Interview

Der Thurgauer Wirtepräsident zur fehlenden Perspektive für die Beizen: «Wir brauchen ein Datum»

Wegen Corona geschlossen. Wirtepräsident Ruedi Bartel stört sich, dass der Bundesrat für seine Branche keinen Fahrplan vorgibt. Im Interview in seiner derzeit geschlossenen «Krone» verrät er zudem, was er am ersten Tag serviert, wenn das Restaurant wieder offen ist.

Interview: Sebastian Keller und Silvan Meile
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Ein gefragter Mann: Ruedi Bartel, Gastro-Thurgau-Präsident, in seiner «Krone»

Ein gefragter Mann: Ruedi Bartel, Gastro-Thurgau-Präsident, in seiner «Krone»

(Bild: Reto Martin)
Spruch am Eingang der «Krone» in Balterswil.

Spruch am Eingang der «Krone» in Balterswil.

(Bild. Sebastian Keller)

Der Gasthof Kronen liegt im Herzen Balterswils. Neben dem Eingang prangt auf der Fassade ein Spruch: «Essen Sie bei uns, oder wir verhungern beide!» Vorerst bleibt das ein frommer Wunsch des Wirtes Ruedi Bartel. Wann Restaurants wieder öffnen dürfen, bleibt unklar.

Wie geht es Ihnen?

Ruedi Bartel: Gut und trotzdem schlecht. Jetzt haben wir Zeit, etwas anderes zu machen. Aufräumen zum Beispiel. Schlecht ist, dass wir den Betrieb nicht aufmachen können. Meine Angestellten haben alle Kurzarbeit.

Was macht es mit Ihnen emotional?

Ich habe mich damit abgefunden. Aber der Donnerstag gab mir nochmals einen Genickschuss. Ich bin nicht zufrieden, dass der Bundesrat nicht gesagt hat, wie es für uns weitergeht.

Was waren Ihre Erwartungen?

Dass wir einen Zeitpunkt bekommen, wann wir wieder aufsperren dürfen. Ich ging wie andere in der Branche davon aus, dass es Mitte Mai so weit ist. Nun ist es der 8. Juni, vielleicht. Das ist für uns ein Seich. Wir brauchen nicht weitere Unterstützungsmassnahmen, sondern wir müssen Umsatz machen können. Es braucht eine nationale Lösung, sonst gibt es böses Blut.

Einen Termin hat man nicht, aber ein Konzept vorgelegt, wie man die BAG-Massnahmen wie Distanzhalten einhalten kann.

Ja, aber diese Massnahmen sind nicht für alle geeignet. Gerade für kleine Restaurants nicht. Wenn du drei grosse Säle hast, kannst du in allen etwas machen. Ich habe nur einen Saal.

Wie sähe ein Coronakonzept für Ihre «Krone» aus?

Ich könnte vorne, bei der Theke, vielleicht sechs Plätze haben, wo es sonst 24 sind. Im Säli könnte ich 20 Plätze machen, wo ich sonst 50 Plätze habe.

Würden Sie mit beschränkter Kapazität öffnen wollen?

Nein, das liegt nicht drin. Damit lassen sich die Kosten für das Personal und den Warenaufwand nicht decken.

Sie plädieren für eine normale Öffnung auf einen bestimmten Zeitpunkt?.

Das würde ich bevorzugen, ohne Einschränkungen. Auch wenn es Mitte Juni wird.

Das Problem ist, wenn wir wieder wirtschaften, zahlen die Versicherungen nichts mehr.

Kurzarbeit zum Beispiel. Auch die versicherten Umsatzeinbussen fallen weg. Ich denke auch, dass die Leute nicht kommen, wenn wir nur halbbatzig öffnen können. Auch Bankette bleiben weg. Ich mache viel Catering und Partyservice. Das ist alles weggebrochen.

Können Sie das beziffern?

Ich hätte die Raiffeisenversammlung gehabt, ich habe für die Swiss Future Farm in Tänikon offeriert für 25 Tage, um die 150 Mittagessen täglich. Das ist alles abgeblasen.

Im Thurgau gibt es rund 1000 Gastrobetriebe. Wie viele müssen schliessen?

Ich vermute 150 bis 200. Die kleineren, die eh schon Mühe hatten, bekamen auch keinen Kredit, weil sie keine richtige Buchhaltung machen. Das Beizensterben wurde auf jeden Fall beschleunigt.

Wie geht es Ihren Stammgästen?

