open Air St.Gallen (25. bis 28. Juni) und dem Open Air Frauenfeld (9. bis 11. Juli).

Austausch mit anderen Festivals

«Unser Festivalteam hätte sich vom Bundesrat einen klaren Entscheid zu Grossveranstaltungen zumindest in den ersten Sommermonaten gewünscht», teilt Nora Fuchs, Mediensprecherin des Open Airs St.Gallen, mit. Weil eine genaue Anweisung als rechtliche Grundlage aus Bern bisher fehlt, bleibt eine definitive Absage fürs Festival im Sittertobel bis jetzt aus.

Nora Fuchs, Sprecherin Open Air St.Gallen.

Nora Fuchs, Sprecherin Open Air St.Gallen.

(Bild: PD)

«Wir müssen uns jetzt über die aktuelle Situation beraten und uns mit anderen Festivals austauschen», schreiben die Organisatoren ihren Fans über die sozialen Medien. Nora Fuchs erläutert:

«Dann werden wir mit klaren Aussagen kommunizieren können.»

Die Organisatoren des Open Airs Frauenfeld befinden sich derzeit ebenso im luftleeren Raum. «Die aktuelle Situation ist sehr schwierig, weil wir ohne behördliches Verbot nicht entscheiden können», sagt Joachim Bodmer, Sprecher des Open Airs Frauenfeld. Wegen der ungenauen Auswirkungen aufgrund des Entscheides des Bundesrates kann sich Bodmer nicht dazu äussern, wie es jetzt weitergeht. Er sagt:

Joachim Bodmer, Sprecher Open Air Frauenfeld.

Joachim Bodmer, Sprecher Open Air Frauenfeld.

(Bild: Andrea Stalder)
«Wir müssen warten, bis der definitive Entscheid der Behörden vorliegt.»

Grund dafür sei die fehlende rechtliche Grundlage. Ohne könnten weder Verträge mit Künstlern und Lieferanten aufgelöst werden, noch die offene Frage nach den Rückerstattungen der Tickets erfolgen. «Ohne behördliches Veranstaltungsverbot können wir uns nicht detaillierter äussern», meint Bodmer.

Detaillierter über die Enttäuschung des Entscheides aus Bern äussert sich die Swiss Music Promoters Association (SMPA), die Vereinigung der wichtigsten Schweizer Konzert-, Show- und Festivalveranstalter. SMPA-Mitglieder sind auch die OpenAir St.Gallen AG in St.Gallen (jährliches Budget: rund 11 Millionen Franken) und die First Event AG in Frauenfeld. Letztere organisiert seit jeher das Open Air Frauenfeld (jährliches Budget: rund 15 Millionen Franken). Die SMPA schreibt in einem gemeinsamen Positionspapier:

«Das langanhaltende Veranstaltungsverbot und insbesondere die nach der heutigen Medienkonferenz des Bundesrats weiter bestehende Unsicherheit sind der Super-GAU für eine ganze Branche.»

Wegen des jetzigen Entscheides bleibe nicht nur die Unsicherheit bestehen: Es seien tausende von Arbeitsplätzen gefährdet, weshalb die Zukunft für alle Veranstalter und alle ihre Mitstreiter existenzbedrohend bleibe.

Empfehlung für Ausdehnung der Massnahmen

Für bereits verkaufte Tickets, zumindest bei den beiden Festivals in der Ostschweiz, sind das zehntausende, sind die SMPA-Mitglieder übereingekommen, dass sie den Käufern einen «angemessen Gegenwert bieten wollen». Wie dieser aussieht, entscheidet jeder Veranstalter für sich. Wie die SMPA weiter schreibt, sollen die Veranstalter als kleinen Anteil an die über die erbrachten Vorleistungen einen Unkostenbeitrag von 10 Prozent des Ticketpreises zurückbehalten.

Die SMPA empfiehlt dem Bundesrat, den Zustand höherer Gewalt bis 90 Tage über das Ende der behördlich angeordneten Massnahmen auszudehnen. «Dank dieser einfachen Massnahme könnten Veranstalter unabhängig von Behördenentscheiden vor dem Zeitpunkt über eine Nichtdurchführung entscheiden, ab dem sehr viele Verpflichtungen verbindlich eingegangen werden müssen und hohe, nicht mehr rückerstattbare Kosten entstehen.»