«Wir haben drei Jahre damit gelebt» - Sirnachs Gemeindepräsident Kurt Baumann im grossen Interview

Gemeindepräsident Kurt Baumann hat privat ein sehr schwieriges Jahr hinter sich. Über seine Schicksalsschläge, aber auch über Erfreuliches spricht er in unserem Interview.

Interview: Olaf Kühne
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Nachdenklich sitzt Kurt Baumann im Sitzungszimmer des Sirnacher Gemeindehauses. (Bild: Olaf Kühne)

Nachdenklich sitzt Kurt Baumann im Sitzungszimmer des Sirnacher Gemeindehauses. (Bild: Olaf Kühne)

Kurt Baumann, im August ist Ihre Frau nach einer schweren, dreijährigen Krankheit verstorben. Wie haben Sie diese schwierige Zeit erlebt?

Intensiv und anspruchsvoll. Wir haben im September 2015 erfahren, dass Marlene, meine Frau, einen sehr aggressiven, nicht heilbaren Brustkrebs hat. Wir haben also drei Jahre lang mit diesem Wissen gelebt.

Gab es auch Tröstliches?

Ja. Rückblickend kann ich sagen, dass meine Frau – wenn auch natürlich mit Abstrichen – eine den Umständen entsprechend gute Lebensqualität hatte. Zudem hatten wir ein gutes Netzwerk aus Freunden, die uns betreuten. Dennoch – die letzten zwei Monate vor ihrem Tod waren sehr intensiv.

Mussten Sie Einschränkungen in Ihrem Amt als Sirnacher Gemeindepräsident hinnehmen?

Ich habe meine Frau während der ganzen Zeit zu ihren zahlreichen Arztterminen begleitet. Das ging aber gut und war für uns beide wertvoll. Für mich war die Arbeit zudem eine gute Abwechslung. Ich habe glücklicherweise einen interessanten und vielfältigen Job, sodass ich während der Arbeit nicht ins Grübeln kam. Schliesslich gab es ja noch weitere Schicksalsschläge.

Welche?

Im März habe ich meinen Vater verloren, im Oktober verstarb die Tante meiner Frau und im Dezember war die Beerdigung meines Schwiegervaters.

Ein katastrophales Jahr.

Nicht nur. Ich bin dieses Jahr zum ersten Mal Grossvater geworden. Ironischerweise am Vorabend der Beerdigung meiner Frau.

Beruflich, sprich politisch lief hingegen alles rund?

Das darf man durchaus so sagen. Ein Höhepunkt war, dass ich im Mai zum Vizepräsidenten des Thurgauer Grossen Rates gewählt wurde. Und mich freut besonders, dass meine Frau diese Wahl noch auf der Tribüne des Parlamentes miterleben durfte.

Und in Ihrer Gemeinde, in Sirnach?

Als Erstes kommt mir da der Baustart der Umfahrungsstrasse Spange Hofen in den Sinn. Es ist immer etwas Besonderes, wenn ein Projekt nach jahrelanger Planung endlich umgesetzt werden kann.

Gab es weiteres Positives?

Ja, sogar zahlreich. Wir konnten die Jurierung der geplanten Dreifachturnhalle präsentieren, den Umbau der «alten Migros» zur künftigen Gemeindebibliothek planen und wir haben gleich drei Bachöffnungen am Laufen, gegen die es zudem keine Einsprachen gab. Weiter konnten wir unsere Geschäftsleitung wieder komplettieren durch die Anstellung von Alain Siegenthaler als Abteilungsleiter Bau und Liegenschaften sowie von Beatrix Kesselring als Verwaltungsleiterin. Letztere Stelle mussten wir ja wegen der Mutterschaft von Jeannine Kübler neu besetzen.

Wie geht es Jeannine Kübler in ihrer neuen Rolle?

Gut, sie wird demnächst mit ihrem Kind und ihrem Mann in unsere Gemeinde, nach Wiezikon ziehen. Das freut mich natürlich sehr.

Zwei weitere Stimmbürger also. Diese scheinen überhaupt Ihre und die Arbeit des Gemeinderates zu goutieren.

Ich denke, auch das darf man so sagen. Wir erhielten dieses Jahr an beiden Gemeindeversammlungen sämtliche Anträge genehmigt. Und unsere Ortsplanung erhielt an der Urne eine Zustimmung von über 70 Prozent. Das war übrigens auch so ein Projekt, dem eine jahrelange Planung vorangegangen war.

Dann können Sie den Gesamterneuerungswahlen vom kommenden Februar ganz entspannt entgegenblicken?

Eine Wahl ist immer eine Wahl, und ich nehme jede ernst. Ich bin jetzt 60 Jahre alt und will sicher noch die ganze nächste Legislatur absolvieren. Und obwohl ich keinen offiziellen Gegenkandidaten habe, werde ich in einem gewissen Masse Wahlkampf betreiben. Zum Beispiel werde ich im Januar an einem Podium teilnehmen.

Sie sind Mitglied der SVP. Mit Ihnen und den Gemeinderäten Yvonne Koller und Urs Schrepfer ist die Partei in der siebenköpfigen Behörde bereits sehr gut vertreten. Dennoch stellt die SVP Sirnach mit Curdin Huber einen weiteren Gemeinderatskandidaten auf, hätte unter Umständen also die absolute Mehrheit im Gremium. Parteipräsident Christof Stutz sagt dazu, auf der kommunalen Ebene spiele die Parteizugehörigkeit eine untergeordnete Rolle. Teilen Sie seine Einschätzung?

Absolut. Wenn ich die Diskussionen in unserem Gemeinderat verfolge, könnte ich meistens, ohne es zu wissen, nicht sagen, wer zu welcher Partei gehört. Es geht eigentlich immer um die Sache, nie um Ideologien. Für einen Gemeinderat ist es wichtig, dass er sich Zeit nehmen kann für sein Engagement und dass sein beruflicher und privater Background stimmen. Die Parteizugehörigkeit spürst du nicht.

Es geht für Sie politisch im neuen Jahr also nahtlos weiter?

Ja, aber nach diesem Jahr bin ich jetzt erst mal einfach froh, über die Festtage endlich ein paar Tage frei zu haben.