Normalerweise haben wir ab 9.30 Uhr einen Stammtisch, alles Pensionierte. Die sehe ich jetzt nicht mehr. Bei einer schrittweisen Öffnung trauen sie sich wohl kaum in die Beiz, weil sie als gefährdet gelten.

Ruedi Bartel erhält derzeit viele Anrufe seiner Berufskollegen.

Ruedi Bartel erhält derzeit viele Anrufe seiner Berufskollegen.

(Bild: Reto Martin)

Ihr Telefon läutet oft. Was treibt Ihre Berufskollegen um?

Aktuell, dass der Bundesrat nichts gemacht hat. Sie fühlen sich im Stich gelassen. Wir brauchen ein Datum.

Wie stark müssen die Hilfsmassnahmen des Bundes in der Gastrobranche tatsächlich in Anspruch genommen werden?

Ich gehe davon aus, dass etwa 90 Prozent der Betriebe einen Überbrückungskredit benötigen. Wer die nötigen Unterlagen wie etwa die Bilanz vorweisen kann, bekommt ihn auch. Die Rückzahlung sollte kaum ein Problem darstellen, weil man dafür ja fünf Jahre Zeit hat.

Wie viele in der Gastrobranche haben eine Pandemieversicherung?

Wer eine Pandemieversicherung hat, ist in einer glücklichen Lage. Ich persönlich gehöre zu denen, die nur eine Epidemieversicherung haben. Deshalb habe ich meiner Versicherung bereits einen scharfen Brief geschrieben.

Haben Sie schon eine Antwort erhalten?

Ja. Und sie haben bereits bezahlt. Da zeigten sie sich unkompliziert. Das ist bei mehreren Versicherungen der Fall. Es gibt aber auch solche, die hier noch klemmen, das habe ich von Branchenkollegen erfahren. Hier ist wichtig, dass alle Versicherungen gleichziehen.

Welche Massnahmen sind sonst noch wichtig?

Ein anderer uneinheitlicher Aspekt besteht bei den Mieten. Hier stellt sich die Frage: Wie kommen die Vermieter den Mietern entgegen?

Da ist halt alles Wischiwaschi.

Etwas forsch angegangen ist dieses Problem der Gastroverband Zürich, der gleich kompletten Mieterlass forderte. Da hätte man zuerst wohl das Gespräch mit dem Hauseigentümerverband suchen sollen.

Welche Erfahrungen machen die Thurgauer Wirte?

Ich höre zweierlei. Solche, bei denen der Vermieter Verständnis aufbringt, und solche, bei denen das überhaupt nicht der Fall ist. Es kommt halt auch drauf an, wie du als Beizer die Miete zahlst. Wenn du sowieso laufend im Rückstand bist, musst du dich nicht über fehlenden Goodwill wundern. Aber wenn du immer pünktlich zahlst, dich um die Liegenschaft kümmerst, kann es gut sein, dass der Vermieter ein Auge zudrückt und aktuell nicht den vollen Betrag verlangt.

Das Säli des Restaurants Krone. Ruedi Bartel ist derzeit sein eigener Gast.

Das Säli des Restaurants Krone. Ruedi Bartel ist derzeit sein eigener Gast.

(Bild: Reto Martn, 18. März)

Wie ist die Situation bei Ihren Verbandsmitgliedern, die derzeit anrufen?

Die meisten brauchen erstmals Hilfe beim Ausfüllen der Dokumente für Kurzarbeit. Oft werde ich gefragt: Bekomme ich als Selbstständiger auch Geld? Dann sage ich: Ja, Corona-Erwerbsersatz für Selbstständigerwerbende.

Das geht um die maximal 196 Franken pro Tag?

Genau. Dafür braucht es ein Formular. In fünf Minuten ist das ausgefüllt. Ich habe das vor einer Woche erledigt, das Geld ist bereits auf der Bank. Alles läuft sehr unkompliziert. Das gilt auch für die Überbrückungskredite und für die Kurzarbeitsentschädigung für die Mitarbeiter. Keiner unserer Verbandsmitglieder hat hier Probleme.

Was setzen Sie am Tag, an dem Sie ihr Restaurant wieder aufmachen können, auf den Menuplan?

Sicher Pommes frites. Das haben die Gäste immer gerne. Seit dem 16. März ist die Fritteuse abgestellt und geputzt.

Was kommt noch auf den Tisch?

Ein richtiges Stück Fleisch, etwas Gemüse. Suppe und Salat, wie immer. Dann ein Dessert. Ich hoffe, dass es das am 8. Juni gibt. Das Getränk offeriere ich, damit die Leute merken, dass sie wieder willkommen sind.